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Wie weiland Tom am Trick-Klavier
Von Markus Bruderreck - Fotos von Michael Kneffel Wo der Pianist Lang Lang auftaucht, ist Jubel garantiert. In der Essener Philharmonie bedankte sich das Publikum bei dem 23-jährigen Chinesen mit Ovationen für zweieinhalb Stunden Programm, zu dem schließlich auch ein ganzer Strauß Zugaben gehörte, unter anderem sein oft gespieltes Traditional vom Mond, der sich auf dem See bei Nacht spiegelt, aber auch der allseits beliebte Hummelflug von Rimsky-Korsakoff.
Lang Lang Man kann die Faszination verstehen, die von Lang Lang ausgeht. Als noch recht kindlicher Strahlemann schließt er dem Zuhörer während seines Spiels alle Kammern seiner Seele auf, wirft sich mit einem Maximum an Emotion und Gefühl in seine Stücke. Sehet hier: mein Herz! Das ist es, was ich Liebe! Von großen Teilen des Publikums wird er dafür verehrt, von den Kritikern jedoch oftmals nicht. Denn es gehört wahrlich mehr dazu, um ein Pianist der Spitzenklasse zu werden. Zumindest als solch einer möchte uns die perfekt funktionierende Werbemaschinerie von Deutsche Grammophon uns Lang Lang ja verkaufen. Schon seit geraumer Zeit ist der pianistische Shooting Star mit dem Programm, das er in Essen präsentierte, auf Tournee, wird es auch noch in den nächsten Wochen, Monaten sein. Mit der fast identischen Stückfolge eröffnete er im Frühsommer 2005 übrigens bereits das letzte Klavier-Festival Ruhr. Seit damals hat Lang Lang dazu gelernt. Von Daniel Barenboim und Christoph Eschenbach unterrichtet, weiß er sich jetzt am Flügel etwas mehr zusammen zu reißen. Damit hatte es sich aber auch schon mit den positiven Veränderungen.
Lang Lang
Alles andere als klassisch ausgewogen kommt die C-Dur Sonate von Haydn daher. Ein seltsam hohes Tempo beherrscht den ersten Satz, während der zweite poetisch versinkt. Die unverstellte Heiterkeit des Finales trifft Lang Lang gut: Insgesamt doch ein gelungener Auftakt. Doch schon in der dritten Sonate von Chopin sieht das anders aus. Hier gewinnen chromatische Läufe im ersten Satz zwar eine eigene Ton-, ja sogar Geräuschqualität, während das gesamte Maestoso" allerdings als eher formloser Brei ohne dramaturgische Folgerichtigkeiten daherkommt. Schlimmer wird es im Largo, wo Lang Lang derart der Musik hinterher sinnt, dass man ihm nicht mehr folgen kann und mag. Tiefe herrscht hier, von keinem Geist tangiert. Langeweile breitet sich aus. An der Idee des Stückes vorbei spielt der Pianist auch in Schumanns Kinderszenen". Zwar gelingt die erste Hälfte in den Kontrasten einigermaßen überzeugend. Doch hat Lang Lang sich jemals damit beschäftigt, was Schumann mit diesem Zyklus wollte? Die Kinderszenen" sind nostalgische Rückschau, von einem Erwachsenen für Erwachsene und eben keine albernen Szenen von kleinen Gören, dessen Verhalten sich in der Musik wiederspiegelt. Schön: Die Träumerei" bleibt einigermaßen konsistent. Weniger schön dagegen: der Schluss, der sich endlos dehnt. Komm zum Punkt, Junge!", möchte man ihm da zurufen. Bizarr und exzentrisch kommen dann die beiden Preludes aus Opus 23 von Rachmaninow daher, die wesentlich überzeugender gelingen als das geistlose, penetrant pornografische Präludieren, das die Wiedergabe des Lisztschen Sonetto 104" von Petrarca bestimmt. Natürlich präsentiert Lang Lang dann die Ungarische Rhapsodie Nr. 2" als Zirkusnummer mit Klatschgarantie. Das Stück war als Musikunterlage bei Tom und Jerry" sein Erweckungserlebnis in Sachen klassische Musik. Beherrscht ist sie vom Unverhältnis der zerbröckelnden langsamen Einleitung und der daran anschließenden, formlosen, unkontrollierten Raserei. Und Lang Lang tobt am Ende wirklich wie weiland Tom am Trick-Klavier. Lang Lang sieht sein Programm, das er in Essen auftischte, als Abschied von der Kindheit. Ab jetzt wird Bach und Beethoven gespielt!", lässt er verlauten. Dafür hat er das Rüstzeug noch lange nicht. Dennoch wird uns in Sachen Lang Lang in Zukunft dennoch wohl nur wenig erspart bleiben. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Lang Lang Klavier Joseph Haydn Sonate C-Dur Hob XVI/50 Frédéric Chopin Sonate Nr. 3 h-moll op. 58 Robert Schumann Kinderszenen op. 15 Sergej Rachmaninow Prélude op. 23 Nr. 2 B-Dur Prélude op. 23 Nr. 5 g-moll Franz Liszt Sonetto 104 del Petrarca Ungarische Rhapsodie Nr. 2 Johannes Brahms
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