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Zyklus „Mozart, Beethoven, Schostakowitsch“
1. Konzert


20. November 2005

Philharmonie Essen
Alfried Krupp Saal
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Philharmonie Essen (Homepage)
Mozart-Glück und Seelenqualen

Von Markus Bruderreck

So genannte „Residencys“ von Komponisten, Ensembles oder Orchestern bieten oft die Möglichkeit, die Fähigkeiten von Künstlern genauestens zu studieren. In der Philharmonie „residiert“ nun schon zum im zweiten Jahr das famose Petersen Quartett. Conrad Muck und Daniel Bell (Violine), Friedemann Weigle (Viola) und Henry-David Varema (Cello) präsentieren in diesem Jahr in drei Konzerten einen programmatisch stets gleich strukturierten Zyklus. „Mozart, Beethoven, Schostakowitsch“ lautet das Motto ihrer Auftritte im Alfried Krupp-Saal, wobei man die Mozart-Werke wohl getrost als Tribut an das bevorstehende Jubeljahr 2006 deuten darf.

Schon jetzt ist Mozarts Musik allerorten präsent. Das könnte für manchen ein Grund dafür sein, sich programmatisch aus Trotz etwas ganz anderem zuzuwenden. Im Falle des Petersen Quartetts wäre das allerdings ein großes Unglück, denn gerade die Musik dieses Komponisten – wie die Musik der Klassik und Romantik überhaupt – setzen die Musiker kongenial um. Das Streichquartett A-Dur KV 169 ist die Komposition eines 17-jährigen, stilistisch noch nicht ganz ausgewogen, aber schon mit hinreißender Melodik gesegnet. Beim wie stets elegant spielenden Petersen Quartett bleibt das Werk luftig und zart, wirkt nicht überzeichnet. Das weit ausholende Andante erhält äußerst verspielt wirkende Triller, die sich übrigens auch im Menuett fortsetzen, das schneller vorbei ist, als man zuhören kann. Und wenn schließlich auch das Final-Rondo vorüber gehuscht ist, breitet sich im Zuhörer fast so etwas wie Glück aus: Soeben hat eine Interpretation ihr Ende gefunden, die geradezu ideal den Geist Mozarts einfängt. Auch die Zugabe des Abends, das „Adagio“ aus dem „Jagdquartett“ KV 458, ist von bestürzender Schlichtheit und dennoch von großer interpretatorischer Tiefe. Das berührt.

Dem klassischen, unpersönlichen und unbeschwerten Gestus der Mozartschen Musik stand dann Ringendes, Bekenntnishaftes gegenüber. Dmitri Schostakowitsch schrieb sein Streichquartett Nr. 8 op. 110 im Jahr 1960 als vorläufiges Resümee seines Lebens. Der Komponist hat in seinen Quartetten schon immer das gesagt, was er mit „offiziellen“ Werken nicht ausdrücken konnte oder wollte. Das achte Streichquartett ist wie andere Werke Schostakowitschs eine Abrechnung mit dem Stalinismus, aber auch ein Aufbäumen gegen Terror- und Gewaltherrschaft allgemein. Das eigene Leiden wird zum Thema und bohrt sich mithilfe des omnipräsenten Tonmonogramms „D – Es – C – H“ durch alle Sätze. Verbitterung und Verzweiflung macht sich hier Luft, nicht zufällig ist das Werk dem Gedenken an die Opfer des Faschismus und des Krieges gewidmet. Motettisch hebt das Hauptthema an, entwickelt sich verhalten. Wer nach so viel Introspektion denkt, das Petersen Quartett verstünde sich nicht auf die nötige Ruppigkeit, die für das folgende „Allegro molto“ nötig ist, täuscht sich. Grob und obsessiv gibt sich dieser Satz. Das Schlusslargo führt dann in fein nuancierte Abgründe, es folgt eine lange Pause und äußerste Stille im Publikum. Zweifellos, eine bedeutende Interpretation dieses Werkes. Dennoch hat man es schon kompromissloser, härter gehört. Vielleicht verhindert paradoxer Weise gerade die ungemeine Differenziertheit und die Eleganz des Petersen Quartetts, das diese Musik wirklich betroffen macht.

Die Verbindung dieses Werkes mit dem Opus 132 von Ludwig van Beethoven war klug – auch, wenn es vielleicht nur Zufall gewesen sein mag, dass die Anfangstakte des „Assai sostenuto“ so große Ähnlichkeit mit denen des Schostakowitsch-Werkes aufweisen. Auch dieses Stück diente dem Komponisten als eine Art „Freispielen“ der Seele. Die Kontraste in dem berühmten „Heiligen Dankgesang eines Genesenden an die Gottheit, in der lydischen Tonart“ gelingen dem Petersen Quartett äußerst überzeugend: Ein fahler, altertümlicher Ton steht einem heiteren Treiben im Andante gegenüber: Rekonvaleszenz, die absolut glaubhaft wirkt. Ruppig dagegen wieder das Rezitativ, das den Zuhörer kurz angebunden ins Finale führt. Überall sprüht hier das überlegte Temperament der Musiker, spürt man ebenmaß und Spielkultur. Alles in allem also: ein großartiger Auftakt der neuen „Residency“ in der Philharmonie – und ein wunderbares Versprechen für die Konzerte, mit denen der Zyklus im März und Juni nächsten Jahres fortgesetzt wird. Das Publikum dankte mit viel Beifall und auch einigen Bravos. Zudem war es zahlreicher erschienen als noch in der letzten Saison: Eine Anerkennung, die sich die Musiker mit ihren erstklassigen Interpretationen mittlerweile erspielt haben und die ihnen zweifellos und unumschränkt zusteht.




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Petersen Quartett

Conrad Muck, Violine
Daniel Bell, Violine
Friedemann Weigle, Viola
Henry-David Varema, Cello




Wolfgang Amadeus Mozart
Streichquartett A-Dur KV 169

Dmitri Schostakowitsch
Streichquartett Nr. 8 c-moll op. 110

Ludwig van Beethoven
Streichquartett a-Moll op. 132

Zugabe:
Wolfgang Amadeus Mozart
Adagio aus dem Quartett B-Dur KV 458
(„Jagdquartett“)



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