|
Veranstaltungen & Kritiken Konzerte |
|
|
|
|
Bach für kranke Kinder
Von Christoph Wurzel / Fotos: Andrea Kremper Die Benefizkonzerte des Bundespräsidenten haben inzwischen Tradition, seit Richard von Weizsäcker im Jahre 1988 zum ersten Mal in die Berliner Philharmonie einlud. Illustre Solisten und die nahmhaftesten deutschen Orchester haben seitdem zugunsten wohltätiger Zwecke musiziert. Von Anne Sophie Mutter im ersten Konzert reicht die Liste bis zu Simon Rattle im vergangenen Jahr. Dietrich Fischer Dieskau hat zugunsten der Erhaltung jüdischer Friedhöfe in Berlin gesungen, Mstislav Rostropowitsch für die Deutsche Künstlerhilfe gespielt, Carlos Kleiber für die UNICEF dirigiert und Bernhard Haitink für Straßenkinder in Berlin. Auch Barenboim, Maazel und Thielemann waren musikalische Zugpferde bei den jährlichen Konzerten, die bisher immer in der Berliner Philharmonie erklungen waren. Zum ersten Mal fand nun das Konzert des Bundespräsidenten außerhalb der Hauptstadt statt und das Festspielhaus in Baden-Baden erhielt den Zuschlag, was einem Ritterschlag gleichkomme, wie der baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger stolz verkündete. Und stolz machte diese besondere Premiere natürlich auch den Intendanten Andreas Möhlich-Zebhauser. Reihum soll das Konzert nun alljährlich in allen Bundesländern veranstaltet werden.
Bundespräsident Horst Köhler mit Andreas Möhlich-Zebhauser im Baden-Badener Festspielhaus
Natürlich war dieses Konzert auch ein gesellschaftliches Ereignis. Nicht allein, dass das Festspielhaus mit seinen rund 2500 Plätzen ausverkauft war, auch zahlreiche Ehrengäste waren gekommen, die neben dem Präsidentenpaar dem Ereignis Glanz verliehen, unter ihnen sogar der Präsident des chinesischen obersten "Volksgerichtshofes". Und nach dem pausenlosen Konzert nahm Köhler ganz leutselig den Kontakt zum Publikum auf, das bei kostenlosen Häppchen und Getränken noch lange die Foyers bevölkerte. Zur Begrüßung pries Oettinger die Kinderfreundlichkeit des Musterländles und Köhler fand herzliche und sehr persönliche Worte zum Anlass des Konzerts und dem Verwendungszweck der Spendengelder. 250.000 Euro waren schließlich als Erlös aus dem Überschuss des Kartenverkaufs und zusätzlichen Sponsorenbeiträgen zusammengekommen und werden für die Unterstützung von Kinderhospizen in Bund und Land verwendet. Ein überaus würdiger Zweck für Musik, wie sie an diesem Abend erklang. Nachdem ein Chor aus Baden-Badener Gymnasiasten die Deutschlandhymne fast so zackig wie eine Militärkapelle dargeboten hatte, durften die Balthasar-Neumann-Ensembles die kulturellen Glanzlichter setzen. Es war eine sehr gute Wahl, die auf Thomas Hengelbrock und seine Ensembles für dieses Konzert gefallen war. Wiederholt hatten sie bewiesen, dass sie gegenwärtig zu den beeindruckendsten Originalklang-Musikern gehören und jedes Mal, wenn sie auch in Baden-Baden aufgetreten waren, hatten sie tiefe und bewegende musikalische Eindrücke hinterlassen. Auch bei Bachs h-Moll-Messe war dies zu erhoffen und die Erwartungen wurden überreich erfüllt. Es war an diesem Abend ein inniges Musizieren, das dem Wesen von Bachs Musik nicht nur aufs Schönste angemessen war, sondern der aufmerksamen Zuhörerschaft auch einen Zugang zu der spirituellen Dimension dieser Musik aufschloss. Hengelbrock hat es mit seinem Ensemble zur Tradition gemacht, dass die Gesangssolisten aus der Gemeinschaft des Chors hervorgehen und sich nicht exponiert herausheben. Dies führt zu einem besonders homogenen Gesamtbild, das der Musik den Vorrang vor den Eitelkeiten der Künstler gibt. So gelangen die Solonummern dieser Messe besonders zu eindrucksvollen Beispielen der ganz persönlichen Bachschen Musiksprache, etwa in dem mit ganz unspektakulärer Stimme und schlicht gesungenen "Benedictus", wo eine fromme Seele ohne Schnörkel ihren Herrn preist. Der Tenorsolist zeigte sich hier auf ganz ungekünstelte Weise als Künstler im Dienst allein der Musik.
Balthasar-Neumann-Ensemble und -Chor
Das Instrumentalensemble zeichnete sich durch feinnervige, sensible Spielweise aus, intensiv der Klangrede der Musik nachspürend und hervorragend ausgewogen im Zusammenspiel. Die begleitenden obligaten Soloinstrumente traten zu den Gesangssolisten homogen als kantable Partner hinzu, wobei einzig das Naturhorn stellenweise nicht genügend durchdrang. Die Holzbläser präsentierten sich dagegen mit warmem Ton, bestens disponiert und strahlend die Trompeten und in weicher Intonation die Streicher. Hengelbrock ließ die Musik atmen und schwingen und sein Ensemble folgte ihm in perfekter Abstimmung, das Resultat langjähriger gemeinsamer Musizierpraxis und ein großer Vorzug von gewachsenen Künstlergemeinschaften wie dieser. Vor zehn Jahren hat Hengelbrock gemeinsam mit Achim Freyer bei den Schwetzinger Festspielen eine szenische Darstellung der h-Moll-Messe realisiert, wobei deren Ausdrucksgehalt körperlich anschaulich und erfahrbar wurde. Aber auch die rein musikalische Aufführung nun in diesem Konzert war auf ergreifende Weise geeignet, die emotionale Tiefe von Bachs Opus summum sinnlich zum Ereignis werden zu lassen. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Balthasar-Neumann-Chor und Solisten Balthasar-Neumann-Ensemble Musikalische Leitung Thomas Hengelbrock Johann Sebastian Bach Hohe Messe in h-Moll BWV 232 Eine Fernseh-Aufzeichnung des Konzerts wird am 16. April 2006 ab 9.45 Uhr bei 3sat zu sehen sein. Im Hörfunkprogramm von SWR2 wird das Konzert am 22. Mai 2006 ab 19.05 Uhr gesendet
|
© 2005 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: konzerte@omm.de