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Johann Sebastian Bach
Weihnachtsoratorium
BWV 248
Kantaten 1 bis 6


16. Dezember 2005 Festspielhaus Baden-Baden
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Festspielhaus Baden-Baden
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Jauchzet, frohlocket!

Von Christoph Wurzel / Foto: Festspielhaus

Aus rund dreißig Knaben- und Jung-Männerkehlen erschallen mit Schwung und Frische die Worte dieses festlichen Eingangschores, unaufhaltsam vorangetrieben von den prasselnden Pauken, schmetternden Trompeten und singenden Saiten, um nach 80 mitreißenden Takten in den Worten "Jauchzen und Fröhlichkeit" zu gipfeln - eine unbändige Sangeslust und Musizierfreude drückt sich hier aus und der spirituelle Sinn des Weihnachtsfestes, die reine, lautere Freude, teilt sich plötzlich ganz unmittelbar und ganz verdichtet mit. Von Anfang an vermag diese Interpretation eines doch so bekannten Werkes das Publikum in Staunen zu versetzen und zugleich im Geist von Text und Musik gefangen zu nehmen.

Der Tölzer Knabenchor singt mit selten gewordener Inbrunst und spontaner Unverkrampftheit. Das hervorragende L`Orfeo Barockorchester liefert dazu einen ungekünstelten etwas rauen, aber kernig zupackenden instrumentalen Untergrund. Beide ergänzen sich zu einem Klangbild, das man als besonders authentisch empfindet - so oder annähernd so mag es in der Thomaskirche vor rund 270 Jahren wohl geklungen haben. Gerhard Schmidt-Gaden, Leiter der Tölzer Knaben seit beinahe 50 Jahren und Gründer dieses inzwischen höchst renommierten Ensembles, geht mit dieser Aufführungsweise wohl den konsequenten Weg in der sogenannten Historischen Aufführungspraxis. Er besetzt so, wie es Bach auch tat: ein mittelgroßer reiner Knabenchor, auch die hohen Solopartien mit Knabenstimmen und ein klein besetztes Orchester mit solistisch geprägter Spielkultur, natürlich auf historischen Instrumenten.

Vergrößerung in neuem Fenster Tölzer Knabenchor

Was Knabenstimmen zu leisten vermögen, stellten die drei jungen Solisten in diesem Konzert eindrucksvoll unter Beweis. Besonders der (namentlich leider ungenannte) Alt-Solist überzeugte in überragender Weise durch technische Perfektion und musikalische Wahrhaftigkeit. Dieser vielleicht elf- oder zwölfjährige junge Sänger bewältigte seinen umfangreichen Part wirklich bravourös und sang sich - diese abgegriffene Formel mag hier einmal erlaubt sein - in die Herzen des Publikums. Die umfangreiche Altpartie des Weihnachtsoratoriums meisterte der Steppke zudem couragiert wie ein Vollprofi.

Mit fester Stimme, aber stellenweise wohl von Lampenfieber geplagt, trat der Sopransolist (ebenfalls leider ein Anonymus) vor das Publikum, in der Echoarie des IV. Teils von einem noch jüngeren Sängerknaben ergänzt. War der Beobachter anfangs noch von der Seltenheit der Situation beeindruckt, so schwand jeder sachfremde Gedanke vor dem musikalischen Eindruck, den diese jungen Solisten hinterließen. Eine strahlende vokale Helligkeit und stimmliche Reinheit, die verbunden ist mit intensiver Durchdringung des weiten Raumes, vermögen wirklich wohl nur so gut geschulte Knabenstimmen hervorzubringen.

In seinem Begleittext zum Programmheft erklärt Gerhard Schmidt-Gaden dieses Phänomen ganz einfach physiologisch mit dem gegenüber der weiblichen Anatomie etwa um ein Drittel größeren Knaben-Kehlkopf, der Töne von bis zu 5000 Hertz erzeugen könne. Dies ist nur die Hälfte davon, was auch ein Countertenor oder Falsettist stimmlich zu erreichen vermag. Aber nicht nur dies - es war auch die jungenhafte Spontaneität und Unverkrampftheit, die Echtheit im Ausdruck, die Natürlichkeit im Auftreten, was so stark wirkte.

Die Basspartie war mit einem ehemaligen Tölzer Chormitglied besetzt: Panajotis Iconomou war in den achtziger Jahren selbst Altsolist im Knabenchor und hatte mit 12 Jahren seine erste Opernrolle. Heute gastiert er an großen Häusern zwischen Cardiff, Köln und Neapel. Seine Stimme ist weich und geschmeidig, von festem Sitz und klar in der Färbung, dabei flexibel geführt und makellos in der Textdeutlichkeit. Unverkennbar die beste Schule - so wie seine jungen Kollegen von heute. Im Duett mit seinen jungen Partnern nahm sich Iconomou deutlich zurück - ein Detail, das von Einfühlsamkeit und Sensibilität zeugt.

Auch der Tenor war ausgesucht gut. Lothar Odinius sang den Evangelisten und die Arien mit kultivierter Stimme. Sein Lagenwechsel war elegant, der Duktus der Rezitative äußerst textgemäß. Dabei war er zurückhaltend als Erzähler, aber intensiv im Sinne der Aussage. Die Arien gestaltete Odinius mit beredter Emphase und sprühender Lebendigkeit. Ein überaus einnehmender Botschafter des weihnachtlichen Mysteriums.

Schmidt-Gaden schlug ein zügiges, lebhaftes Tempo an. Das Orchester folgte mit Elan und tauchte die Musik in farbige Frische. Wunderschön gelang die Sinfonia zu Beginn des 2. Teils mit ihrer Zwiesprache zwischen dem Chor der Engel in den Geigen und dem der Schäfer in den Oboen und Schalmeien. Prachtvoll überstrahlten die Trompeten das musikalische Geschehen in den entsprechenden Nummern, die Hörner erklangen ohne Fehl und Tadel - ein differenzierter und subtil aufeinander eingestimmter Orchesterklang zeichnete diesen Klangkörper aus.


FAZIT

(Vor-)Weihnachtliche Freude war bei diesem Konzert garantiert und ein Genuss obendrein, der das penetrante Liedgedudel der meisten Weihnachtsmärkte vergessen ließ.




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(Veröffentlichung vorbehalten)
Solisten des
Tölzer Knabenchors
Sopran und Alt

Lothar Odinius
Tenor

Panajotis Iconomou
Bass

Tölzer Knabenchor

L`Orfeo Barockorchester

Musikalische Leitung
Gerhard Schmidt-Gaden



Johann Sebastian Bach
Weihnachtsoratorium
BWV 248
Kantaten 1 bis 6




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