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Konzert-Matinee
der Universität Duisburg-Essen
anlässlich des 40-jährigen Bestehens
des Universitätsorchesters


6. Februar 2005

Philharmonie Essen
Alfried Krupp Saal
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Philharmonie Essen (Homepage)
Was Mussorgky von Ravel gewinnt
und eine Hochschule an ihrem Orchester hat

Von Christoph Kammertöns

Das Jubiläumskonzert eines Universitätsorchesters mag der unkundige Konzertgänger mit gemischten Gefühlen besuchen. Er wird ein Laienorchester erwarten - hochambitioniert selbstverständlich - das sich, so gut es die Mischung aus Germanistikstudenten, Bibliothekspersonal, Medizinprofessoren und auswärtigen Ergänzungen wie Lehrern, Hebammen und Webdesignern zulässt, mit einem zu schwer gewählten Programm müht. ^

In der Essener Philharmonie durfte man angesichts der Programmierung zum 40-jährigen Bestehen des Orchesters der Universität Essen - nun Universität Duisburg-Essen - im Vorfeld durchaus gemischte Gefühle hegen; dies in Erwartung einer Werkauswahl, die nachdrücklich musiziert mit Leonard Bernsteins Candide-Ouvertüre brillante Verve und Flexibilität fordert, mit Maurice Ravels Ma mère l'oye in ein irisierendes Meer changierender Klangfarben eintauchen und schließlich in Modest Mussorgskys, von Ravel orchestrierten, Bildern einer Ausstellung Dynamikextreme und halsbrecherische Soli zu eindrucksvoller Geltung bringen muss.

Wurde dieser Anspruch eingelöst? Ja, in erstaunlich gelungener Weise! Vielleicht, dass der Streicherklang durch nicht vollständig entwickelte Homogenität das Liebhaberensemble verriet und der ein oder andere Solist spürbar nervös war. Aber was zählt das angesichts einer grundsätzlich entwickelten individuellen und kollektiven Könnerschaft wie angesichts einer durchdachten und insbesondere bei Mussorgsky auch leidenschaftlichen Darbietung so verschiedener Werke.

Der Folkwangabkömmling Oliver Leo Schmidt, seit 2002 Dirigent des Orchesters, konnte sich auf die Aufmerksamkeit und instrumentale Fertigkeit seiner Musiker verlassen. Sein klares und differenziertes Dirigat vermochte eine Sicht auf die dargebotenen Werke zu vermitteln, die eine analytische Handschrift offenbarte - dies wohl auch dann, wenn mancher Zuhörer ein Quäntchen mehr ungezügelten Schwung gerne ergänzt erlebt hätte. So wirkte die Candide-Ouvertüre sauber einstudiert aber etwas im Notentext befangen, fühlte man das Stück eher vorgestellt als frisch aufgespielt dargeboten. Aber auch diese Sicht hat ihre Berechtigung: angesichts einer hervorragend strukturierten Musik einerseits, angesichts der leichten Zugänglichkeit ganz verschiedener Annäherungen andererseits.

Ma mère l'oye lebte im weiten Raum der Essener Philharmonie von einfühlsamer, gedehnter Zeitgestaltung. Das Auditorium wurde von einer Musik erfüllt, die die Geltung objektiver Zeit zu verneinen scheint, die im subjektiven Erleben Raum greift und zu jener Ruhe befähigt, die das Hören eines Klangs im Jetzt ermöglicht, ohne das Gleich schon mitzudenken. Es ist das Verdienst des Orchesters, durchaus über eine Klangkultur zu gebieten, die eine Vertiefung in einen momentanen Wohllaut erst ermöglicht; und es ist das Verdienst von Oliver Leo Schmidt, das Wohlbemessene und Gegenwärtige dieser Musik im Raum erstehen lassen zu haben.

Die Bilder einer Ausstellung schlossen sich konzeptionell glücklich an den vorangegangenen Programmpunkt an, wurde doch einmal mehr offenbar, wie sehr die Instrumentation Einfluss auf die Gestalt eines Werkes nimmt. War Ma mère l'oye als perfekte Synthese zwischen Instrumentation und Form zu erleben, so erschien Ravels instrumentierender Zugriff auf die Bilder einer Ausstellung als geradezu mäßigender Kommentar zur ungebärdigen originären Klavierfassung Mussorgskys: Eine Art ›Musik über Musik‹ führt auf anderen Wahrnehmungswegen durch dieselbe Ausstellung. Beschließend stand ein tönendes "Großes Tor von Kiew" im Raum der Philharmonie, das die Fülle und Durchschlagskraft dieses 80-köpfigen Klangkörpers zur vollen Erscheinung brachte.

Wer im Orchester könnte sich wohl als Fels begreifen, auf dem die Kirche der Ensemblekultur gebaut wird? Die Kontrabässe natürlich! Wenn es deren in einem Laienensemble immerhin fünf gibt, dann ahnt man, dass der Rest ebenso solide und in angemessener personeller Stärke gebaut ist. Auch in diesem Sinne ein Glückwunsch an Oliver Leo Schmidt, der die orchestererzieherische Arbeit seiner VorgängerInnen so erfolgreich fortsetzt. Ein Glückwunsch schließlich an einen Klangkörper, der sich dem edlen Rahmen der Essener Philharmonie im Musizieren wie auch im professionellen Auftreten vollauf gewachsen gezeigt hat.

Ließ der Gründungsrektor der fusionierten Universität Duisburg-Essen, Lothar Zechlin, in seiner Begrüßungsrede die Hoffnung und den Stolz erkennen, zu neuen Ufern einer vielgestalten Kooperation und Außenwirkung der Universität aufzubrechen, so mag das Universitätsorchester als tätiger Ausdruck der Außenbeziehungen der Hochschule genannt werden dürfen: Nur 30% der Mitglieder sind Hochschulangehörige.

Bei allem häufig zu hörenden Kulturpessimismus: Es steht gut um ein Land, in dem sich vielerorts musizierende Laien zusammenfinden, die immer wieder und erfolgreich zu ernstzunehmenden kulturellen Leistung aufbrechen. Das Essener Universitätsorchester überzeugte mit einer Höchstleistung, zu der Eberhard Passarge, Musikbeauftragter der Universität, mit erhellenden Werkeinführungen charmant und fachkundig beitrug.




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Universitätsorchesters der
Universität Duisburg-Essen

Dirigent: Oliver Leo Schmidt


Leonard Bernstein (1918-1990)
Candide-Ouvertüre

Maurice Ravel (1875-1937)
Ma mère l´oye

Modest Mussorgsky (1839-1881)
Tableaux d´une exposition
Bilder einer Ausstellung
(Orchesterfassung v. Maurice Ravel)



Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Philharmonie Essen
(Homepage)



Da capo al Fine

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