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Wohlige Klanglandschaften
Von Christoph Wurzel / Fotos:pr Mitten im regnerisch kalten Herbst von Baden-Baden hat das London Philharmonic Orchestra sein Publikum im Festspielhaus der Kurstadt in Sphären wohliger Klangwelten entführt und ein Landschaftspanorama der europäischen Romantik entfaltet, das vom wild bewegten schottischen Hochland bis zu den schaurig schönen Bildern des französischen Dichters Théophile Gautier in den Liedern von Héctor Berlioz und von der Ausgelassenheit rheinischer Bauerntänze bis zur empfindsamen Serenade in einem polnischen Salon des Jahres 1830 reichte. Unter der ebenso temperamentvollen wie präzisen Stabführung seines Associate Conductor Dirk Joeres gestaltete sich das Programm zu einer abwechslungsreichen Reise durch repräsentative Werke des 2. Viertels des 19. Jahrhunderts und gab einen Einblick in die Vielfalt dessen, was landläufig musikalische "Romantik" genannt wird. Reiche Klangfarben, gesättigt orchestrale Stimmungsmalerei und solistische Beiträge von ausgeprägter Individualität schufen einen weit gespannten Bogen musikalischer Poesie. Eröffnet wurden die Konzerte jeweils wie es sich gehört mit einer Ouvertüre. Am ersten Abend war dies die nostalgische Beschwörung der keltischen Vorzeit in Gestalt des blinden Sängers Ossian, den Goethe schon Homer gleichgestellt hatte. Dass es sich dabei um eine Phantasiefigur des englischen Dichters MacPherson handelt, tut der romantischen Wirkung von Niels Wilhelm Gades Komposition aber keinen Abbruch. In schwärmerisch rhapsodischem Ton beschwört er die "Nachklänge von Ossian" in dem elegischen Cellomotiv der Einleitung herauf. Bald übernehmen die machtvoll geblasenen Posaunen der Londoner Philharmoniker choralartig die visionäre Verklärung der Vergangenheit. In einem zart-lyrischen Harfensolo verklingt diese gälische Traumphantasie wieder, unterlegt vom mehrfachen Pianissimo sanfter Paukenschläge. Eine stimmungsvolle Einleitung war auch am zweiten Abend eine Ouvertüre des 1816 geborenen Engländers William Sterndale Bennett, in der er klangsinnlich "Die Najaden" bei ihren Wasserspielen beobachtet. Auch hier ließ das Orchester die Tonmalerei besonders in den Bläserstimmen erblühen.
Ewa Kupiec
Die polnische Pianistin Ewa Kupiec bot mit zart nuanciertem Anschlag eine begeisternde Aufführung des e-moll -Klavierkonzertes ihres Landsmannes Frédéric Chopin. Besonders den 2 Satz, eine verträumt melancholische Romanze, spielte Ewa Kupiec mit dezent verinnerlichtem Gefühl wie ein Nocturne, das aus einer schemenhaften Dunkelheit herüberglänzt. Mit energischem Temperament nahm sie den rondohaften Tanzrhythmus des 3. Satzes auf und steigerte das Konzert zu einem fulminanten Finale. Mehr als nur Begleitung war bei allem das Orchester, obwohl der Komponist ihm eine untergeordnete Rolle zugemessen hat. Es führte klangschön über die harmonischen Brücken und belebte die dekorativen Flächen nicht ohne Ausdruck. In den "sechs Melodien mit kleinem Orchester" ließ Dagmar Peckova in "Les nuits d` été" lyrische Empfindungen von Théophile Gautier nacherleben, die Hector Berlioz zu seinem Liederzyklus verbunden hatte. Die Lieder handeln von der Erinnerung an die Liebe, von der Vergänglichkeit und dem Tod. Dagmar Peckova traf den morbid melancholischen Ton der Gesänge treffend genau und verlieh mit ihrem warmem Mezzosopran den opernhaften Liedminiaturen lebendige Gestalt. Auch hier war Dirk Joeres mit dem klangsensibel aufspielenden Orchester ein ebenso hellwacher wie behutsamer Begleiter.
Dagmar Peckova
Schluss und Höhepunkt der Konzerte bildeten jeweils eine Sinfonie: Mendelssohns "Schottische" am ersten und Schumanns "Rheinische" am zweiten Abend. Auch diese Werke malen jedes auf seine Weise intensive Klangbilder auf einen geistigen Horizont. Die von Mendelssohn atmosphärisch dicht eingefangenen Stimmungen - im 1. Satz die geheimnisvoll verhangene Grundstimmung mit dem sturmartigen Schluss, die burleske Dudelsackimitation im 2. Satz, den natürlich liedhaften Tonfall des Adagio mit dem düster - pathetischen Mittelteil sowie das heftig bewegte Allegro des 4. Satzes - ließ das Orchester mit viel Liebe zum Detail erleben, wobei der Dirigent gleichwohl die innere Spannung feinnervig zu halten vermochte.
In Schumanns 3. Sinfonie beeindruckte zudem, wie pointiert das Orchester die Kontraste zu setzen vermochte und den Ausdrucksbogen weit spannte vom schwungvoll belebten ersten Satz über das heitere Scherzo, den versonnenen 3. Satz zum düster strengen 4. Satz mit seinem schauerlich-feierlichen Blech bis hin zur unkomplizierten Ausgelassenheit des Bauernfesttanzes im 5. Satz.
Ein gelungenes Portrait einer oftmals gering geschätzten Musikepoche wurde da durch den höchst motiviert gestimmten Klangkörper ihrer Majestät geboten. People were very amused. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Royal Philharmonic Orchestra London Ewa Kupiec, Klavier Dagmar Pecková, Mezzosopran Dirigent: Dirk Joeres Konzert am 6. November 2004 Niels Wilhelm Gade "Nachklänge von Ossian", Ouvertüre Op. 1 Frédéric Chopin Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 e-Moll Op.11 Felix Mendelssohn-Bartholdy Sinfonie Nr. 3 a-Moll Op. 56 "Schottische Sinfonie" Konzert am 7. November 2004 William Sterndale Bennett "Die Najaden", Ouvertüre Op. 15 Hector Berlioz "Les Nuits d` été " Op. 7 Robert Schumann Sinfonie Nr. 3 Es-Dur Op.97 "Rheinische Sinfonie"
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