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Stiftskirche St. Amandus Bad Urach
3. Oktober 2003

Herbstliche Musiktage Bad Urach


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Kirchenkonzert

Von Ralf Jochen Ehresmann


Neben den Kleinveranstaltungen, die konzeptionsgemäß den Schwerpunkt in Bad Urach bilden, gehört ebenso regelmäßig ein größeres Sinfoniekonzert zum Programm, das unter Bezug auf den Austragungsort Amanduskirche auch als "Kirchenkonzert" firmiert. Diesmal wurde entsprechend der diesjährigen Devise Richard Wagners "Siegfried-Idyll" und Bruckners Symphonie VII aufgeführt, welche Musik in diesen Hallen lange nicht - wenn überhaupt je - erschallt sein dürfte.

Dabei hatte man sich mit Enoch zu Guttenberg einen durchaus streitbaren aber eben auch umstrittenen Dirigenten eingeladen, was sich im Laufe des Abends als Glücksgriff erwies. Was hier geboten wurde, verortet seinen Tonmeister unzweifelhaft in der 1.Reihe der Brucknerdirigenten.
Engagiert mit großen Bewegungen ohne hektisches Gehampel führte er sicher die Stuttgarter Philharmoniker, die seiner Leitung aufmerksam folgten. Wundervoll präsentierten sich insbesondere die Hörner, die auch Guttenbergs larghissimo unbeschadet überstanden haben und damit die Erwartung des anschließenden Bruckner vorfreudig steigerten. Ein Gewinn für die Klangqualität wäre es allerdings auch, wenn er sich eine weniger geräuschintensive Atemtechnik angewöhnen und seinen Schnauffaktor reduzieren könnte.
Dazu trug vorrangig sein Mut zu wahrlich breiten tempi bei sowie die Kraft, über derart ausgedehnte Zeiträume die hochgeladene Spannung nicht abfallen zu lassen. Bereits für das Siegfried Idyll nahm er sich 22 min Zeit, womit er die Kollegenmehrheit locker um 15-20% überbietet. Die besonderen akustischen Verhältnisse eines unbeheizten Kirchenraumes befördern eine homophone Atmosphäre für streicherfreundlichen, satten warmen sound, der auch die Flöten gut zurgeltung bringt und natürlich dem Blech und hier v.a. den Posaunen bestens entgegen kommt und zugleich mithilft, die Gefahr des Schleppens angesichts langsamer tempi zu vermeiden; eine wahre Freude allen LiebhaberInnen der altdeutschen Orchestertradition: Hier kam das rechte Werk zum idealen Raum!

Bruckners 7. Sinfonie war sicher schon vom Programm her eine gute Wahl, kann sie doch, zurecht als weitere Wagnersinfonie neben der Dritten betrachtet werden, wie im Programmheft gut ausgeführt, das ansonsten formal dafür gerügt werden muss, dass es nichtmal die Satzfolge auflistet. Die aber ist bei Bruckner stets überdeutlich klar erkennbar und damit im Kontrast zur Binnenstruktur und deren fragmentierende Verzwicktheit auch ohnedem gut nachvollziehbar.

Im Tempo stieg Guttenberg unerwartet beschwingt ein, entlockte den Celli und Bratschen gleich eingangs ätherische Klarheit; zugleich begann man, sich auf das erste forte im Blech zu freuen. Sein göttliches Auskosten von Bruckners Riesenbögen betonte einmal mehr deren Cantilene-Linien, die Bruckner zumeist den tiefen Streichern anvertraut. In diesem Kirchenhallklang gerieten erwartungsgemäß schnelle Passagen problematisch, was zugleich die ideale Eignung solchen Ortes für Bruckners Klangideal belegt: Der Raum unterstützt in Bruckners Sinne die Gewichtung seiner Sinfoniestruktur mit dem klar dominanten Akzent auf den Adagio-Sätzen, ohne dass dabei die Instrumentation einer speziellen Orgel imitiert würde, und noch die raschen diatonischen Durchläufe gewinnen hiermit eine andere Qualität, wie man z.B. am 2. und 3.Thema spüren konnte: sie werden zu Richtung pur!

Schier unerreicht die finale Climax: Selten darf ein Orchester so viel Edelkrach produzieren, und das Uracher Denkmalamt sollte noch mal nachsehen, ob das Dach vollständig heile geblieben ist. Schade nur, dass die hmt 2004 nicht Vergleichbares vorsehen.
Nach nur kurzem Innehalten folgte unmittelbar das Scherzo, dass sich hier weniger von seiner humorigen Seite zeigte sondern eher treibend und gewalttätig daherkam und nur im Trio zu etwas ausgleichender ruhe fand, dem sich ebenso unterbrechungsfrei der Schlusssatz anschloss, mit nur 11min. bemerkenswert wacker. Gerieten mit dem allzu dröhngefährdeten Basszupfen im 2.Thema die besonderen Raumschallverhältnisse in eine punktuell kritische Lage, so wurde der Charakter der Durchführung als mühvolle Arbeit zur Synthese des thematischen Materials deutlich wie selten. Angesichts dessen kam der finale Donner beinahe zu früh, und man spürte, wieso es einer Sinfonie VIII bedurfte, damit Bruckner sein Finalproblem einer endgültigen Lösung zuführen konnte.

Strukturprobleme akustisch nachvollziehbar gemacht zu haben ist sicher nicht das einzige, wohl aber das ungewöhnlichste Verdienst dieser herausragenden Aufführung, die als Meilenstein im Gedächtnis derer verbleiben dürfte, die das Glück hatten, dabei gewesen zu sein.


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