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Congresshalle Saarbrücken
15./16. März 2003

6. Sinfonie-Konzert


Homepage des Staatstheaters Saarbrücken
(Homepage)
Variatio delectat

Von Claus Huth

Für einen ersten frischen Frühlingstag das richtige Stück, um ein Konzert zu beginnen: Alberto Ginasteras "Variaciones concertantes" op. 23, 1953 unter niemand geringerem als Igor Markevitch uraufgeführt.

Aus den Tönen der leeren Saiten der Gitarre (indes von der Harfe angeschlagen) entwickelt das Violoncello ein langes, leicht melancholisches Thema, dass nach einem Intermezzo durch die Instrumente geführt wird wie Purcell durch Brittens "A young person’s guide to the orchestra". Einzelne Instrumente des Kammerorchesters treten in den Variationen solistisch auf – Flöte, Klarinette, Viola, Oboe und Fagott in einem köstlichen Duett, Violine, Horn... – und bekommen reichlich Gelegenheit, ihre Fähigkeit virtuos unter Beweis zu stellen. Dabei sind die Variationen den quasi typischen Charakteristiken der jeweiligen Instrumente unterworfen: "giocosa" ist da die Flöte, "drammatica" ringt die Bratsche mit sich selbst, "in modo di modo perpetuo" spielt die Violine wahrlich rasant auf, und vor dem fetzigen Finale darf der Kontrabassist sich in der Reprise des Themas an dem messen, was sein Kollege am Cello zu Anfang vorgestellt hat – und das gelingt ihm wahrlich hervorragend: Wie selten erklingt der Kontrabass doch mit solchem Cello-Schmelz!

Respekt und höchste Anerkennung an das Saarländische Staatsorchester, das mit dem reizvollen und keineswegs einfachen Werk sein 6.Sinfoniekonzert der laufenden Saison eröffnete: Nicht nur, dass die einzelnen Solisten fast ohne Abstriche überzeugen konnten, nein, auch die Orchesterleistung war unter dem Gastdirigenten Carlos Kalmar beglückend bis hin in den finalen Malambo, der einfach mitriss. Ein frühlingshafter Anfang!

Auch nach der Pause ein Variationswerk, ein ungleich bekannteres: Edward Elgars "Enigma"-Variationen op.36. Sicher, man kann gegen dieses Stück manches einwenden, aber wenn man es überzeugend dargeboten live erlebt, kann man sich nur schwer entziehen. Und überzeugend führte Carlos Kalmar das Orchester durch die Partitur, nachdem alle einen etwas matten Anfang überwunden hatten – Konzentrationsschwächen nach der Pause?

Elgar portraitiert in jeder der Variationen einen Freund oder Bekannten, bisweilen schrullig und augenzwinkernd, bisweilen liebevoll. Die einzelnen, deutlich abgesetzten Charaktere modellierte Kalmar plastisch heraus, ohne sich davor zu scheuen, den Affen bei der hin und wieder recht plakativen Orchestrierung das rechte Maß an Zucker zu geben – und das heißt, dass es nie zuviel des Guten war: Da schwang sich die populäre "Nimrod"-Variation zu gewaltigen hymnischen Höhen auf, geriet die rätselhaft "***" betitelte Romanze vor dem Finale zu einem stimmungsvollen Bild einer Seereise, ohne dass das alles die letzte Grenze des guten Geschmacks überschreitet.

Man muss Kalmar für diese Gratwanderung ausdrücklich loben: Das nicht gerade selten gespielte Stück gerät allzu schnell zur Peinlichkeit, über die man lieber den Mantel des ästhetischen Schweigens breiten möchte. Nicht so hier: Selbst das Finale, in dem Elgar ein Selbstportrait zeichnet, ohne dass ganz klar wird, ob es in einer Art übersteigerter Selbststilisierung ernst oder doch augenzwinkernd gemeint ist, gelang mit seinem edwardinischen Tschingderassabumm samt obligater Orgel in dieser Aufführung noch so, dass man es als gute Unterhaltung gerne goutierte. Und das Publikum ging dementsprechend mit Wonne mit, am Ende langer Applaus für Kalmar und das in (fast) allen Momenten überzeugende Orchester.

Doch: Der laute Ausklang des Konzertes konnte den tiefsten Eindruck des Abends nicht vergessen machen: Mozarts Klarinettenkonzert KV 622, das letzte vollendete Werk des Wiener Klassikers, gespielt von Nicola Jürgensen auf dem Bassetthorn, für das Mozart das Konzert ursprünglich schrieb, war zwischen den beiden Stücken von Ginastera und Elgar platziert und verwies die beiden Variationswerke locker in die Schranken. Schon das Instrument, das im tiefen Register einige Töne mehr hat als die herkömmliche Klarinette, ist eine Wonne, und erst recht war Jürgensens Spiel eine solche: technisch jeden Moment souverän, ging sie das Konzert sehr lyrisch an, stets präsent und doch immer wieder das Orchester subtil begleitend.

Insbesondere der zweite, langsame Satz, in dem sich das Bassetthorn durch alle Register besonders sanglich entfalten konnte, war tief bewegend – und das trotz der eher mäßigen Leistung des Orchesters, das wieder einmal zeigte, wie schwer doch die so einfach scheinende Musik Mozarts zu spielen ist. Da schmierten die Streicher bisweilen bedenklich, insgesamt war der Orchesterklang eher dumpf als lichtdurchströmt. Und selbst einfach und schematisch erscheinende Begleitfiguren wollen mit Konzentration und Herz gespielt werden, damit Mozarts Orchestersatz seinen Zauber entfalten kann. Das geschah an diesem Abend nicht: möglicherweise hätte hier genauer, intensiver geprobt werden müssen, denn grundsätzlich war Kalmars Herangehensweise an das Konzert, die zwar von historisch informierter Aufführungspraxis recht unbeeindruckt war, überzeugend, was Tempi und Artikulation angeht – schade, dass die Musikerschar nicht immer folgen wollte.

Doch über allem das Spiel und der Ton von Nicola Jürgensen: Von dieser Musikerin, die beim Sinfonieorchester des WDR in Köln als Soloklarinettistin verpflichtet ist, hätte man dieses Konzert sofort noch einmal ganz hören wollen – immerhin die Reprise des langsamen Satzes gab es für das begeisterte Publikum als Zugabe. Sie wurde dankend angenommen. Das Orchester zeigte erst nach der Pause wieder, was es eigentlich kann.


FAZIT

Carlos Kalmar und vor allem Nicola Jürgensen: Die Namen sollte man sich merken – und hoffen, dass das Saarländische Staatsorchester beide bald wieder einlädt!


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Programm


Alberto Ginastera
Variaciones concertantes op. 23

Wolfgang Amadeus Mozart
Klarinettenkonzert A-Dur KV 622

Edward Elgar
Enigma
Variationen über ein Originalthema op.36



Nicola Jürgensen, Bassetthorn

Saarländisches Staatsorchester
Saarbrücken

Carlos Kalmar, Dirigent







Da capo al Fine

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