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Konzerthaus Dortmund
10. November 2003

2. Philharmonisches Konzert


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"Ist es jetzt vorbei?"

Peter Ruzickas "... Vorgefühle ..." treffen Beethoven und Schubert

Von Martin Rohr


Was hat Ludwig van Beethoven mit Peter Ruzicka zu tun? Nicht viel! Der Vorsatz der Dortmunder Theaterintendanz, im Rahmen der Philharmonischen Konzerte das klassisch-romantische Konzertrepertoire mit der Musik der unmittelbaren Gegenwart in Beziehung zu setzen, lässt sich jedenfalls mit einer solch beliebigen Programmkonzeption wie der des zweiten Philharmonischen Konzerts nicht erreichen: Peter Ruzickas Orchesterkomposition "... Vorgefühle ..." erschienen unabhängig von ihrer eigenen Qualität neben Beethovens Klavierkonzert Nr. 4 G-Dur weder korrespondierend noch kontrastierend, vielmehr seltsam beziehungslos. Und so konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, hier sei eher einer lästigen Pflicht - die Musik der Gegenwart zu berücksichtigen - genüge getan worden, was sich auch in Reaktionen des Publikums widerspiegelte: "Ist es jetzt vorbei?"

"... Vorgefühle ..." ist eine Vorstudie zu Ruzickas 2001 uraufgeführten Oper Celan und wird im Programmheft treffend auch als "Materialreservoire" bezeichnet. Eine große Fülle für sich interessanter Klangkombinationen und phantasievoller Einzeleffekte wird in wechselnden Kombinationen überlagert oder kontrastiert und oft blockhaft oder registerweise zusammengesetzt. Vor allem durch den markanten Einsatz des Schlagwerks, oft mit harten Brüche und in beinahe schmerzhaft lauter Dynamik sowie durch extreme Register der Bläser und Streicher bekommt die Musik eine sehr körperlich-sinnliche und szenische Wirkung. Aus diesen Prozessen kristallisiert sich ein weit gespanntes Dreitonmotiv in der Tompete heraus, das sich durch seine klare Gestalt von den vielschichtigen Tutti-Prozessen abhebt.
Bei all der klanglichen Phantasie, die sich vor allem in geschickten Instrumentenmischungen sowie durch spannende Experimente im Schlagwerk niederschlägt, fehlt dieser sehr gestischen Musik die Szene, in deren Kontext solche Klangereignisse ihre Bedeutung erhalten könnten. Trotz engagierten Spiels der Dortmunder Philharmoniker wirkte die Musik etwas kataloghaft und formlos.

Diese Formlosigkeit fiel um so stärker ins Gewicht, als mit Beethovens G-Dur-Klavierkonzert eines der prägnantesten und ausdrucksstärksten Werke seiner Gattung auf dem Programm stand. Das Konzert, das - ähnlich wie die Vierte Sinfonie B-Dur zwischen "Eroica" und "Fünfter" - im Schatten der beiden Konzerte c-Moll und Es-Dur steht, gewinnt seine Spannung aus dem Gegensatz zwischen dem in sich ruhenden, pastoral anmutenden Hauptgedanken und dessen Abgleiten in eine dunkle Moll-Färbung. Trotz der strengen Einbindung in traditionelle Formschemata hat das Konzert einen sehr dramatischen Gestus, der vor allem im rezitativischen Streicherunisono und dem innigen Gesang des Klaviers im Andante con moto zu Ausdruck kommt. Der Gegensatz zwischen Solist und Orchester erscheint gleichsam als Auseinandersetzung des Individuums mit seinem Schicksal. In einzelnen polyphonen Bläserpassagen lässt einerseits die "Neunte" vorausahnen, gleichzeitig zeigt das Konzert aber auch deutliche Anklänge an den schicksalhaften Tonfall Mozarts etwa im d-Moll-Klavierkonzert oder in der Zauberflöte.
Die Interpretation des ungarischen Pianisten Dezsö Ranki erschien angesichts dieser Charaktervielfalt ein wenig blass und unfelxibel. Technisch souverän ließ Ranki vor allem die subtilen Prozesse durch eine allzu gerade Metrik kaum zur Geltung kommen. Auch klanglich hätte man sich in den virtuosen Passagen vor allem des Allegro moderato mehr Brillanz und Transparenz gewünscht. Wirklich überzeugen konnte Ranki lediglich im Andante con moto, dessen demütige Innigkeit in starkem Kontrast zur schroffen und unerbittlichen Gestaltung des Streicherunisonos stand.

Vor allem in Anbetracht des schon sehr langen ersten Teils des Abends verlangte Franz Schuberts Sinfonie Nr. 8 C-Dur geduldiges Sitzfleisch. Arthur Fagen animierte die Dortmunder Philharmoniker zu einer kraftvollen, zügigen und zeitweise rauhen Interpretation mit einer Streicherbesetzung, die ohne weiteres einer Bruckner- oder Mahler-Sinfonie angemessen gewesen wäre. Und so war es unvermeidlich, dass die Holzbläser zeitweise etwas unterbelichtet bzw. überdeckt schienen. Dennoch konnten auch die Holzbläser vor allem im Scherzo ihre solistischen Potenziale unter Beweis stellen.

Am Ende eines sehr langen Konzertabends bleibt der Eindruck, dass man weder dem klassischen Repertoire noch der Musik der Gegenwart einen Gefallen tut, wenn man sie gewissermaßen verpflichtend und ohne programmatischen Zusammenhang kombiniert. Eindrucksvolle und spannende Beispiele für durchdachte und reizvolle Begenungen alter nund neuer Musik hat es in der vergangenen Spielzeit durchaus gegeben!


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Programm

Peter Ruzicka:
"... Vorgefühle ..."
für Orchester (1998)


Ludwig van Beethoven
Konzert für Klavier und Orchester
Nr. 4 G-Dur op. 58


Franz Schubert
Sinfonie Nr. 9 C-Dur D 944



Dezsö Ranki, Klavier

Dortmunder Philharmoniker

Arthur Fagen, Dirigent







Da capo al Fine

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