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Konzerthaus Dortmund
26. Oktober 2003

Echo Klassik 2003


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Business as usual

Galakonzert gerät zur zweifelhaften Werbung für die Klassische Musik

Von Martin Rohr


Mit der Verleihung des Echo Klassik 2003 wurden die CD-Einspielungen der Preisträger gewürdigt und nicht - dies sei ausdrücklich hervorgehoben - die musikalische Leistung beim Galakonzert anlässlich der Preisverleihung. Wäre dies der Fall gewesen, so hätte die teure Sendezeit am Sonntag Abend im ZDF drastisch reduziert werden können, denn einige der Interpreten präsentierten sich alles andere als preiswürdig. Was um so schlimmer ist, als die Veranstalter, die Deutsche Phono-Akademie e.V. und das ZDF, dieses Schaulaufen im Dortmunder Konzerthaus als Werbung für die klassische Musikerzunft und deren Produkte verstanden wissen wollten.

Natürlich müssten jedem Besucher einer solchen Gala die Regeln des Geschäfts bewusst sein: Ein anspruchsvolles Konzert mit spannenden Werken durfte man nicht erwarten, sondern bequeme Klassikhäppchen, mundgerecht arrangiert und mit einer gehörigen Portion Glitter und Prominenz garniert. So weit, so gut. Doch eben jene Klassikhäppchen konnten noch nicht einmal durch eine außerordentliche Interpretation begeistern. Der Auftritt Salvatore Licitras, als "Sänger des Jahres" ausgezeichnet, geriet zu einer recht gleichförmigen, stimmlich wenig flexiblen und ausdrucksarmen Nummer, die nur zu bereitwillig gängige Tenor-Klischees bediente. Technisch brillant, doch belanglos im Ausdruck war auch die "Instrumentalistin des Jahres" Sabine Meyer mit - wie sollte es anders sein - dem Menuetto capriccio aus Carl Maria von Webers Klarinettenquintett B-Dur op. 34. Zudem warfen die sie begleitenden Dortmunder Philharmoniker durch derbe Intonationspatzer kein gutes Licht auf die so sehr um Reputation bemühte Musikstadt Dortmund.
Zur Groteske aber geriet der Auftritt des Popstars unter den klassischen Interpreten, des selbsternannten Klezmer-Gurus Giora Feidman. Das weihevoll-heilige Gehabe, mit dem Feidman sich gleichsam den Atem der Musik zufächelte, stand in denkbar krassem Widerspruch zu der ausdruckslosen und aus instrumentalistischer Sicht mehr als mittelmäßigen Interpretation des Piazzolla-Arrangements Fracanapa.

Ein Zusammenhang zwischen der jeweils ausgezeichneten CD-Produktion und Abendprogramm war kaum ersichtlich. So wurden die Einspielungen von Mozarts Streichquartetten durch das Ensemble Villa Musica als "Kammermusikeinspielung des Jahres" gewürdigt. Das Ensemble Villa Musica präsentierte sich aber bei der Gala in einer Besetzung, die mit dieser Einspielung nicht das Geringste zu tun hatte: Das Rondo aus Wolfgang Amadeus Mozarts Quintett Es-Dur für Klavier, Oboe, Klarinette, Horn und Fagott erklang in einer bizarr gekürzten Version, die vom ursprünglichen Werkzusammenhang nichts mehr erahnen ließ. Dass unter solchen Voraussetzungen die rechte Motivation für einen homogenen Ensembleklang fehlt, erscheint fast verständlich.

All dies mag an sich nicht verwerflich sein. Gute Unterhaltung ist schließlich eine der wichtigsten Aufgaben des Mediums Fernsehn. Allerdings muss es erlaubt sein, die Veranstaltung an ihren eigenen Ansprüchen zu messen. So geriet Senta Bergers Würdigung Nicolaus Harnocourts, der mit dem Sonderpreis als "Artist of the year" ausgezeichnet wurde, zu einem Loblied auf den "Anwalt des Komponisten". Harnoncourt befreie mit seinen Interpretationen die Orginalpartituren von ihrer Patina und verhelfe so den Komponisten zu ihrem Recht. An einen solchen "Dickschädel" könne sich der Musikbetrieb nicht gewöhnen und dies sei auch gut so, denn Musik solle ja schließlich aufrütteln und irritieren. Warum aber besteht dann ein Großteil des Programms aus kitschigen Bearbeitungen, die mit den Orginalen so viel zu tun haben wie Dieter Bohlen mit Literatur? Auf das moralische Plädoyer folgte Maxim Vengerov, der mit dem 5. Ungarischen Tanz von Johannes Brahms die Abteilung Teufelsgeiger vertrat - der Kontrast zur vorangegangenen Lobeshymne auf den widerspenstigen Musikdenker könnte größer nicht sein!

Es lässt sich durchaus einwenden, gerade die Gleichbereichtigung von hoher Kunst und populärer Unterhaltung mache die Qualität einer solchen Veranstaltung aus. In diesem Sinne könnten auch auch die Ausführungen des Bundespräsidenten Johannes Rau verstanden werden, der einen Sonderpreis für sein Engagement für die musikalische Bildung in Deutschland und sein Projekt "Musik für Kinder" erhielt. Dessen Plädoyer für Musik in Schule und Bildung bezog sich ja ausdrücklich auf Musik "von Rap bis Sir Simon Rattle".
Auch wäre sehr ungerecht, bei aller Kritik jene Interpreten zu unterschlagen, die sich auch in diesem Rahmen als außerordentliche Künstler präsentiert haben. Zu nennen sind hier vor allem die beiden Mezzosopranistinnen Vesselina Kasarova ("Sängerin des Jahres") und Vivica Genaux ("Special Guest") und der Pianist Yundi Li ("Solistische Einspielung des Jahres"), dessen Interpretation von Franz Lizsts Etüde "La Campanella" durch ihre klangliche Brillanz und Klarheit begeisterte. Sehr erfreulich ist auch der Stellenwert, den der Bereich der alten Musik mit zwei Auszeichnungen erhalten hat. Die beiden Gruppen Los Otros ("Ensemble des Jahres - Alte Musik") und Orlando die Lasso Ensemble ("Ensemble des Jahres - Vokalmusik") bewiesen jeweils eindrucksvoll eine lebendige Auseinandersetzung mit der oft als verstaubt verschrieenen Musik des 15. bis 17. Jahrhunderts.

Dennoch bleibt am Ende der Eindruck einer sehr zweifelhaften Werbung für Branche und Produkt, bei der die Regeln des Geschäfts über die Inhalte dominieren und erhebliche Reibungsverlust bei der künstlerischen Qualität des Gebotenen hinterlassen. Einen wirklichen Einblick in die künstlerische Leistung der ausgezeichneten Neuerscheinungen und derer Interpreten konnte die Veranstaltung nicht geben - sie sollte es wohl auch nicht!

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Programm:

Verleihung des Echo Klassik 2003

u.a. mit:
Salvatore Licitra, Tenor
Giora Feidman, Klarinette
Mischa Maisky, Cello
Vesselina Kasarova, Mezzosopran
Los Otros
Sabine Meyer, Klarinette
Han-Na Chang, Cello
Enseble Villa Musica
Yundi Li, Klavier
Orlando di Lasso Enseble
Maxim Vegerov, Violine
Vivica Genaux, Mezzosopran

Dortmunder Philharmoniker

Arthur Fagen, Dirigent

Senta Berger, Moderation







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