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Konzerthaus Dortmund
12. Oktober 2003

Beethoven Orchester Bonn


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Zwischen Liebe, Tod und Groteske

Arnold Schönbergs "Gurre-Lieder" im Konzerthaus Dortmund

Von Martin Rohr


Eine Aufführung von Arnold Schönbergs "Gurre-Liedern" ist ein Ereignis mit Seltenheitswert, nicht zuletzt aufgrund des gigantischen personellen Aufwandes. Um so unverständlicher ist es, dass beim Gastspiel des Beethoven Orchesters Bonn im Rahmen des Internationalen Beethovenfestes Bonn im Dortmunder Konzerthaus so viele Plätze frei blieben. Dies gilt um so mehr, als das Beeindruckende des Erlebnisses weniger in der schieren Masse der Mitwirkenden, als vielmehr in der komplexen Dichte und Ausdruckskraft des Werkes liegt.

Das vormalige Orchester der Beethovenhalle präsentierte sich dabei als würdiger Klangkörper für ein Werk, das in der Erweiterung des sinfonischen Klangkörpers mit Sicherheit einen nicht mehr zu überbietenden Abschluss darstellt, in der Entwicklung seines Komponisten jedoch nur eine Zwischenstation auf dem Weg zur eigentlichen Revolutionierung der Kompositionsweise, nämlich die Auflösung der Tonalität, darstellt.

Das Werk basiert auf einer mittelalterlichen Sage von der Liebe zwischen König Waldemar und Tove, die der dänische Dichter Jens Peter Jacobsen in großer Bildhaftigkeit in Verse gesetzt hat. Die Liebenden werden durch den Mord an Tove auseinandergerissen, von dem eine Naturstimme, die Waldtaube, unvermittelt berichtet. In seiner Verzweiflung wird Waldemar zu Ankläger Gottes. Das Geschehen schlägt um in eine groteske Jagd der Toten, in der wiederum die Person des Klaus-Narr mit seinem grotesken Gesang der Trauer und Verzweiflung einen Zerrspiegel vorhält, ehe sich die Jagd im ewigen Lauf der Natur verliert und das Werk in einem gigantischen Hymnus an die Sonne endet.

So vielschichtig und komplex, wie die Textvorlage zeigt, ist auch die Musik. In den kompositorischen Mitteln lassen viele verschiedene Quellen erahnen. Die Flächigkeit und Dichte des Orchestersatzes trägt häufig impressionistische Züge, gleichzeitig verrät der deklamatorische Umgang mit der Gesangsstimme, der den Textgehalt äußerst klar transportiert, eine deutliche Nähe zur Sprachmelodie Richard Wagners. Die klangliche Schärfe erinnert nicht selten an die Orchesterbehandlung Gustav Mahlers, während sich die Musik auf harmonischer Ebene wesentlich freier bewegt.
Bei all diesen verschiedenen Quellen ist die Wirkung dennoch nicht epigonal oder eklektisch, sondern bewahrt eine ganz eigenständige Charakteristik, die Gegensätzlichkeiten innerhalb des Werkes keineswegs verbirg, sondern sie im Kontext der dramaturgischen Wende durchaus offen zu Tage trägt.

Der emotionale Gehalt der Textvorlage wird gleichsam analytisch erfasst. Bei aller Sensibilität und Ausdrucksstärke der einzelnen Abschnitte von Tove und Waldemar kommt es doch nie zu einer apotheotischen Verschmelzung der Liebenden. Wo die Textvorlage eine erzählerische Distanz einnimmt, indem von der Ermordung Toves in der Vergangenheit berichtet wird, ist dies auch durch die klare formale Trennung der Vokalpartien umgesetzt. Am Ende steht die vollständige Lösung des Vokalparts von romantischem Gefühlsausdruck, den Schönberg durch den Einsatz der Sprechstimme ein "Des Sommerwindes wilde Jagd" einsetzt.

Dieser Ambivalenz zwischen tiefem romantischem Gefühlsausdruck und distanziert-erzählerischer Haltung entsprach das durchweg hervorragend besetzte Gesangsensemble in besonderer Weise. Insbesondere Thomas Moser in der Partie des Waldemar und Melanie Diener als Tove verstanden es, die feinen Nuancen des Textes aufzuspüren und ihr enormes stimmliches Volumen sehr gezielt einzusetzen. Ein Erlebnis war Iris Vermillion in der Partie der Waldtaube, die den Spagat zwischen berichtendem Boten und verzweifelter Anteilnahme hervorragend meisterte. Ebenso zu überzeugen wusste Philip Langridge in der Partie des Klaus-Narr, der die Groteske nicht nur mit stimmlicher und textlicher Prägnanz sondern auch mit mimisch-gestischer Ausdruckskraft umsetzte.
Dass sich die Vokalpartien dennoch manchmal nicht durchzusetzen vermochten, lag denn auch eher an der mangelnden dynamischen Rücksichtnahme des Orchesters, dass sich zeitweise an der eigenen Klangfülle zu berauschen Schien. In der komplexen Satzweise erreichte das Orchester unter der sehr präzisen Leitung seines neunen GMD Roman Kofman einen besonderen Grad an Verschmelzung zu einem homogenen Klangkörper, der den orgelartigen Wechsel der Register und Farben in sehr organischer Weise umsetzte. Gemeinsam mit den beteiligten Chören steigerte sich das Ensemble im finalen Hymnus in nahezu betäubende Klangmasse, die aber in jedem Moment noch die Kultiviertheit behielt.

Das Gastspiel des Beethoven Orchesters Bonn war am Ende ein begeistert gefeiertes Erlebnis, das man so schnell nicht vergessen wird. Es bleibt zu hoffen, dass entsprechend ambitionierte und vor allem finanziell aufwändige Projekte in Zukunft auf eine breitere Publikumsresonanz treffen.


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Programm

Arnold Schönberg:

"Gurre-Lieder"
für Soli, Chöre und Orchester 
(1900-1903; 1910-1911)

Text von Jens Peter Jacobsen
in der Übersetzung von 
Robert Franz Arnold



Melanie Diener, Tove
Iris Vermillion, Waldtaube
Thomas Moser, Waldemar
Philip Langridge, Klaus Narr
Ralf Lukas, Bauer
Werner Hollweg, Sprecher

WDR Rundfunkchor Köln
NDR Chor
Tschechischer Philharmonischer
Chor Brünn
Beethoven Orchester Bonn

Roman Kofman, Dirigent







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