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Beethovenhalle Bonn
12. Oktober 2003

Internationales Beethovenfest Bonn 2003


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Buchbinder brilliert im 1. Klavierkonzert

Von Ralf Jochen Ehresmann


Wenn man sich eine gesunde Skepsis gegenüber den "großen Namen" bewahrt hat, ist es eine doppelt beindruckende Erfahrung zu sehen, dass deren ‚Größe' bisweilen nachprüfbare Gründe hat. Ein solcher Glücksfall war dieser Abend!

Eröffnet wurde das Konzert der Bamberger Sinfoniker mit einer Uraufführung, dessen Werk Nahe Ferne im Auftrag der Beethovenfeste von Aribert Reimann komponiert worden ist und das sich auf das Klavierstück WoO 60 bezieht. An Beethoven mag es kaum gelegen haben, und so muss man wohl Reimann selber fragen, was er da anders gemacht hat als wir ihn sonst kennen und wie wir ihn zuletzt mit seiner Lear-Oper in Essen 2001 erlebt haben.

Der Höreindruck jedenfalls ermöglichte nicht den Nachvollzug der komponierten Strukturen mit dem Ohr, und kleine Wegmarken der Orientierung ergaben sich nur aus den zunehmend klareren Zitatbröckchen des Beethoven-Klavierstückes. Ein rechter Zusammenhang stellte sich aber auch nicht ein, da es zu keiner Gesamtdarbietung kam und die Fragmente lediglich größer wurden. Deren Charakter als Fremdkörper inmitten einer scheinbar wirren Umgebung blieb der entscheidende fassliche Eindruck.

Schon die Gliederung der Musik von 14 min in 9 Teile war beim einmaligen Anhören nicht recht nachvollziehbar, so dass auch die Erläuterungen des Programmheftes wenig helfen konnten, dessen Beitrag hierzu Reimann gleich selbst verfasst hat, da sie fast ausschließlich Analysen allein des Notenmaterials und leider keine Deutungsansätze lieferten. Angesichts dieser Kürze hätte es aber kein Problem sein sollen, das Werk einfach noch mal zu spielen.

Noch nie zuvor bin ich einer solchen Synthese von technischer Perfektion und Seele begegnet, und so gesehen - aber auch nur so - könnte dem gestöhnten Ausruf meines Sitznachbarn: "Jetzt werden wir entschädigt." entgegen dessen ursprünglicher Intention eine Dosis Wahrheit innegewohnt haben, wovon der gute Mann aber noch gar nichts gewusst haben konnte und was weniger über Reimann als über Buchbinder aussagt, dass nämlich nun eine ultimative Aufführung bevorstehen würde, über die hinaus keine interpretatorische Steigerung mehr denkbar scheint.
Da flitzen die Läufe beliebigen Tempos perlend dahin in makelloser Anschlagsgeschicklichkeit, schwungvoll spielen sich die Themen des 3.Satzes die Bälle der Stimmführerschaft hin und her, wobei Buchbinder die Bassstimme des Contrapunktes zu einer eigenen Melodie verdichtete.
Vollendete Ausgeglichenheit zwischen Bravour der Ausführung und Intimität des Ausdrucks, der sich stets dem exakt bemessenen Einsatz seiner Mittel verdankte; volle Konzentration ohne jede Verbissenheit und schnörkellose Klarheit der Struktur mit nachvollziehbarer Gliederung bei exakter Absetzung der Einzeltöne: So oder so ähnlich müsste man jenen Habitus beschreiben, dem Buchbinder seinen Ruf und den Erfolg dieses Abends verdankte: Einfach traumhaft - möge er bald wiederkommen!

Buchbinder hütete sich, diesen gewaltigen Eindruck durch eine Zugabe zu zerklimpern und entließ sein aufgewühltes Publikum unmittelbar in die Pause. Und so versammelte man sich gelöst erwartungsvoll zu Schuberts "Großer C-Dur Sinfonie", für deren eindeutige Wiedererkennung wir hier allerdings die lange eingebürgerte Zählung als Nr.IX beibehalten möchten.

Jonathan Nott dirigierte auswendig und orientierte eindeutig auf Wohllaut, nicht auf Analyse. Da hierbei auch die Nebenstimmen aufmerksam behandelt wurden, ergab sich dennoch kein Brei. Mag das 2.Thema im 1.Satz etwas zu zügig angegangen worden sein; mag das ohnehin eher dünn besetzte Blech zu einer etwas angestoßenen portato-Spielweise geneigt haben, so hat doch dieser Sforzato-Stil auf seine Weise die Interpretation nach rückwärts abzusichern geholfen, und wenig später entladen sich thematisch nicht mehr auflösbare Energiepakete: Welch ungeheuerliche Ballung harter ff-Dissonanzen - und das über einen bemerkenswert langen Abschnitt in der Durchführung des 2.Satzes, wo es nach unvermeidlichem Absturz in die Generalpause nicht anders als mit einem Neustart weitergehen kann: das Bruckner-Prinzip im Prototyp als Engführung in die allseits lauernde Katastrophe.
Das Scherzo kam so wacker gepfeffert daher, dass man erstmalig bangen durfte, ob wohl auch alle mitkommen; langsamer hätte es vielleicht die Chance geboten, den Wienerischen Impuls deutlicher zu entwickeln, der in dieser Musik auch angelegt ist. Letztlich kehrte Schubert im finale wieder zu sich selbst zurück, erzielten die dynamischen Ausschläge nach der Volksfestmelodie des 2.Themas in ihrem gestoßenen Charakter doch nicht mehr jene energetische Aufladung wie noch im Andante con moto, so dass der große Reigen sich hier wieder schloss und der Eindruck einer runden Sache zurückblieb.


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Programm

Aribert Reimann
Orchesterstück (Uraufführung, Auftragswerk
der Internationalen Beethovenfeste Bonn)
Nahe Ferne- momente zu Ludwig van Beethovens
Klavierstück B-Dur WoO 60

Ludwig van Beethoven
Klavierkonzert Nr. 1 C-Dur op. 15

Franz Schubert
Symphonie Nr. 9 C-Dur D 944

Rudolf Buchbinder
Bamberger Symphoniker

Leitung: Jonathan Nott







Da capo al Fine

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