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Beethovenhalle Bonn
10. Oktober 2003

Internationales Beethovenfest Bonn 2003


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Schönbergs "Gurre-Lieder" mit Riesenbesetzung

Von Ralf Jochen Ehresmann


Wahrscheinlich geben nur Festspielveranstaltungen den Rahmen, in dem Projekte von dieser Größenordnung ernsthaft angedacht oder gar realisiert werden können. Das Beethovenfest gab sich nicht geizig und brachte eines jener Werke zur Aufführung, deren Besetzung an das Maximum spätromantischer Erfordernisse heranreicht. Den grandiosen Erfolg dokumentieren nicht allein jene 11 Minuten standing ovations und Bravorufe, zu denen sich das fürgewöhnlich eher unsinnlich-abgeklärte Publikum unserer Sinfoniekonzerte im Gegensatz zu manchen Opernfreunden nur äußerst selten aufraffen mag: Hier wurde ganz Außergewöhnliches geleistet, und die soeben erst begonnene Saison der Bonner Konzertabos, die in diesem Konzert parallel mitanliefen, erreichte gleich zubeginn einen ihrer unzweifelhaften Höhepunkte der schwerlich zu toppen sein wird.

Bereits die Orchestereinleitung erzählt mit Tristanzitaten vom großen Thema des 1.Teiles, der eine transrationale Liebschaft von so übersinnlicher Schönheit und rauschhafter Erhabenheit über jeden kritischen Impuls im Wechseldialog der beiden Liebenden König Waldemar und Tove entfaltet, dass dagegen jedes Märchen trocken und nüchtern wirken müsste. Das "Beethoven-Orchester", vormals Orchester der Beethovenhalle Bonn präsentierte sich hoch motiviert in topform, gegen dessen Klanggewalt die SängerInnen - zumindest in den Parkettflanken - praktisch chancenlos blieben; gleichzeitig hätte man auch nicht ernsthaft wünschen können, das Orchester solle leiser spielen. Nein, diese Kraft war rundum angemessen, und dagegen singt eben kaum ein einzelnes Menschlein an, was aber die SolistInnen nicht abhielt, genau das Richtige zu tun: beherrschte Energie ohne Pressung einzusetzen.

Melanie Diener in der Partie der Tove trug Erhebliches zum Gelingen bei, oblag ihr doch der weibliche Part dieser symbolbeladenen Liebe, die sie gleich eingangs als "Abglanz nur der Gottesträume" vorstellt und konsequenterweise Isoldengleich mit Gedanken des Liebestodes "wie ein Lächeln, ersterbend im seligen Kuss!" ausklingen lässt. Voller Wärme und gar mehr als der fraglos nicht eben ökonomische Einsatz ihrer Kräfte eigentlich zuließ, gestaltete sie ihre 4 Lieder zu einer Sternstunde des Orchestergesangs, derweil Iris Vermillion, die gleichfalls in Bonn immer wieder zu hören ist, ihrem einzigen Einsatz als Stimme der Waldtaube, der zugleich den 1.Teil beschließt, prächtige Farben abrang und ihre beachtlichen dramatischen Fähigkeiten ausfahren konnte. Damit führte sie zugleich - soweit von Gesang die Rede ist - die Hitliste der Textverständlichkeit an.
Wie für die Praxis naheliegend wurde auf eine formale Trennung des 2. vom 3.Teil verzichtet und die beiden Waldemargesänge brückenlos verbunden, in denen sich der Charakter des "stillfriedlich, sorgenlos" Liebenden, dem nur einmal die Endlichkeit auch der Liebe wie des Lebens aufdämmerte, zum Kläger an Gottes Thron und ob des unersetzlichen Verlustes letztlich zu dessen närrischem Ankläger persönlich wandelt. Weckt sein antidivinales Narrenplädoyer die Geisterarmee zur "Ausfahrt der Toten", so liegt noch in der Androhung zur Eroberung und Besetzung des Himmelreiches nichts von der Allmachtsphantasie eines Alberich vor Neidhöhl, denn Waldemar geht es niemals um mehr als die Wiedergewinnung seiner Liebe zu Tove, nachdem diese dem Eifersuchtsanschlag seiner Gattin zumopfer gefallen war. Dieser Rundumschlag über den Himmelshofnarr zum vermeintlichen Heerführer verlangt von Thomas Moser eine gewaltige Kraftanstrengung und -disposition. Stets klar und niemals quäkig wandelt er durch die Register, bleibt in alledem ehr lyrisch und bewältigt die wachsende Dramatik durch wohldosierte Ironie.
Ralf Lukas als furchtsam-frommer Bauer besingt die Friedhofs-Unruhe aus der Perspektive dessen, der ohne Chance zur Durchschauung die Übermacht erleidet, während Philip Langridge als Klaus-Narr zur erforderlichen Ironie seiner Partie eine ausgeruhte Frische zurschau trug, die angesichts der rechtmäßigen Erschöpfung Waldemars sich ihrerseits schon leicht grotesk ausnahm.

Gemeinsam fallen sie allein durch die Proportionen ihrer Nummern mit jeweils nur einem Gesang dagegen weniger auf, obschon auch sie beide ihren Anteil sehr akkurat ablieferten. Bedauerlich wenngleich angesichts der Rahmenbedingungen sicher eine kluge Entscheidung war die Positionierung Werner Hollwegs als Sprecher des Melodrams außerhalb bei Übertragung seiner Stimme via Großbox, so dass man ihn erst im Schlussapplaus leibhaftig zugesicht bekam. Der jedenfalls war immens und galt natürlich auch den Chören, die sich von NDR und WDR mit den Kollegin der Tschechischen Philharmonie in Brno zur gemeinsamen Aufstellung einfanden; und obwohl ihr Anteil am Gesamtwerk ja nur gering ist, v.a. wenn man von den Damen spricht, so hat Schönberg ihnen doch mit der Sonnenanrufung eines der opulentesten finali der Musikgeschichte anvertraut, das jenseits Mahler VIII seinesgleichen suchen mag.

Der neue Bonner GMD Roman Kofman verfügt offenkundig über eine beachtliche Auffassungsgabe, denn obschon er bisher kaum Gelegenheit gehabt haben dürfte, dieses Riesenwerk aufzuführen, erwies er sich nicht nur als kundiger Anwalt der Sache des jungen Schönberg, die zum Zeitpunkt der Uraufführung 1913 dessen Sache schon gar nicht mehr war, so dass dieser sich über den Riesenerfolg kaum zu freuen vermochte; er beherrschte auch als oberster Zeremonienmeister das Treiben der rd. 300 Mitwirkenden und verhinderte tapfer jede Konfusion zwischen den beteiligten Gruppen, was bis auf kleinere Verzögerungen bei der Übernahme der tempi in den seitlich um die Männerstimmen herum gruppierten weiblichen Chorformationen auch bestens gelang. Für die angemessene Würdigung der Gesamtleistung fehlen der Sprache der Wörter, doch eine gesungne Kritik gibt es nicht. Und so bleibt es bei der schwächelnden Anrufung der Superlative und der Gewissheit, dass dieser Abend niemanden, der dabei war, ungerührt gelassen hat und noch in Jahren ein würdiger Punkt der Erinnerung sein wird.

Separate Erwähnung verdient auch heuer wieder die herausragende Verfasserschaft der Programmheftartikel, für die exemplarisch Egbert Hiller als Autor dieses Originalbeitrages hervorgehoben sei, da ihm gelang, was im gewöhnlichen Konzertabobetrieb nur selten anzutreffen ist: ein flüssig lesbares Material von prägnanter Dichte mit wegweisenden Aussagen zum Thema bei Wahrung einer allgemeinverständlichen Sprache für eine breite Leserschaft jenseits der fachwissenschaftlichen Oberseminare. Gratulation!

Es ist nicht das primäre Geschäft einer Aufführungskritik, sich über die Namensgebung derjenigen Klangkörper zu ereifern, deren musikalische Leistung zu referieren wäre. Und doch kann eine Kommentierung schwerlich ganz unterbleiben, wenn das Gefühl besteht, dass im Eifer des Neuformierungsbedürfnisses nach Intendanz- und GMD-Wechsel über das Ziel heftig hinausgeschossen wird, wenn außer Farbe und Format der Werbeposter und Programmhefte sogar der seit Jahrzehnten angestammte Namen des Orchesters ohne Grund abgewandelt werden muss. Mag auch die bisherige Benennung nach einem Konzertsaal ungewöhnlich sein, so bleibt doch die Beanspruchung des Namens eines Komponisten von solchem Range eine unerhörte Anmaßung, indem sie einen - schwerlich ungewollt - erheblichen Brocken des musikalischen Weltkulturerbes für sich beansprucht, der seinem eigenen Wesen nach genau dies nicht wollte und menschheitsumgreifende Einigungsabsichten der kleinstirnigen Hofbetriebsamkeit entgegen hielt. Weniger wäre hier mehr gewesen! Doch letztmalig zurück zum Werk: Schönbergs Gurre-Lieder sind zweifellos nicht deshalb so selten zu hören, weil ihnen das Publikum fehlte, sondern weil der Aufwand so immens ist, dass er außerhalb der Sonderbudgets diverser Festivals kaum zu schultern wäre. Auch meine letzte Begegnung mit diesem Werk jenseits der CD-Conserve geht auf die Münchener Opernfestspiele 1991 zurück. Umso mehr ist der Intendanz des Beethovenfestes zu danken, angesichts des Bezuges durch das diesjährige Motto nicht Kosten noch Mühe gescheut zu haben, um dieses Mammutwerk endlich wieder im Rheinland zugehör gebracht zu haben. Als ob das Beethovenfest nicht schon an sich gefestigt und durch seine Auslastungsquote von über 80% hinreichend legitimiert wäre, schafft es sich mit derartigen Großtaten eine Rechtfertigung eigener Art: So etwas darf nie wieder sterben!


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Programm

Arnold Schönberg
Gurre-Lieder



Melanie Diener, Sopran (Tove)
Iris Vermillion, Mezzosopran (Waldtaube)
Thomas Moser, Tenor (Waldemar)
Philip Langridge, Tenor (Klaus-Narr)
Ralf Lukas, Bariton (Bauer)
Werner Hollweg (Sprecher)

WDR Rundfunkchor Köln
NDR Chor
Tschechischer Philharmonischer Chor Brno
Beethoven Orchester Bonn

Leitung: Roman Kofman







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