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Drei Konzerte mit Anne-Sophie Mutter
und dem
London Philharmonic Orchestra

im Festspielhaus Baden-Baden
am 6., 7. und 8. Februar 2004
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Festspielhaus Baden-Baden
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Wahlverwandtschaften

Von Christoph Wurzel

Von Dimitri Schostakowitsch aus betrachtet erscheint es nicht wenig reizvoll, dessen Musik mit Werken von Bach und Beethoven in Beziehung zu setzen, zählte doch der russische Komponist die beiden Deutschen zu seinen wichtigsten musikalischen Ahnen und bezog sich mehrfach in seinem Schaffen auf deren Musik. Es war daher eine kluge Entscheidung, das kleine Festival um die Geigerin Anne - Sophie Mutter im Festspielhaus Baden - Baden auch durch diesen besonderen programmatischen Schwerpunkt zusätzlich mit Sinn zu erfüllen.

So hatte auch Anne-Sophie Mutter Wahlverwandte (und Anverwandte) um sich geschart: Kurt Masur, nach Karajan und Lutoslawski, ihren nunmehr bevorzugten dirigentischen Förderer, Lynn Harrell, den einfühlsamen Cellisten, den Geiger Boris Garlitzky, einen musikalisch ebenbürtigen Partner im Bachschen Doppelkonzert und nicht zuletzt André Previn, der sich diesmal mit der Rolle des Pianisten im Beethovenschen Tripelkonzert zufrieden gab. Hervorragender Begleiter war das London Philharmonic Orchestra, dessen Chefdirigent Kurt Masur seit drei Jahren ist.

Vom poetisch angelegten Beethovenschen Violinkonzert, über sein virtuos musiziertes Tripelkonzert arbeitete sich Anne-Sophie Mutter vor zur Feier der puren Schönheit in den Violinkonzerten von Bach. Beethovens Violinkonzert fasste sie eher romantisch auf. Schon die Orchestereinleitung des ersten Satzes schlug ein sehr moderates Tempo an, rezitativisch frei flocht sich die Violinstimme in das melodische Gewebe ein. Intensiv folgte Rede auf Widerrede, wurde die musikalische Rhetorik im Tempo hier rascher, dort zurückgenommen entfaltet - wohl zum Vorteil der schönen Stellen, eher zum Nachteil der inneren Spannung des Satzes.

Kaum "larghetto" (wie er überschrieben ist ), sondern eher larghissimo zelebrierte die Geigerin den zweiten Satz, so dass selbst das Orchester dieser Entdeckung der Langsamkeit nur mit Mühe zu folgen und die meditativen Versenkungen der Solistin kaum zu überbrücken vermochte. Nichts desto weniger: ihre geigerischen Qualitäten konnte Mutter dadurch umso glänzender ausspielen - eine beredte Kantabilität, einen beseelten Ton und einen enormen Reichtum an Klangfarben.

Leichtfüßig und virtuos genommen wurde das Rondo, wobei Anne-Sophie Mutter allerdings einer heute meist vermiedenen alten geigerischen Gewohnheit nachgab, nämlich in der absteigenden Phrase des Satzmotivs die auftaktige Achtelnote ebenfalls mit einem Staccato zu pointieren, was dem Sinn des tänzerischen Charakters dieses Motivs nicht dienlich ist. Ihre geigerisch sehr präsente, aber musikalisch doch sehr eigenwillige Interpretation wurde vom Publikum denn auch mit eher zurückhaltendem Höflichkeitsbeifall quittiert.


Anders am folgenden Tag nach dem Tripelkonzert: Hier durfte sich Anne - Sophie Mutter gemeinsam mit ihren Triopartnern im Glanz herzlichen Beifalls sonnen: besonders die sensibel aufeinander abgestimmten, kammermusikalisch durchsichtig gespielten Passagen im kurzen zweiten Satz und das rassig hingelegte Rondo konnten begeistern. Das Solistentrio, das im Frühjahr zu einer USA-Tournee aufbrechen wird, zeigte sich schon hier bestens in Form.


Das dritte Konzert war als Matinee allein den (einzig überlieferten) Violinkonzerten von Bach gewidmet: Anne-Sophie Mutter spielte (im Doppelkonzert mit ihrem russischen Partner) begleitet von gut einem Dutzend Streichern des London Philharmonic Orchestra plus Cembalo, deren Leitung sie nur andeutungsweise übernehmen musste. Dass Bachs Musik tief berühren kann, wenn deren Aufführung, nicht durch Moden streng geteilt, allein dem musikalischen Sinn und der inneren Spannung folgt, bewiesen die Musikerinnen und Musiker dieses Konzerts. Mit tiefer Intensität erfüllten sie die langsamen Sätze, im Doppelkonzert flossen die Linien der beiden Violinen geradezu ineinander, um sich sanft wieder zu trennen, jede individuell im Ton und doch harmonisch verwoben. Mit luzider Klarheit und leicht in der Agogik wurden die Ecksätze musiziert, deutlich den italienischen Geist atmend, der Bach hier in seiner Verehrung für den großen Vivaldi Pate gestanden hat. Das war eine Sternstunde barocker Ensemblemusik, die selbst im großen Festspielhaus eine berückende musikalische Intimität erzeugte. Dafür war allen Mitwirkenden die uneingeschränkte Begeisterung des Publikums gewiss.

Der sinfonische Teil der Konzertreihe umfasste jeweils die ersten Sinfonien von Beethoven und Schostakowitsch am zweiten, sowie dessen fünfte Sinfonie am ersten Abend. Während Schostakowitschs Erstlingswerk der Geniestreich des neunzehnjährigen Komponisten ist, brauchte Beethoven 30 Lebensjahre, bis er sich zu einer Sinfonie entschloss. Die ließ dann allerdings wegen bisher unerhörter harmonischer Lösungen aufhorchen, auch kündigt sich der für Beethoven typische Drang zu vorwärts stürmender Entwicklung der Themen unüberhörbar an. Und so packte Kurt Masur zur Eröffnung des Abends diese Musik von ihrer energetischen Seite an und trieb sie in weitem Spannungsbogen temperamentvoll voran. Auf äußerste Transparenz bedacht modellierte das Orchester im Andante die motivischen Partikel plastisch heraus, wobei die Bläser weidlich die Gelegenheit nutzten, sich - wie allenthalben - von ihrer besten Seite zu zeigen. Beethovens heitere Seite kam im ironisch als "Menuett" bezeichneten 3. Satz, besonders im Trio, schön zur Wirkung. Nach der Spannung stiftenden langsamen Einleitung des Finalsatzes pulsierte das Spiel inspiriert bis zu den Schlussakkorden.

Mehr noch als Beethovens Erste gaben Schostakowitschs Sinfonien Orchester und Dirigent Gelegenheit, wahre Feuerwerke brillanten Orchesterspiels abzubrennen. Masur erwies sich als profunder Schostakowitsch-Kenner und dessen idealer Interpret. In der Ersten ließ er die vielfältigen motivischen Ideen des jungen Komponisten aufblitzen, der in seinem Werk alles, was es damals (1925) im Westen musikalisch an Neuem gab, aufgesogen zu haben schien und zu seinem Gesellenstück originell wieder zusammenkomponiert hatte, dass es buchstäblich alle Welt aufhorchen ließ. Skurrile Wendungen (wie manche Bläserfiguren im 1. Satz), futuristische Effekte im 2. Satz, melancholische Passagen im 3. Satz und die rasante Steigerung am Schluss des 4. Satzes: alles kam bestens zur Geltung und Schostakowitschs eigentümlicher Witz blitzte immer wieder von Neuem auf.

Anders der Charakter der Fünften, denn inzwischen hatten sich die Zeiten geändert. Kulturelle Freiheit und künstlerische Fruchtbarkeit der frühen Sowjetjahre waren unter Stalins Knute und dem Stumpfsinn der Funktionäre zerschlagen worden und nachdem der weise Sowjetführer eine Aufführung der Lady Macbeth von Mzensk verärgert verlassen hatte, war Schostakowitschs Musik zum "Chaos" gestempelt worden - ein Verdikt, von dem sich der gesundheitlich labile Komponist nie mehr richtig erholt haben dürfte. Als Reflex auf diesen Konflikt, gleichsam als Ausdruck eines schmerzvoll erfahrenen Antagonismus von freier individueller Entfaltung und kollektivem Zwang machte Masur diese Musik hörbar - beispielhaft zu zeigen am 1. Satz, dessen einleitende fragende Ungewissheit deutlich musikalische Kontur gewann, der dann überging in eine selbstvergessen lyrische Meditation, in die der quälend schrill instrumentierte Marsch, in seiner Gewöhnlichkeit scharf gezeichnet, jäh einbrach und spürbar bedrohlich die Kakophonie einer Diktatur evozierte, um sich schließlich in einer von den Holzbläsern über dem Streicherflageolett und der Harfe fein gesponnenen Traummelodie zu verflüchtigen. Mit einem Tonfall wehmütiger Nostalgie schien im Scherzo fast Mahlersche Wahlverwandtschaft auf. Der Schluss der Sinfonie schließlich ließ keinen anderen Eindruck zu als die von Schostakowitsch intendierte ironische "Antwort eines sowjetischen Künstlers auf berechtigte Kritik", nämlich die Empfindung von hohlem Pathos und einem vulgär - affirmativen falschen Heldentum. Völlig zu Recht bejubelte das Publikum diese eminent "werkgetreue" Interpretation frenetisch.


FAZIT

Mit diesen Konzerten, vor allem mit dieser Programmatik, ist das Festspielhaus seinem Namen voll und ganz gerecht geworden.




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Anne-Sophie Mutter
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Anne-Sophie Mutter (I)
Dirigent: Kurt Masur
London Philharmonic Orchestra

Ludwig van Beethoven
Konzert für Violine und
Orchester D-Dur Op. 61

Dimitri Schostakowitsch
Sinfonie Nr. 5 d-Moll Op. 47


Anne-Sophie Mutter (II)
Kurt Masur, Dirigent
London Philharmonic Orchestra

Lynn Harrell, Violoncello
André Previn, Klavier

Ludwig van Beethoven
Sinfonie Nr. 1 C-Dur Op. 21

Ludwig van Beethoven
Konzert für Violine, Violoncello,
Klavier und Orchester C-Dur op. 56
"Tripelkonzert"

Dimitri Schostakowitsch
Sinfonie Nr. 1 f-Moll Op. 10


Anne-Sophie Mutter (III)
London Philharmonic Orchestra
Anne-Sophie Mutter, Violine und Leitung
Boris Garlitsky, Violine

Johann Sebastian Bach
Konzert für Violine und Orchester
a-Moll BWV 1041

Johann Sebastian Bach
Konzert für Violine und Orchester
E-Dur BWV 1042

Johann Sebastian Bach
Konzert für zwei Violinen und Orchester
d-Moll BWV 1043






Weitere Informationen
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Festspielhaus Baden-Baden
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Da capo al Fine

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