Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Konzerte
Zur OMM-Homepage Konzert-Rezensionen-Startseite E-Mail Impressum



Fruchthalle Kaiserslautern
16. Januar 2003

Jay Schwartz


Ein Botschafter der Klänge
Portrait-Konzert Jay Schwartz in der Fruchthalle Kaiserslautern

Von Sebastian Hanusa


Komponieren als Nachrichtendienst, vom Innenleben des Akustischen kündend, gestaltet Jay Schwarts Zeiträume. Momentaufnahmen von Klängen werden in zehn-, gar fünfzehnminütige Abläufe gedehnt, so als definiere die Linse des Mikroskops den formalen Rahmen ganzer Stücke. In seiner Inspirationsquelle dem spektralen Denken verwandt, geht der seit 1989 in Deutschland ansässige US-Amerikaner eher intuitiv mit der Idee akustischer Makros um: Er malt seine streng gesetzten formalen Rahmen mit einer bemerkenswerten Sensibilität für die Energetik des klanglichen Materials aus. Diese Arbeit wird dabei vom Komponisten als das Einlassen auf einen nicht immer kalkulierbaren Prozess beschrieben.

Am Anfang aller fünf in der Fruchthalle gespielten Stücke steht ein homogener Klangapparat, Streicherbesetzungen, acht Tamtams unterschiedlicher Stimmung oder die verstärkten Herzgeräusche von vier Schauspielern. Die größten Möglichkeiten musikalischer Differenzierung bieten dabei erstere, die zwölf Cellisten in "Music for 12 Cellos", das Streichquintett in "Music for 5 Stringend Instruments" oder die Kombination der beiden Ensembles in "Music for 17 Stringend Instruments". Fragil und geräuschhaft beginnend entspinnt sich in allen drei Stücken fast aus dem Nichts Entwicklung, Kumulation, eine von Anhäufung und Ausdünnung geprägte Modulation des Klanges in der Zeit.

Die strengste Form in dieser Hinsicht hat die "Music for 5 Stringend Instruments", ein klassisches Streichquartett, ergänzt durch Kontrabaß und mittels Live-Elektronik verarbeitet und verräumlicht: Einem nahezu weißen Rauschen, Schabgeräuschen der Streicherbögen auf dem Steg, werden erst einzelnen Töne, elektronische Resonanz-Spektren und der eine oder anderen ordinario gespielte Ton abgerungen, bevor sich die gleichmäßig voranschreitende Entwicklung zu einer komplexen, eruptiven Textur zusammenballt, deren abruptes Abbrechen gleichzeitig das Ende des Stückes markiert.

Wesentlich differenzierter im Aufbau waren die beiden anderen Stücke, gespielt von der Cello-Klasse der Tübinger Musikschule. Erstaunlich das herausragende musikalische Niveau der jugendlichen Musikerinnen und Musiker, die den Vergleich mit den Spezialisten des Ensembles 5356 nicht zu scheuen brauchten. Das von Schwartz für die Cello-Klasse geschriebene "Music for 12 Cellos" beeindruckte neben der hohen kompositorischen Qualität durch eine perfekte Interpretation, so daß der Gewinn des Bundeswettbewerbs "Jugend musiziert" durch das Tübinger Ensemble und mit Schwartz´ Stück mehr als gerechtfertigt erschien. Während die Musiker bei den beiden anderen Streicherstücken an einer Stelle des Raumes konzentriert saßen, waren die Cellisten im Kreis an den Wänden des Saales positioniert. Schwartz´ Komposition kalkuliert mit der Interaktion der Musiker: Die Zeitstruktur des ansonsten fixierten Materials wird durch das Weiterreichen von musikalischen Strukturen, die jeweiligen Reaktionen und Interaktionen erzeugt. Herausragend dabei die Feinnervigkeit und der hohe Grad an Differenziertheit, mit der die jungen Musiker die räumliche Modulation der spektralen Klänge vornahmen.

Während die kompositorisch eher eindimensional und undifferenziert wirkende "Music for 17 Stringend Instruments" gegenüber den beiden anderen Streicherstücken etwas blaß blieb, war die "Music for 8 Autosinic Gongs" ein weiterer Höhepunkt des Abends. Wie von Geisterhand schienen die acht Tamtams in Schwingung versetzt, erklangen wellenförmige Abläufe, die eine Bandbreite abdeckten, die von hohen, betörend durchsichtigen Klanggespinsten bis hin zu brachialen, wuchtigen Ausbrüchen reichte. Technisch ermöglicht wurde die Komposition durch Rückkopplungen im Infraschallbereich, wo jeweils das Mikrophon auf der einen Seite des Schwingungsknotens eines Gongs und der Lautsprecher auf der anderen angebracht war. Die kompositorische Gestaltung wurde vermittels des Öffnungsgrad der betreffenden Kanäle vorgenommen.

Inszeniert wurden die Stücke durch die sparsame wie effektvolle Ausleuchtung der altehrwürdigen Fruchthalle und die Anordnung der Bestuhlung im Kreis, um den Mittelpunkt des eigentlichen Zuschauerraums herum. Die Kompositionen waren in einer synästhetischen Ganzheit eingebunden, deren atmosphärisch dichter Auftakt die "Konzert-Installation" "I always wanted to set the Shakespeare-Sonnets to music" war. Die stumme Lektüre der Shakespearschen Lyrik von vier Schauspielern hinterließ vermittels ihrer verstärkten Herztöne einen imaginären Schatten im akustischen Raum.

Wieder einmal gelang es, mit dem alljährlichen Komponisten-Portrait einen weithin hörbaren Akzent zu setzen!


Ihre Meinung
Schreiben Sie uns einen Leserbrief
(Veröffentlichung vorbehalten)

Programm:

Jay Schwartz
Four Chamber Music
"I always wanted to set the Shakespeare
Sonnets to music"

Konzert-Installation für
vier Schauspieler und Herztonfrequenzen
– Uraufführung –

Music for 12 Cellos

Music for 5 Stringend Instruments
für Streichquintett und Live Elektronik

Music for 8 Autosonic Gongs

Konzert-Installation für
8 elektroakustisch gesteuerte Tamtams

Music for 17 Strigend Instruments
für Streichquintett und 12 Celli
– Uraufführung –


Ensemble 5356
Celloklasse Joseph Hasten,
Tübinger Musikschule
Schauspieler des Pflaztheaters
Kaiserslautern

Klangregie:
Joachom Glasstetter, Jay Schwartz







Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Konzert-Rezensionen-Startseite E-Mail Impressum

© 2003 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
Email: konzerte@omm.de

- Fine -