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Aalto-Theater Essen
8. Juli 2003

Festkonzert anlässlich des 50jährigen Bestehens des Essener Jugend-Symphonie-Orchesters


Gemeinsam niveauvoll Musik machen

Das Essener Jugend-Symphonie-Orchester feiert mit Chatschaturjan, Martin und Brahms sein 50jähriges Bestehen

Von Thomas Tillmann


Gemeinsam niveauvoll Musik machen - so könnte man das Motto des Essener Jugend-Symphonie-Orchesters beschreiben, das am 8. Juli im ausverkauften Aalto-Theater auf wahrlich beeindruckende 50 Jahre zeit- und grenzüberschreitender Begegnungen mit anspruchsvoller Musikliteratur aus allen Epochen zurückblicken konnte (fünf enggetippte Seiten in der Jubiläumsbroschüre listen minutiös die interpretierten Werke von Adler bis Zimmermann auf!). Das Nachwuchsorchester, mit seinen beinahe 80 Mitwirkenden im Alter von 14 bis 28 Jahren (übrigens sind die Musikerinnen deutlich in der Überzahl!) das älteste Ensemble seiner Art in Nordrhein-Westfalen, ist damit zu einem festen Bestandteil des Essener Kulturlebens geworden, nicht zuletzt auch weil es seit 35 Jahren die festliche Dommusik in der Ruhrgebietsstadt bestreitet.

Die Wiege des Orchesters stand genau genommen in England: Im Frühjahr 1953 hatte Oberstudienrat Peter Jansen vom Essener Helmholtz-Gymnasium das Jugendorchester für einen Austausch von Schülerorchestern zusammengestellt. Die Gemeinschaft der jungen Musikerinnen und Musiker bewährte sich auf dieser Konzertreise so sehr, dass man sich schnell einig war, das "Zufallsorchester" zu einer Dauereinrichtung zu machen. Seit 1961 liegen die Geschicke des Kollektivs nun in den Händen von Wolfgang Erpenbeck, und die Orchestermitglieder, die sich seit 1964 an jedem Freitag von 18 bis 22 Uhr im Jugendzentrum Papestraße zur Probe treffen, schwärmen von der Arbeit mit dem inzwischen 72jährigen Lehrer, der bereits seit acht Jahren pensioniert ist, von seinem enthusiastischen Stil, mit dem er es immer wieder schafft, seine Schützlinge Musik verstehen zu lassen und ihnen die Freude zu vermitteln, die Frucht eines ernsthaften, mitunter zweifellos auch anstrengenden Bemühens ist. Dr. Oliver Scheytt, Geschäftsbereichsvorstand Bildung und Kultur der Stadt Essen, konstatierte in Anlehnung an Nietzsches "Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum", ohne das Jugend-Symphonie-Orchester, das seinen Mitgliedern Orientierung gebe und ein beeindruckendes Beispiel dafür sei, dass junge Menschen allen Unkenrufen zum Trotz auch in dieser Zeit zu motivieren seien, sei das Musikleben in Essen ein Irrweg. Wie beruhigend, dass Engagement und Nachwuchs nach wie vor erfreulich groß sind, so dass auch in Zukunft ein erfolgreiches und begeistert-begeisterndes Orchestermusizieren gewährleistet sein dürfte!

Wer übrigens dem Jugend-Symphonie-Orchester entwachsen ist, hat die Möglichkeit, gemeinsam mit Profis und dem begabtesten Nachwuchs des EJSO im "Sinfonischen Collegium Essen" bei der Realisierung von Chor-Orchester-Werken zusammenzuwirken. Das Orchester selbst ist aber auch eine beachtliche Talentschmiede: Zahlreiche ehemalige Mitglieder spielen heute in prominenten Orchestern (als Beispiele seien das Berliner Philharmonische Orchester, die Düsseldorfer Symphoniker, das Gürzenich-Orchester Kölner Philharmoniker, die Münchner Philharmoniker, die Orchester der Beethovenhalle Bonn und der Deutschen Oper Berlin sowie das Tonhalle-Orchester Zürich genannt), allein acht Mitglieder der Essener Philharmoniker sind aus dem EJSO hervorgegangen.

Erpenbeck seinerseits schwärmt von dem Vergnügen, sich mit unvoreingenommenen Jungmusikern auf das Abenteuer "Erstbegegnung" einzulassen und die Welt der Musik immer wieder neu zu erschließen. Dadurch wird seiner Überzeugung nach ein Kulturgut erschlossen, das wie kaum ein anderes in der Lage ist, auf der doppelten Ebene von ratio und emotio Leben zu tragen und miteinander zu steuern. Musik hat für den Pädagogen mit der Entfaltung von Gedanken zu tun, die kompositorisch formuliert worden sind: "Diese Sprache nach Herkunft, Form und Inhalt in grenz- und epochenüberschreitender Vielfalt mit Interessierten zwischen 12 und 24 verstehen zu lernen, war von Anfang an mein Bestreben." Im Vordergrund steht dabei für Erpenbeck, der sich selbst weniger als Dirigent denn als "Geburtshelfer" versteht, eine stets werkbezogene, den Personalstil und die unverwechselbare Struktur der jeweiligen Komposition berücksichtigende Erschließung, die versucht, Zusammenhänge heraus zu lesen und nicht hinein zu denken, sowohl der Musik als auch den Musikmachenden in angemessener Weise gerecht zu werden, Augen und Ohren für Gestaltungsmittel und Ausdrucksbereiche zu schärfen und das Bewusstgewordene in Spielfertigkeit umzusetzen - Respekt vor dem Werk eben statt eitler Profilneurose. Neben Werken der Moderne - laut Erpenbeck eine unverzichtbare Auseinandersetzung junger Menschen mit ihrer Gegenwart - finden immer wieder Kompositionen Berücksichtigung, die im gängigen Veranstaltungsangebot vernachlässigt werden, wobei sich die Werkauswahl natürlich an der Frage der technischen Machbarkeit orientiert, um zu einer möglichst optimalen Verwirklichung der unterschiedlichen musikalischen Anforderungen zu kommen.

Die Begeisterung, mit der das in einem ständigen Erneuerungsprozess sich befindende Orchester sich den nicht geringen Aufgaben stellt, sprang auch bei dem Jubiläumskonzert sofort auf die Zuhörerinnen und Zuhörer über: Am Beginn des interessanten Programms stand die mit ihrer zündenden Rhythmik und eingängigen Melodik herrlich abwechslungsreiche sinfonische Suite, die der 1903 als Sohn einer armenischen Familie geborene Aram Chatschaturjan 1944 aus der 1941 für eine geplante Moskauer Aufführung entstandenen Bühnenmusik für Lermontovs Drama Die Maskerade zusammengestellte hatte. Bereits im süffig, aber nie süßlich und stets präzis musizierten Walzer gefiel der satte, sinnlich-warme Streicherklang, die glänzend, aber nie reißerisch herausgearbeiteten Steigerungen und das erstaunliche Wissen um die Kunst des Rubato, während Konzertmeister Philip Goody in dem gefühlstiefen Violinensolo des atmosphärischen Nocturno reichlich Gelegenheit hatte, mit seinem besonders schönen Ton und großer Expressivität für sich einzunehmen. Mit viel Musizierlaune kosteten die jungen Talente die farbige Instrumentierung und die Ausgelassenheit der Mazurka aus, und dank des energischen Einsatzes Wolfgang Erpenbecks wurde die Gefahr des Schleppens in der glutvoll-schwärmerischen, melancholisch-beseelten Romanze von vornherein ausgeschaltet. Während die ersten vier Sätze eine poetische Schilderung des Petersburger Milieus zur Zarenzeit darstellen, betont der letzte Satz in seiner satirisch-grotesken Überzeichnung die kritische Haltung der Vorlage (Lermontov führte in seinen Werken einen erbitterten Kampf gegen die dekadente Gesellschaft des zaristischen Russlands), und genau diese Gebrochenheit wusste das die schwierigen Übergänge tadellos meisternde Kollektiv überzeugend umzusetzen.

Hinter der ausgefallenen Besetzung von Frank Martins Konzert für sieben Blasinstrumente, Pauken, Schlagzeug und Streichorchester von 1949 (komponiert im Auftrag der Bernischen Musikgesellschaft) stand der Versuch, die Fähigkeiten der verschiedenen Solobläser des Orchesters und ihre Virtuosität hervorzuheben - keine leichte, aber eine problemlos bewältigte Aufgabe für die acht Solisten, die allesamt aus dem von seinen Mitgliedern liebevoll als "Jusi" bezeichneten Orchester hervorgegangen sind, das den Reichtum an Stimmungen und interessanten Klangfarben und die unmittelbare Expressivität des viele rhythmische und technische Tücken aufweisenden Werks beeindruckend sicher und mit großem künstlerischen Ernst auffächerte, wobei die frappierende Klarheit und Transparenz auch bei Tuttistellen und der wunderbar verklärte Schluss des Adagietto besondere Erwähnung verdienen. Auch beim den ersten Teil beschließenden tänzerisch-mitreißenden Allegro vivace bewunderte man die Frische des Orchesterspiels und den Reichtum an herausgearbeiteten Nuancen - man spürte als Zuhörer, welches Selbstvertrauen Erpenbeck den Nachwuchsmusikern mitzugeben versteht.

Johannes Brahms' ausdrucksstarke, festliche erste Symphonie hatte Hans von Bülow einmal als "Beethovens Zehnte" bezeichnet, und zweifellos ist das Werk der bedeutendste Beitrag zum rein symphonischen Stil seit Beethoven. Im "Un poco sostenuto - Allegro" überschriebenen ersten Satz entlockte der vorwärtsdrängende, emphatische Erpenbeck, dem man in jedem Augenblick die Liebe zu den ausgewählten Werken und "seinen" jungen Leuten abnimmt, dem Klangkörper herrlich organische Steigerungen. In Erinnerung bleibt auch der wunderbar flüssig musizierte dritte Satz ("Un poco Allegretto e grazioso") und die erstaunliche Tiefe der Interpretation des letzten Satzes ("Adagio - Allegro non troppo, ma con brio") mit seinem elektrisierenden Schluss - da war nichts schön zu reden aus Sympathie für ein als bedeutend und förderungswürdig empfundenes Projekt! Dem Enthusiasmus und der Seriosität aller Beteiligten konnte man sich auch in der als Zugabe in Angriff genommenen Akademischen Festouvertüre nicht entziehen, auch wenn hier deutlich wurde, wie anstrengend ein solch langer Konzertabend sein kann.

Nicht fehlen darf abschließend ein Hinweis auf die gut gemachte Homepage www.jusi-essen.de, auf der sich Interessierte auch über den Erwerb einer bemerkenswerten Doppel-CD informieren können, auf der Christoph Claßen die Saalbaukonzerte des Jugend-Symphonie-Orchesters von 1985 bis 1993 mit Werken von Elgar (Enigma-Variationen), Debussy (Prélude à l'après-midi d'un faune), Schostakowitsch (Symphonie Nr. 1), J. S. Bach/Webern (Ricercar aus dem "Musikalischen Opfer), Tschaikowski (Serenade für Streichorchester) und Beethoven (Symphonie Nr. 4) dokumentiert hat. Den jetzigen und künftigen Orchestermitgliedern kann man nur alles Gute für die nächsten 50 Jahre "Jusi" wünschen!


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Programm

Aram Chatschaturjan
Suite "Maskerade" (1940/41)

Frank Martin
Concerto für 7 Blasinstrumente,
Pauken, Schlagzeug und
Streichorchester (1949)

Johannes Brahms
Symphonie Nr. 1
in c-moll, op. 68


Solisten:

Anja Strüber, Flöte
Claudia Hellbach, Oboe
Nicola Salami, Klarinette
Stefanie Erdmann, Fagott
Tobias Liedtke, Horn
Bernward van Heek, Trompete
Andreas Roth, Posaune
Adrian Trutz, Pauken



Essener Jugend-
Symphonie-Orchester

Wolfgang Erpenbeck,
Leitung





Weitere Informationen
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Essener Jugend-
Symphonie-Orchester







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