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Musik der Reduktion Spiegel Streichquartett und Teodoro Anzellotti im Konzerthaus Dortmund
Von Maik Hester
In seiner ersten Spielzeit ist das Konzerthaus Dortmund ein Garant für Komponisten und Interpreten von Weltrang. So auch beim Kammermusikabend mit dem Spiegel Streichqartett und dem Akkordeonisten Teodoro Anzellotti.
Der Abend begann mit meditativen Klängen des Belgiers Wim Henderickx. In seinem Streichquartett Nr. 1 OM bezieht er sich auf den Weltklang der buddhistischen Mönche und schafft so ein meditatives, innerlich bewegtes und äußerlich doch statisches Klangbild.
Musik der Reduktion dann auch im ersten Akkordeonsolo, Salvatore Sciarrinos Vagabonde blu. Immer wieder baute Anzellotti Körperspannung auf, die sich dann in minimalen akustischen Gesten artikulierte. Aus der Fülle der klanglichen Möglichkeiten des Akkordeons wählt Sciarrino ausschließlich die essentiellen Bestandteile. Das tonlose Spiel macht Tastaturgeräusche hörbar, die sonst vom Klang verdeckt würden, das reine Atmen des Instruments erzeugt schwache Windgeräusche. Bei diesen ausgesparten Höreindrücken weitet sich das Ohr des Betrachters, der die kleinen Gesten viel größer wahrnimmt. Doch auch die wenigen Klänge, Blockakkorde und Melodiefragmente wirken skeletthaft und lassen das traditionelle Akkordeonspiel in fernen Anklängen assoziativ durchscheinen. Die bereits im Titel angedeutete Kompositionshaltung geht auf, wenngleich sich der Hörgenuss einer derart intimen Musik in einem Konzertsaal dieser Größe nicht recht einstellen mochte.
Das erste gemeinsame Werk aller Interpreten, Matthias Pintschers Zyklus Figura für Akkordeon und Streichquartett, präsentierte wiederum ein ausgespartes und oftmals vorläufig wirkendes Klangbild: der immerwährende Vorhalt. Pintscher bezieht sich dabei auf die späten bildhauerischen Arbeiten Alberto Giacomettis. "Mich fasziniert dabei der Eindruck des Fragmentarischen an Giacomettis Figuren; sie wirken so, als ob seine formende Hand das Objekt nur eben verlassen hätte, um einen Schritt zurückzutreten". Gleichwohl räumt Pintscher ein, dass sich visuelle Eindrücke nicht vertonen, also komplett in auditive umsetzen lassen. Was bleibt, sind Klänge im Aufbruch, die auf den traditionellen Instrumentalklang hindeuten, die Sehnsucht des Zuhörenden aber nicht einlösen.
Absoluter Höhepunkt des Konzerts war Luciano Berios Sequenza XIII (Chanson). Zwar bezieht sich Berio in Titel und Form auch auf die Tradition des Akkordeons, verzichtet dabei aber völlig auf pathetische Anklänge und zitierte Manierismen und schafft damit ein Werk, dessen Virtuosität und Klanglichkeit den Zuschauer unmittelbar in seinen Bann zieht.
Zum Ausklang des Abends erklang mit Matthias Pintschers viertem Streichquartett eine Hommage an den Renaissance-Komponisten Don Carlo Gesualdo, dessen expressive Musik und dessen rastloses Leben Pintscher in seiner Komposition aufnimmt. Allerdings sind die rein klanglichen Möglichkeiten, außermusikalische Eindrücke eindeutig in Musik zu gießen durchaus begrenzt, so dass sich das Streichquartett in seiner Hörwirkung nur wenig von den Sätzen des Figura-Zyklus unterschied.
Als Gesamteindruck lässt sich festhalten, dass die feine Akustik des Konzertsaals, brillante Interpreten und hochrangige Komponisten allein noch keinen herausragenden Konzertabend ausmachen, wenn das Programm mit seinen ausgedehnten Flageolett-Glissandi auf weite Strecken klingt wie bei zahlreichen Festivals heute üblich und auch die Minen der Ausführenden wenig Spielfreude erkennen lassen.
Ganz am Rande stellt sich die Frage, ob es wirklich dem Rahmen angemessen und ästhetisch vertretbar ist, bei einer solchen Konzertveranstaltung unmittelbar vor Programmbeginn über Lautsprecher Werbung einzuspielen und damit die gespannte Erwartung der Zuschauer zu durchbrechen. Fragt sich nur, wie lange es noch dauert, bis auch die einzelnen Sätze einer Sinfonie vom Juwelier nebenan persönlich angekündigt werden.
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ProgrammWim HendreickxOM Streichquartett Nr. 1 (Deutsche Erstaufführung) (Auftragswerk des Spiegel Streichquartetts, 1992) Salvatore Sciarrino Vagabonde blu für Akkordeon solo (1997/98) Matthias Pintscher Figura I - V Zyklus für Akkordeon und Streichquartett Figura I per quartetto d'archi e fisarmonica (1998) Figura II / Frammento per quartetto d'archi (1997) Figura III per fisarmonica (2000) Figura IV / Passaggio per quartetto d'archi (1999) Figura V / Assonanza per violoncello (2000) Luciano Berio Sequenza XIII (Chanson) für Akkordeon (1995, revidiert 1996) (Auftragswerk der Kunststiftung Rotterdam für Teodoro Anzellotti) Matthias Pintscher Quarto quartetto d'archi "Ritratto di Gesualdo" (Streichquartett Nr. 4 "Porträt von Gesualdo", 1992)
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