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Festspielhaus Baden-Baden
7.2.2003

Jevgeny Kissin


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Zwischen Gefühl und Pathos

Von Christoph Wurzel


Der Begriff des "Ausnahmekünstlers" ist eine etwas abgegriffene Formel, ähnlich wie das "Jahrhundertereignis", aber es gibt sie eben doch, diese exzeptionellen Musikerinnen und Musiker, deren Namen mit einer Mischung von Bewunderung und ungläubigem Staunen genannt werden, wenn ihre Aufnahmen diskutiert oder ein Konzert angekündigt wird.

Jevgeny Kissin gehört allemal zu ihnen. 1971 in Moskau geboren, erwarb er in Russland schnell den Ruf eines pianistischen "Wunderkinds". 16jährig trat er erstmals im Westen auf und gab sein sensationelles Debut vor einem großen Publikum im Silvesterkonzert der Berliner Philharmoniker unter Herbert von Karajan im Deutschen Fernsehen. Seitdem hat er kontinuierlich Weltkarriere gemacht, bisher ohne die manchmal unvermeidlichen Einbrüche solcher musikalischer Frühbegabungen, sondern hat sich in ständig wachsender Reife mit einem sehr überschaubaren klassisch - romantischen Repertoire in die erste Reihe der interessantesten Pianisten seiner Generation empor gespielt. Und an solchen herrscht ja im Moment kein Mangel, wenn man allein schon an die stattliche Riege seiner russischen Landsmänner denkt.

Eine ausgedehnte Tournee führt diesen Künstler gegenwärtig in 7 deutsche Städte, darunter Baden-Baden. Hier spielte er ein höchst attraktives Programm - Schuberts Klaviersonate D 960, vier Bearbeitungen von Schubertliedern aus der Schönen Müllerin und dem Schwanengesang, sowie zweimal originalen Liszt. Auch bei den vier Zugaben, die das begeisterte Publikum ihm abtrotze, blieb er bei Schubert (Impromptu As-Dur und 6 Walzer) und Liszt.

Die B-Dur Sonate stammt aus der Trias von Schuberts letzten Sonaten aus dem Todesjahr 1828, entstanden wenige Monate vor seinem Tod. Sie erscheint wie eine bewegende Summe seines gesamten Schaffens und ihre geistige Verwandtschaft mit der "Winterreise" ist unverkennbar. Dies war auch der Interpretation durch Jewgeny Kissin anzumerken: leise Wehmut, aber auch eine fast trotzige Heiterkeit durchwehte die überaus subjektive Lesart, die Kissin gleichermaßen in tief bewegender Ausdrucksintensität und brillanter Technik verwirklichte.

Das schlichte Thema des ersten Satzes, eine naiv-heitere Melodie in wanderndem Duktus versah er durch zarte Rubati mit leisen Zweifeln, als wolle er fragen "wohin?". Die bedrohliche Bassfigur nach dem ersten Durchlauf des Themas spielte Kissin mit beeindruckender, selten zu hörender Genauigkeit: klar kamen die Zweiunddreißigtseltriolen, dann der Triller auf der ganzen Note mit dem Abgang auf den gebundenen zwei Zweiunddreißigstel mit abschließendem Achtel. Absolute Perfektion und doch unaufdringlich. Wie die Exposition sich dann vom verhaltenen Pianissimo zum Fortissimo steigert, gewann durch Kissins Spiel hohe Ausdruckskraft.
Klar war auch die Architektur der Form herausgearbeitet, Kissin spielte alle vorgeschriebenen Wiederholungen und betonte so den klassischen Charakter von Schuberts Bauform in dieser Sonate.
Aber der neue, romantische Ausdruck, Schuberts eigene tiefe Melancholie, blieb immer im Hintergrund und bewegend präsent. Die überaus traurige Grundstimmung des zweiten Satzes übertrug sich unmittelbar. Das Andante sostenuto dieses tristen Wanderschritts erfüllte Kissin ohne jede Sentimentalität mit starkem Gefühl und gab den harmonischen Nuancen, den Reibungen und Auflösungen, eine bedrückend fahle Farbigkeit. Den Mittelteil dieses Satzes gestaltete er zu einem bewegten Gegenlied "Klagen ist für Toren!", um erneut im dritten Teil in den düster schleppenden, schweren Schritt zurückzufallen.
Attacca zu Scherzo, das er, wie von Schubert vorgeschrieben, con delicatezza zu einem leichten, virtuosen Dreher entwickelte, auch hier wieder mit feinsten dynamischen und harmonischen Abstufungen versehen. Mit Witz setzte er markant die sforzato - Bass - Synkopen im Trio, um nicht zu viel blanke Heiterkeit entstehen zu lassen. In brillanter Schärfe erschienen die Themen des Schlussrondos und rundeten diese hochdramatische Interpretation der Sonate mit furiosem Schwung eindrucksvoll ab.

Nach der Pause war der Übergang zu Franz Liszt durch dessen Bearbeitungen aus Schuberts Liederzyklen einerseits leicht, andererseits doch verstörend, war doch allzu deutlich der Unterschied zwischen dem Schubertschen Gefühl und dem Lisztschen Pathos zu spüren. In einem Interview, das im Programmheft abgedruckt ist, hat sich Kissin zu einem sehr unbefangenen Verhältnis bekannt, das er zu den Lisztschen Bearbeitungen habe, die übrigens in Russland offenbar sehr beliebt sind.
So spielte er sie auch mit einer hingebungsvollen Seriosität und wunderbarer Gesanglichkeit, dennoch war die von Liszt intendierte Aufblähung der intimen Liedform zum Tastenrausch unvermeidlich. Aber: ehrlich empfunden und höchst virtuos gespielt wurden die Stücke unter Kissins Fingern dann doch große Ereignisse. Dass er mit dem Petrarca - Sonett Nr. 104 und besonders dem Tanz in der Dorfschänke das Publikum zuerst in atemloses Staunen und dann in frenetischen Jubel versetzte, war Ergebnis der enorm souverän kalkulierten Perfektion dieses wirklich sensationellen Pianisten, von dem man sich staunend fragen muss, wohin er sich mit seinen erst 31 Lebensjahren noch entwickeln wird.


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Programm:


Franz Schubert
Sonate für Klavier B-dur D. 960

Franz Schubert/ Franz Liszt
Liedbearbeitungen
Ständchen D 957 Nr. 4
Das Wandern D 795 Nr. 1
Wohin? D 795 Nr. 2
Aufenthalt D 957 Nr. 5

Franz Liszt
"Sonetto Nr. 104 del Patrarca"
aus Années de Pèlerinage II

Der Tanz in der Dorfschenke
Mephistowalzer Nr. 1


Jevgeny Kissin (Klavier)





Da capo al Fine

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