|
Veranstaltungen & Kritiken Konzerte |
|
|
|
|
Zwischen Gefühl und Pathos
Von Christoph Wurzel
Der Begriff des "Ausnahmekünstlers" ist eine etwas abgegriffene Formel, ähnlich wie das "Jahrhundertereignis", aber es gibt sie eben doch, diese exzeptionellen Musikerinnen und Musiker, deren Namen mit einer Mischung von Bewunderung und ungläubigem Staunen genannt werden, wenn ihre Aufnahmen diskutiert oder ein Konzert angekündigt wird. Jevgeny Kissin gehört allemal zu ihnen. 1971 in Moskau geboren, erwarb er in Russland schnell den Ruf eines pianistischen "Wunderkinds". 16jährig trat er erstmals im Westen auf und gab sein sensationelles Debut vor einem großen Publikum im Silvesterkonzert der Berliner Philharmoniker unter Herbert von Karajan im Deutschen Fernsehen. Seitdem hat er kontinuierlich Weltkarriere gemacht, bisher ohne die manchmal unvermeidlichen Einbrüche solcher musikalischer Frühbegabungen, sondern hat sich in ständig wachsender Reife mit einem sehr überschaubaren klassisch - romantischen Repertoire in die erste Reihe der interessantesten Pianisten seiner Generation empor gespielt. Und an solchen herrscht ja im Moment kein Mangel, wenn man allein schon an die stattliche Riege seiner russischen Landsmänner denkt. Eine ausgedehnte Tournee führt diesen Künstler gegenwärtig in 7 deutsche Städte, darunter Baden-Baden. Hier spielte er ein höchst attraktives Programm - Schuberts Klaviersonate D 960, vier Bearbeitungen von Schubertliedern aus der Schönen Müllerin und dem Schwanengesang, sowie zweimal originalen Liszt. Auch bei den vier Zugaben, die das begeisterte Publikum ihm abtrotze, blieb er bei Schubert (Impromptu As-Dur und 6 Walzer) und Liszt. Die B-Dur Sonate stammt aus der Trias von Schuberts letzten Sonaten aus dem Todesjahr 1828, entstanden wenige Monate vor seinem Tod. Sie erscheint wie eine bewegende Summe seines gesamten Schaffens und ihre geistige Verwandtschaft mit der "Winterreise" ist unverkennbar. Dies war auch der Interpretation durch Jewgeny Kissin anzumerken: leise Wehmut, aber auch eine fast trotzige Heiterkeit durchwehte die überaus subjektive Lesart, die Kissin gleichermaßen in tief bewegender Ausdrucksintensität und brillanter Technik verwirklichte. Das schlichte Thema des ersten Satzes, eine naiv-heitere Melodie in wanderndem Duktus versah er durch zarte Rubati mit leisen Zweifeln, als wolle er fragen "wohin?". Die bedrohliche Bassfigur nach dem ersten Durchlauf des Themas spielte Kissin mit beeindruckender, selten zu hörender Genauigkeit: klar kamen die Zweiunddreißigtseltriolen, dann der Triller auf der ganzen Note mit dem Abgang auf den gebundenen zwei Zweiunddreißigstel mit abschließendem Achtel. Absolute Perfektion und doch unaufdringlich. Wie die Exposition sich dann vom verhaltenen Pianissimo zum Fortissimo steigert, gewann durch Kissins Spiel hohe Ausdruckskraft. Nach der Pause war der Übergang zu Franz Liszt durch dessen Bearbeitungen aus Schuberts Liederzyklen einerseits leicht, andererseits doch verstörend, war doch allzu deutlich der Unterschied zwischen dem Schubertschen Gefühl und dem Lisztschen Pathos zu spüren. In einem Interview, das im Programmheft abgedruckt ist, hat sich Kissin zu einem sehr unbefangenen Verhältnis bekannt, das er zu den Lisztschen Bearbeitungen habe, die übrigens in Russland offenbar sehr beliebt sind. |
Programm:Franz Schubert Sonate für Klavier B-dur D. 960 Franz Schubert/ Franz Liszt Liedbearbeitungen Ständchen D 957 Nr. 4 Das Wandern D 795 Nr. 1 Wohin? D 795 Nr. 2 Aufenthalt D 957 Nr. 5 Franz Liszt "Sonetto Nr. 104 del Patrarca" aus Années de Pèlerinage II Der Tanz in der Dorfschenke Mephistowalzer Nr. 1 Jevgeny Kissin (Klavier)
|