Brahms-Requiem einmal anders:
Kent Nagano zu Gast beim NDR-Sinfonieorchester in Hamburg
Von Iris Hennig
Brahms in Hamburg, das ist ein musikalisches "Heimspiel" - ein Requiem zur Passionszeit, das fällt auf. Kent Nagano, nicht nur als Chef des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin für außergewöhnliche Programmgestaltung bekannt, wagte es am vergangenen Montag im Abonnementkonzert des NDR in der Musikhalle: Nach Vorbild einer Berliner Aufführung des Requiems vom vorvergangenen Wochenende unter Naganos Leitung, fügte er kurzfristig (so die Programmheftnotiz) das Stück "Das Lesen der Schrift (Vier Stücke für Orchester), von Wolfgang Riehm, entstanden 2001/2002, zwischen die einzelnen Teile des Requiems ein. An sich eine gute Idee, die "Trutzburgen" des deutschen Konzertsaals nicht in ihrer Unberührbarkeit zu belassen und damit neue Formen des Hörens und des Neuhörens zu provozieren. Aber mussten es ausgerechnet diese vier Stücke sein? "Was hat das mit dem Requiem zu tun?", "Was bildet der sich denn eigentlich ein?", "Das hätte er ja wohl besser bleiben lassen sollen", das Publikum reagierte mit Unverständnis, gar Ablehnung. Und tatsächlich: die vier, jeweils etwa fünfminütigen, Stücke von Riehm, allesamt gemäßigt, fast meditativ im Tonfall (hier waren "verlöschende" Klänge bis hin zum Verstummen in den Geigen noch die interessantesten Effekte), standen weder in hörbarem musikalischem Bezug, noch ließen sie auf die Textzeilen dramaturgische Bezüge erkennen. Das Requiem wirkte dadurch zerstückelt, in seinem musikalischen Spannungsbogen zerstört. Man fragte sich: Für wen ist dieses "Lesen" bestimmt? Für den Komponisten, die Musiker? Für den Hörer mit Sicherheit nicht.
Der NDR-Chor und das SWR-Vokalensemble Stuttgart zeigten sich in bester Form, die Stimmen klangen wach und zusammen mit dem NDR-Sinfonieorchester transparent. Naganos klares Dirigat führte Chor und Orchester zu einem homogenen Gesamtklang, der die Eigenständigkeit der Stimmen gut durchhören ließ. Die Solisten, Michaela Kaune für die erkrankte Maria Bayo und Matthias Goerne für den erkrankten Russell Braun, gaben ihren Partien fast opernhaften Ausdruck, was sehr gut zum Text passte.
Als Kontrast hatte Nagano vor der Pause drei Stücke aus der "Lyrischen Suite" für Streichorchester von Alban Berg ohne Stab in "aufblühenden" Bewegungen dirigiert. Zart, wie hinter einer Folie, gaben die Streicher dem intimen, gleichzeitig dramatischen Charakter der drei so unterschiedlichen Sätze Ausdruck.
Es war also ein Abend der Gegensätze und Überraschungen. Zwar überzeugte die Wahl der "Vier Stücke" von Riehm nicht. Die Idee jedoch, konventionelle Hörgewohnheiten in dieser Konsequenz aufzubrechen, ist in jedem Fall begrüßenswert
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