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Veranstalter-Homepage 18.08.2002 / 19.08.2002
Festspielhaus Baden - Baden






Werke von Hector Berlioz, Gustav Mahler und Wolfgang Amadeus Mozart, Alban Berg, Richard Strauss

Olga Borodina, Mezzosopran
Ricardo Morales, Klarinette
Jessye Norman, Sopran
Jean-Yves Thibaudet, Klavier
The MET Orchestra

Leitung: James Levine

Gipfeltreffen

Von Christoph Wurzel / Foto: pr



Etwas abseits von den großen sommerlichen Festivals zwischen Schleswig-Holstein, Bayreuth und Salzburg konnte das Publikum in Baden-Baden das Zusammentreffen großer und größter VIPS aus der musikalischen Welt miterleben, die es in zwei Konzerten mit kompositorischen Höhepunkten der Musikgeschichte verwöhnten und zu Begeisterungsstürmen hinriss.

James levine Das Orchester der Metropolitan Opera New York war unter der Leitung des künsterlischen Direktors der MET James Levine im Rahmen seiner gegenwärtigen Festival Tour durch Europa auch nach Baden-Baden gekommen und stellte sein Können auch als Konzertorchester eindrucksvoll unter Beweis. Allein dies wäre schon genug Futter auch für die verwöhntesten Ohren gewesen. Doch in Baden-Baden gesellten sich obendrein noch vier Solistinnen und Solisten hinzu, die auch jede(r) für sich mühelos einen Konzertsaal enthusiasmieren können. Und auch bei der Programmwahl wurde an Qualität nicht gespart, sondern Allerfeinstes geboten. Kein Wunder also, dass das Festspielhaus erneut einen großen Erfolg verbuchen konnte.

Am ersten Abend war das Programm vorwiegend tragisch gestimmt: Der Tod der berühmtesten Herrscherin der Antike, La Mort de Cléopatre, in der Form einer lyrischen Szene 1829 vom jungen Berlioz als Wettbewerbsbeitrag zum Rom-Preis vertont, stand Gustav Mahlers 6. Sinfonie in a-Moll gegenüber, dem tragischen Gipfel seines gesamten Schaffens.

Am zweiten Abend umrahmten zwei der reifsten, vorwiegend heiter gestimmten Werke von Mozart, das Klarinettenkonzert und die Jupiter-Sinfonie, die Sieben frühen Lieder von Alban Berg. Nur die etwas aufdringlich virtuose Burleske für Klavier und Orchester d-Moll von Richard Strauss wirkte doch erheblich als Fremdkörper an diesem von vorwiegend sensitiv subtiler Musik geprägten Abend.

Mit zwei Opernvorspielen, zu Wagners Meistersingern und Verdis Macht des Schicksals als Zugaben kehrte das Orchester souverän zu seiner eigentlichen Domäne zurück.

Der erste Abend bot also zwei Werke äußerster, ins Extreme gesteigerter Gefühleserlebnisse. Berlioz wie auch Mahler haben die Sublimation eigenen Erlebens, Fühlens, Sehnens und Fürchtens in Musik gefasst. Musik wird hier zur Äußerung der zerklüfteten inneren Erlebniswelt. Und ebenso wie Berlioz` in seinem Jugendwerk, so geht auch Mahler in seiner 6. Sinfonie, die den Wendepunkt zu seiner reifsten Schaffensperiode markiert, von traditionellen Formen aus und überschreitet zugleich deren Genzen.
Mahlers Sinfonie ist formal vielleicht seine "konventionellste" ( die beiden Ecksätze sind reine Sonatensätze), in ihrem poetischen Programm und der hochexpressiven Tonsprache aber eine der am meisten in die Zukunft weisenden in seinem gesamten Oevre.
Gleiches gilt für die Gesangsszene von Berlioz, die in der Form der Belcantotradition folgt, aber in ihrer kühnen Subjektivität nicht nur weit in die Romantik vorstößt, sondern in der das moderne Musikdrama schon im Ansatz aufscheint. So war diese Programmkoppelung aufschlussreich, weil sie schlüssig war.
Die Interpretationen stützen und förderten derartigen Erkenntnisgewinn aufs Eindrucksvollste. Abgesehen von technischer Perfektion, die man selbstverständlich von so hochkarätigen Künstlern zu verlangen gewohnt ist, konnte man bei beiden Werken eine geistige Durchdringung nacherleben, die zwingend zum Kern der musikalischen Wahrheit führen musste.

Olga Borodina Olga Borodina stattete den Gesangspart der Cleopatra mit der Fülle ihrer breiten Ausdruckspalette aus: eine erschütterte Frau, besiegt und geschmäht vom Feind, einst im Vollbesitz prachtvoller Macht, nun vor den Trümmern ihrer Hoffnungen stehend, sucht im selbst gewählten Tod - durch den Biss der giftigen Natter - ihre Würde zurück zu gewinnen. Hohe Gesangs- und Gestaltungskunst entsprangen aus Klangschönheit und lyrischer Empfindung.

Bereits in den ersten Takten wird das innere Programm von Mahlers Sechster offenbar. Es ist das verzweifelte Anmarschieren gegen ein Müssen, dem das Können mehr und mehr abhanden kommt, Mahlers Verständnis von der Welt als aufreibendem, verschlingendem Getümmel. Dagegen im 3. Satz die Utopie, eine Hoffnung auf Regionen "in jenen Höh`n", in die symbolisch nur noch die Herdenglocken als letzter Laut leise hineinklingen. Um schließlich im Finale den Kampf zu verlieren. Der unendlich trostlose Niederschlag durch den zweimal herabfahrenden Hammer - in dieser Aufführung zur sichtbaren Erschütterung des Publikums optisch vom Percussionisten des Orchesters regelrecht inszeniert. Das hatte eine Wirkung, die nicht oft im Konzert zu erfahren ist und selten so unter die Haut geht. Bis zu diesem Zeitpunkt eine aufmerksam bis zum Zerbersten gesteigerte Spannung, dabei genaueste Durchformung des musikalischen Materials und eine wie selbstverständliche Transparenz der Motivik und subtil ausgehörte Klangfarben von großer Eindringlichkeit. Eine Mahlerinterpretation wie sie packender nicht zu denken ist.

Am zweiten Abend schlugen Ricardo Morales (der Soloklarinettist des Orchesters) und eine verschlankte Tuttibesetzung ganz zarte, intime Töne an und ließen sich in Mozarts Klarinettenkonzert auf die Seiten tiefer Subjektivität und Innerlichkeit ein. Mit schlankem Ton, ohne in der Lautstärke je aufzutrumpfen, noch im extremen Pianissimo animiert geblasen (die Baden-Badener Akustik ist superb) und ganz uneitel in seiner solistischen Rolle sang der Solist gleichsam seinen Part, aufmerksam vom Orchester korrespondierend 'begleitet'.

Jesse Norman Der Auftritt, dem wohl alle am meisten entgegen fieberten, war der von Jessye Norman. Sie sang die Sieben frühen Lieder von Alban Berg weniger als dass sie diese aus sich heraus nachschöpfte. Mit ihrer wahrhaft einmaligen Stimme verlieh sie Bergs von spätromantischem Gefühl überquellenden Liedern eine ungeahnte Ausdruckskraft, die ihren Höhepunkt in der Stormvertonung Die Nachtigall fand, wo es heißt: " Das macht, es hat die Nachtigall die ganze Nacht gesungen; Da sind von ihrem süßen Schall... die Rosen aufgesprungen". In einer perfekt aufgebauten Gesangslinie und in exakt entwickelter Steigerung legte Jessye Norman in diese Zeilen alle denkbare Ausdruckskraft und bewies ihren absoluten Ausnahmerang unter allen Sängerinnen dieser Zeit.

Nach den feinnervig filigran ausgestalteten Introversionen der Berg-Lieder folgte nach der Pause der denkbar extremste Kontrast: die hochvirtuose Burleske für Klavier und Orchester in d-Moll von Richard Strauss. Der Solopart lag auch hier in allerbesten Händen, nämlich bei dem auf pointillistisch brillante Virtuosität ebenso wie auf feinnervig gefühlvolles Spiel spezialisierten Jean-Yves Thibaudet.
Als einen rasanten Parforceritt durch alle Gruppen des Orchesters und alle Lagen des Klaviers, dabei in perfekter Kommunikation untereinander, gestalteten Thibaudet und Levine dieses zwar brillante, aber doch sehr auf äußere Wirkung zielende Stück.

Lag es nun an der überrumpelnden Wirkung des Strauss´schen Werkes oder tatsächlich am Spiel des Orchesters, dass dem ersten Satz von Mozarts Jupiter -Sinfonie etwas der gewohnte Glanz und auch der joviale Witz zu fehlen schien und das Spiel etwas allzu routiniert anmutete? Doch schon im zweiten Satz wurden wieder Klangnuancen hörbar, die dieses oft gehörte Werk zu einem neuen Erlebnis werden ließen. Elegant und leicht wurde das Menuett geadelt. Im Finale hatte das Orchester gänzlich wieder zu spritziger Spielfreude zurückgefunden und durchleuchtete mit Klarheit und Temperament dieses Gipfelwerk von Mozarts symphonischen Schaffen.

Angesichts der unübersehbaren Hochwasserschäden an Kultureinrichtungen in Ostdeutschland hatte der Intendant Andreas Möhlich-Zebhauser vor Beginn des zweiten Konzerts das Publikum um Spenden für die Dresdner Semperoper gebeten. Es kamen in einer spontanen Sammelaktion 11.300 € zusammen. Ein schöner Zug, wenn man bedenkt, dass auch dem Festspielhaus in Baden-Baden einst das Wasser bis zum Hals stand, wenn auch in finanzieller Hinsicht. Doch hat es mit dem Gastspiel des MET-Orchesters erneut seine hohe Bedeutung als Konzerthaus im Südwesten bewiesen - und das in vollständig privater Trägerschaft.


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Da capo al Fine

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