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Gipfeltreffen
Von Christoph Wurzel / Foto: pr
Am ersten Abend war das Programm vorwiegend tragisch gestimmt: Der Tod der berühmtesten Herrscherin der Antike, La Mort de Cléopatre, in der Form einer lyrischen Szene 1829 vom jungen Berlioz als Wettbewerbsbeitrag zum Rom-Preis vertont, stand Gustav Mahlers 6. Sinfonie in a-Moll gegenüber, dem tragischen Gipfel seines gesamten Schaffens.
Am zweiten Abend umrahmten zwei der reifsten, vorwiegend heiter gestimmten Werke von Mozart, das Klarinettenkonzert und die Jupiter-Sinfonie, die Sieben frühen Lieder von Alban Berg. Nur die etwas aufdringlich virtuose Burleske für Klavier und Orchester d-Moll von Richard Strauss wirkte doch erheblich als Fremdkörper an diesem von vorwiegend sensitiv subtiler Musik geprägten Abend.
Mit zwei Opernvorspielen, zu Wagners Meistersingern und Verdis Macht des Schicksals als Zugaben kehrte das Orchester souverän zu seiner eigentlichen Domäne zurück.
Der erste Abend bot also zwei Werke äußerster, ins Extreme gesteigerter Gefühleserlebnisse. Berlioz wie auch Mahler haben die Sublimation eigenen Erlebens, Fühlens, Sehnens und Fürchtens in Musik gefasst. Musik wird hier zur Äußerung der zerklüfteten inneren Erlebniswelt. Und ebenso wie Berlioz` in seinem Jugendwerk, so geht auch Mahler in seiner 6. Sinfonie, die den Wendepunkt zu seiner reifsten Schaffensperiode markiert, von traditionellen Formen aus und überschreitet zugleich deren Genzen.
Bereits in den ersten Takten wird das innere Programm von Mahlers Sechster offenbar. Es ist das verzweifelte Anmarschieren gegen ein Müssen, dem das Können mehr und mehr abhanden kommt, Mahlers Verständnis von der Welt als aufreibendem, verschlingendem Getümmel. Dagegen im 3. Satz die Utopie, eine Hoffnung auf Regionen "in jenen Höh`n", in die symbolisch nur noch die Herdenglocken als letzter Laut leise hineinklingen. Um schließlich im Finale den Kampf zu verlieren. Der unendlich trostlose Niederschlag durch den zweimal herabfahrenden Hammer - in dieser Aufführung zur sichtbaren Erschütterung des Publikums optisch vom Percussionisten des Orchesters regelrecht inszeniert. Das hatte eine Wirkung, die nicht oft im Konzert zu erfahren ist und selten so unter die Haut geht. Bis zu diesem Zeitpunkt eine aufmerksam bis zum Zerbersten gesteigerte Spannung, dabei genaueste Durchformung des musikalischen Materials und eine wie selbstverständliche Transparenz der Motivik und subtil ausgehörte Klangfarben von großer Eindringlichkeit. Eine Mahlerinterpretation wie sie packender nicht zu denken ist.
Am zweiten Abend schlugen Ricardo Morales (der Soloklarinettist des Orchesters) und eine verschlankte Tuttibesetzung ganz zarte, intime Töne an und ließen sich in Mozarts Klarinettenkonzert auf die Seiten tiefer Subjektivität und Innerlichkeit ein. Mit schlankem Ton, ohne in der Lautstärke je aufzutrumpfen, noch im extremen Pianissimo animiert geblasen (die Baden-Badener Akustik ist superb) und ganz uneitel in seiner solistischen Rolle sang der Solist gleichsam seinen Part, aufmerksam vom Orchester korrespondierend 'begleitet'.
Nach den feinnervig filigran ausgestalteten Introversionen der Berg-Lieder folgte nach der Pause der denkbar extremste Kontrast: die hochvirtuose Burleske für Klavier und Orchester in d-Moll von Richard Strauss. Der Solopart lag auch hier in allerbesten Händen, nämlich bei dem auf pointillistisch brillante Virtuosität ebenso wie auf feinnervig gefühlvolles Spiel spezialisierten Jean-Yves Thibaudet.
Lag es nun an der überrumpelnden Wirkung des Strauss´schen Werkes oder tatsächlich am Spiel des Orchesters, dass dem ersten Satz von Mozarts Jupiter -Sinfonie etwas der gewohnte Glanz und auch der joviale Witz zu fehlen schien und das Spiel etwas allzu routiniert anmutete? Doch schon im zweiten Satz wurden wieder Klangnuancen hörbar, die dieses oft gehörte Werk zu einem neuen Erlebnis werden ließen. Elegant und leicht wurde das Menuett geadelt. Im Finale hatte das Orchester gänzlich wieder zu spritziger Spielfreude zurückgefunden und durchleuchtete mit Klarheit und Temperament dieses Gipfelwerk von Mozarts symphonischen Schaffen.
Angesichts der unübersehbaren Hochwasserschäden an Kultureinrichtungen in Ostdeutschland hatte der Intendant Andreas Möhlich-Zebhauser vor Beginn des zweiten Konzerts das Publikum um Spenden für die Dresdner Semperoper gebeten. Es kamen in einer spontanen Sammelaktion 11.300 € zusammen. Ein schöner Zug, wenn man bedenkt, dass auch dem Festspielhaus in Baden-Baden einst das Wasser bis zum Hals stand, wenn auch in finanzieller Hinsicht. Doch hat es mit dem Gastspiel des MET-Orchesters erneut seine hohe Bedeutung als Konzerthaus im Südwesten bewiesen - und das in vollständig privater Trägerschaft.
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- Fine -