Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Konzerte
Zur OMM-Homepage Klassik-Rezensionen Startseite E-Mail Impressum



12.12. 2000
Großes Haus der Städtischen Bühnen Münster


Igor Strawinsky
J.S.Bach: Choral-Variationen über das Weihnachtslied "Vom Himmel hoch da komm' ich her" für gemischten Chor und Orchester (1955/56)
György Ligeti
Konzert für Violine und Orchester (1990/92)
Antonin Dvorák
Symphonie Nr. 9 e-Moll, op.95 ("Aus der Neuen Welt"; 1893)

Frank Peter Zimmermann, Violine
Chor des Musikvereins der Stadt Münster
Symphonieorchester der Stadt Münster
Will Humburg

Zimmermann spielt Ligeti: Saisonhöhepunkt in Münster
5. Symphoniekonzert in Münster

Von Monika Jäger



Mit Frank Peter Zimmermann und dem Violinkonzert von Ligeti gewann die Konzertsaison in Münster eine völlig neue Qualität. Im 5. Symphoniekonzert präsentierte Zimmermann eine Staunen erregende Verzahnung von virtuoser Souveränität und geistiger Durchdringung der ohnehin schon fesselnden Komposition.

Ligeti scheint in diesem späten Werk stilistisch auf die gesamte Bandbreite seiner früheren Kompositionen zurück zu greifen, so ist auch die Phase der Klangfarbenkomposition noch im Hintergrund zu erahnen: Durch das unablässige, rhythmisch stereotype Präludieren der Solovioline im ersten Satz entstehen fluktuierende Klänge, die in den "sul ponticello"-Flageoletts bei Solist und einfach besetzten Orchesterstreichern und Glissandi in den Bläserstimmen eine eigenwillige Klangfärbung erhalten.

Hinzu kommt jedoch als gegensätzliches Element der Rückhalt in melodischen Linien, vor allem im zweiten Satz augenfällig durch die Titel "Arie, Hoquetus, Choral". Auf eine serbische Volksmelodik zurückgreifend beginnt die Solovioline geradezu kantilenenhaft. Erst allmählich wird sie Teil der entsprechend der Hoquetus-Technik pausierend-zerrissenen und polyphonen Verarbeitung der Aria-Varianten durch die Orchesterinstrumente.

Das mittelalterliche Hoquetus-Prinzip wird im Violinkonzert allerdings historisch und kulturell in viel weitreichender Dimension verstanden - als "Zerschneiden" und Verweben verschiedener Stile und Traditionen: Während in Satzbezeichnungen wie "Praeludium, Passacaglia" der Rückbezug zum Barock anklingt, fußt der Bereich der Harmonik, kontrastiver könnte es kaum sein, auf Einflüssen ost- und außereuropäischer Musikkulturen.

So entfernt sich dieses Werk phasenweise vom abendländischen Tonsystem der temperierten Stimmung und orientiert sich an fünf- und siebenstufigen Tonsystemen aus dem asiatischen Raum. Mittels Scordatura werden die Streichinstrumente dazu spieltechnisch verändert.

Der sowohl in Intonation als auch Artikulation markanteste Riss wird jedoch durch den Einsatz von Okarinas und Lotosflöten gesetzt, die in Einschüben den melodischen und harmonischen Fluss jäh unterbrechen und die Grenze fixierbarer Intonation überschreiten.

Will Humburg und das kammermusikalisch besetzte Symphonieorchester zeigten in präzisem und lebendigem Zusammenspiel große Übereinstimmung mit dem Solisten: Mit beeindruckender geistiger Präsenz und andererseits mit dem Ausdruck natürlicher Spontaneität in den rhapsodischen, fast improvisiert wirkenden Teilen gelangte Zimmermann zu einer bruchlosen Interpretation, die selbst den Humor nicht vermissen ließ.

Dennoch sah sich das Publikum in Münster erst durch die eingängigere Virtuosität des 19. Jahrhunderts in der Paganini-Zugabe zu stehenden Ovationen veranlasst und bedachte Ligeti mit höflichem Beifall.

Die Umrahmung des Ligeti-Konzertes war der vorweihnachtlichen Stimmung angemessen: Vom Chor des Musikvereins solide gearbeitet doch etwas gleichförmig intoniert erklang zu Beginn Strawinskys Bearbeitung der Choralvariationen Bachs über das Lied "Vom Himmel hoch, da komm ich her" - interessant an der Komposition vor allem die tiefe Streicherbesetzung, die nur Bratschen und Kontrabässe vorsieht.

Ebenfalls festlich-beschwingt, wenn auch etwas unkonzentriert, endete der Abend mit Dvoraks Symphonie "Aus der neuen Welt".

Ein Rahmenprogramm, das keinen Zweifel an dem Zentrum des Abends ließ.


Ihre Meinung ?
Schreiben Sie uns einen Leserbrief




Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Klassik-Rezensionen Startseite E-Mail Impressum

© 2000 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
Email: konzerte@omm.de

- Fine -