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31. März 2001
Köln, Klaus-von-Bismarck-Saal
Musik der Zeit: Chor, orchestriert
Im Rahmen der WDR-Nachtmusik

Kompositionen von Xenakis, Schöllhorn, Seither und Hölszky

WDR Rundfunkchor Köln
Bernhard Haas, Orgel
Leitung: Thomas Eitler

WDR Rundfunkchor Köln mit 'Orchesterklangexperimenten' im Funkhaus am Wallrafplatz

Von Gordon Kampe


Orchester-Gruppen hieß ein spannendes Konzept des Westdeutschen Rundfunks: Vier Konzerte, mit einer Reihe von Uraufführungen, sollten das Thema Orchester von verschiedensten Perspektiven aus neu beleuchten. Die Tilgung und der Neugewinn des Blockhaften im Orchestergehäuse stand im Mittelpunkt. Orchester, gedacht aus dem Blickwinkel des Ensembles, gedacht aus dem Blickwinkel der Orgel und des Chors: Chor, orchestriert war dann auch der Obertitel des Konzertes mit dem WDR Rundfunkchor unter der Leitung von Thomas Eitler.

Das Werk Serment, des erst im Februar verstorbenen Komponisten Iannis Xenakis, bildete den Auftakt zu einem fulminanten Chor-Konzert. Dem Werk liegt der Text des hippokratischen Eides zugrunde und wurde anlässlich eines Herzspezialisten-Kongresses 1981 komponiert.
Eventuell anwesende Patienten hätten bei der Interpretation des WDR-Chores zweifellos umgehend ihren Arzt aufsuchen müssen: Die ungemeine Härte und Lautstärke des Werkes wurde phänomenal getroffen. Eitler formte einen messerscharfen, durchdringenden Klang. Die Kraft des Chores ließ zu keiner Sekunde nach und zeigte orchestrale Energie, die den groß besetzten Xenakis Werken für Orchester in nichts nachstand.

Es folgte die Uraufführung des Werkes Senza Parole von Johannes Schöllhorn, dessen Werk dem Chor feinere, fast zerbrechliche Klänge abverlangte. "Senza Parole" verzichtet in allen vier Sätzen, wie es der Titel verrät, ganz auf Worte, auf Text. Der Vokal 'a' steht im Mittelpunkt und wird von verschiedenen Seiten aus beleuchtet.
Schöllhorns Musik erklingt enorm facettenreich: Der Chor scheint wirklich instrumentiert worden zu sein, es funkelt, wogt und hat düstere Momente. Der komplette Verzicht auf Text ist sicherlich ein Wagnis, da schon das Wort 'Chor' und der Gebrauch der menschlichen Stimme überhaupt Sinngebung durch Worte assoziiert. Aber bei der meisterhaften Konzentration in Schöllhorns Stück wurde auch ein einziger Vokal nie langweilig.

Die 'Königin der Instrumente', die Orgel, stand im Mittelpunkt der Uraufführung des Stückes Himmelsspalt von Charlotte Seither. Der Organist Bernhard Haas trumpfte, ebenso wie sein nicht minder virtuoser Registrant, mit diesem sperrigen Werk charmant auf. Haas hatte alle Hände und Füße voll zu tun, da die Musik stets zwischen Stillstand und explosionsartigen Zuständen hin und her schwankte.
Seither beweist eine immense Klangvorstellung, die sich in der ausgefeilten Registrierung der Orgel niederschlug: Die Spanne zwischen "röhrendem Wummern" der tiefsten Basstöne, jahrmarktähnlichen Assoziationen und dem hölzernem Gepolter des Pedals wurden vielfältig ausgehört. Durch die ständigen Unterbrechungen und sehr kurzen Ereignisse mag leider der einheitliche Wurf des Stückes etwas gelitten haben: Es fehlte der Schwung.

umspinxt... ein Rätsel für Raubvögel auf einen (atomisierten) Text von Friedrich Nietzsche bildete den Höhepunkt des Abends. Die Komponistin Adriana Hölszky beweist abermals ihre meisterhafte Ausdrucksvielfalt auf dem Gebiet der Vokalmusik. Der Text wurde pulverisiert, Töne spielen eine untergeordnete Rolle.
Im Mittelpunkt steht Hölszkys erweiterte Vokaltechnik, die den Chor in ungehörter Virtuosität lachen, schreien, schnalzen, pfeifen oder klatschen lässt. Der Ideenreichtum, der diese aberwitzig grotesk-schauderhaften Minuten prägt, scheint nicht enden zu wollen. Das Werk klingt mal gefährlich und böse, dann wieder freundlich und charmant - es bewegt sich zu jeder Zeit am absoluten Abgrund und scheint den Hörer durch den wahnsinnigen Puls des Stückes in diesen herunterziehen zu wollen.
Insbesondere dieses Werk führt einen phänomenalen Chor vor. Man hört und man sieht den Sängern die Freude und die ungeheure Ernsthaftigkeit und den Willen zum Absurden an: Es machte Spaß, diesen Chor zu sehen! Der spannungsgeladene Eitler verstand es, dem Chor eine selten gehörte dynamische Vielfalt und Musizierfreude zu entlocken.

Das Konzert zeigte in wenigen Stücken, wie vielfältig Chor- und Orchester heute gedacht werden können. Es ist zu hoffen, daß ähnlich spannende Konzerte noch in der Zukunft liegen.




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