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Jenseits des DialogsBegegnung klassischer Moderne mit traditioneller Vokalmusik aus ZentralafrikaVon Tilman Lücke
![]() Doch da jedes Metronom immer nur das gleiche Geräusch macht, ist es natürlich viel aufregender, wenn diese Kompositionsidee auf Instrumente übertragen wird oder auf menschliche Stimmen, die eine Vielzahl unterschiedlicher Tonhöhen und Arten, einen Ton zu erzeugen, ermöglichen. Beispiele dieser unüberschaubaren Strukturen aus überschaubaren Elementen führte Pierre-Laurent Aimard am Flügel vor, zunächst in Ligetis 5 "Etudes pour Piano". Der von Ligeti ebenso hochgeschätzte wie vom Publikum im Kammermusiksaal zurecht gefeierte Aimard spielte nicht nur äußerst transparent und differenziert, wohltuend verständlich waren auch seine Erläuterungen zu den Etüden. Ein Höhepunkt sicher die Etüde No. 6., über die Ligeti einmal sagte, darin solle die Illusion erweckt werden, "als ob derselbe Spieler gleichzeitig in mehreren Geschwindigkeiten spielen könne." Pierre-Laurent Aimard kam diesem Ideal des schizophrenen Interpreten schon erstaunlich nahe. Für die "Drei Stücke für zwei Klaviere" bedurfte es aber denn doch zweier weiterer Hände, Irina Kataeva musizierte gemeinsam und in inniger Abstimmung mit Aimard. Besonders bemerkenswert: die Präzision der feinsten rhythmischen Verschiebungen, die erst im Zusammenklang der beiden Flügel, im Ohr des Zuhörers also, die sich ständig wandelnden rhythmischen Strukturen ergeben. Aimard und Kataeva sind übrigens miteinander verheiratet, so daß sich gewissermaßen ein Anschluss der gestrigen Berliner Aufführung an die Kölner Uraufführung vor genau 25 Jahren ergab - denn schon damals interpretierte ein Paar die drei Stücke, das Brüderpaar Alfons und Aloys Kontarsky. Damals war Ligeti noch umstritten - gestern war er von Ovationen umbrandet.
Nach der Pause betrat dann endlich "Nzamba Lela", der Chor der Aka-Pygmäen die Bühne. Wobei die Ausdrucksweise "der Chor der Pygmäen" schon eigentlich falsch ist - denn eine Trennung von Musikern und Nichtmusikern gibt es nicht, alle Stammesangehörigen sind zugleich Musiker und Tänzer. Die Forschung hat mittlerweile einige Elemente der überaus komplexen Musik der Aka-Pygmäen entschlüsselt. Dabei war mit zahlreichen Schwierigkeiten zu kämpfen, zunächst dass es keine schriftliche Überlieferung der Musik gibt; sie wird durch gemeinsames rituelles Einüben von Groß und Klein von Generation zu Generation weitergetragen. Die Musik entsteht überdies erst im Zusammenklang verschiedener Rhythmen, denn jeder der 15 Sängerinnen und Sänger produziert nur eine kurze Lautfolge an bestimmten Momenten, die er in jahrelanger Erfahrung verinnerlicht hat. Erst durch ihren Zusammenklang entsteht die Musik. Den besonderen Reiz macht aus, dass diese Lautfolgen ständig in bestimmter Weise variiert werden, so dass ein und dasselbe Lied in unendlicher Mannigfaltigkeit auftreten kann. Leider gab es von dieser zugleich hoch artifiziellen und doch anrührenden Kunst viel zu wenig zu hören. Denn immer wieder griff der Musikethnologe Simha Arom ins Geschehen ein und nötigte die Pygmäen zu Gesangsbeispielen; damit erläuterte Arom seine gewiss verdienstvollen Forschungen, die in 30 Jahren in der Tat erstaunliches herausgebracht haben. Nur hätte etwas weniger Theorie und etwas mehr Musik dem Abend gut getan. Ihre Meinung ? Schreiben Sie uns einen Leserbrief |
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