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Chopin-Abend mit Pogorelich

Von Markus Bruderreck

von Markus Brudereck Mut zu Neuem, zu Provozierendem war bislang nicht das Kennzeichen der Programmgestaltung des Klavier-Festivals Ruhr. Auch das diesjährige Festival macht hierin keine Ausnahme, obwohl es verstreut Ansätze dazu gibt, das 20. Jahrhundert in der Klaviermusik nicht zu ignorieren. Manch einer wird dann auch eher gelangweilt gegähnt haben: Was denn, ein ganzes Programm mit Chopin? Das hatten wir ja nun schon öfters! Stimmt, stimmt gleichzeitig aber auch nicht. Denn während Chopin (wieder einmal) einen Schwerpunkt im diesjährigen Konzertprogramm bildet und häufig in den Programmen erscheint, hat man einen Chopin, wie ihn Ivo Pogorelich spielt, kaum jemals gehört.

Pogorelich gilt als Exzentriker, als divenhafter Ausnahmekünstler. Am 29. Juni hat er dies in der Stadthalle zu Mülheim wieder unter Beweis gestellt. Seine Sicht auf Chopin ist dabei gleichermaßen kühn und spannend wie problematisch. In den ersten zwei Polonaisen Nr. 4 c-moll op. 40 Nr. 2 und Nr. 5 op. 44 wird eine Eigenart von Pogorelichs Spiel bereits deutlich: Die Gegensätzlichkeit von bis in die Extreme ausgeloteten langsamen Passagen und donnernd-virtuosen schnellen Partien, die sich fast unversöhnlich gegenüberstehen. Langsame Partien versieht Pogorelich mit einer theatralischen Innerlichkeit, mit feinsten Nuancen in den engsten Tonbeziehungen. Diese Nuancierung bildet ein Netz von Beziehungen, das den Zuhörer in das musikalische Geschehen hineinsaugt. Virtuose Partien bilden für den Zuhörer dagegen fast eine Erholung. Pogorelich spielt sie technisch perfekt; ihnen fehlt es zwar nicht an Transparenz, dennoch geraten sie zuweilen fast grob.

Im Scherzo der Sonate Nr. 2 b-Moll op. 35 wird das Problematische an Pogorelichs Art und Weise zu spielen besonders deutlich. Die Trio-Teile lotet er abgründig aus und verlangsamt das Tempo bis an die Grenze des Machbaren. Die Scherzo-Hauptteile, als virtuose Partien, sind dann vom Tempo her wieder eher konventionell. Was entsteht, ist ein Chopin der heftigen Gegensätze, eine Schwarz-Weiß-Malerei, die die ästhetische Einheit des Scherzos als bewegter Satz in der Satzfolge aufhebt. Pogorelich zeigt einen zerissenen Chopin und verzichtet dabei zuweilen auf Ausgewogenheit in den Einzelsätzen.

Im zweiten Teil des Abends dann entsteht nach den drei Mazurken op. 59 mit der Sonate Nr. 3 h-Moll op. 58 ein weiteres, fast theatralisches Beziehungsgeflecht. Im Largo verlangsamt Pogorelich das Tempo derart, daß der Satz droht, auseinanderzufallen. Dennoch gelingt es ihm, die Spannung zu halten, und wer Pogorelich in die Abgründe des Largos folgt, erlebt hier eine unerhört diffizile Meditation, die zu atemloser Versenkung geradezu zwingt. Hier wird Musik zu einem mit Worten schwer zu beschreibenden Erlebnis. Vom Mülheimer Publikum wurde Pogorelich nach zweieinhalb Stunden schließlich mit Bravos und Jubel überhäuft.




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