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Montag, 1.Dezember 1998, 20.00 Uhr, Kölner Philharmonie
Deutschlandfunk Europa 2000 (2)

Sofia Gubaidulina: 'Märchenpoem' für Sinfonieorchester

Sergej Rachmaninow: Konzert für Klavier und Orchester Nr.2, op. 18

Peter Tschaikowsky: 'Der Nußknacker' 2. Suite aus dem Ballett

Lilya Zilberstein, Klavier
Tschaikowsky-Sinfonie-Orchester Moskau
Ltg.: Vladimir Fedossejew

Grandiose Vorstellung von Lilya Zilberstein und dem Tschaikowsky Sinfonie-Orchester Moskau

Von Silke Gömann

In der Reihe Europa 2000, die der Deutschlandfunk in Zusammenarbeit mit KölnMusik veranstaltet, präsentierte sich im zweiten Konzert mit dem Tschaikowsky-Sinfonie-Orchester Moskau (ehemals Radio-Sinfonieorchester Moskau) ein erstklassiger Klangkörper in der Kölner Philharmonie. Es gibt sie tatsächlich noch: Orchester, deren an allen Pulten bestens besetzten Mitglieder eine Einheit bilden, so daß einem als Zuhörer seltene Glücksmomente beschenkt werden. Wem dies nun zu pathetisch klingt, sei ein Konzert oder eine CD-Aufnahme dieses Orchesters unter seinem seit 1974 agierenden Chefdirigenten Vladimir Fedossejew empfohlen.

Viele Zuhörer mögen vielleicht nur wegen des 2. Klavierkonzerts von Sergej Rachmaninow und der zur Weihnachtszeit in Deutschland so beliebten Ballettmusik Der Nußknacker von Tschaikowsky den Weg in die Philharmonie angetreten haben. Dieser Eindruck drängte sich beim ersten Stück, dem Märchenpoem von Sofia Gubaidulina aus dem Jahr 1971 auf, dessen Interpretation dermaßen vom Publikum verhustet wurde, daß man Schwierigkeiten hatte, dem Kompositionsverlauf zu folgen. Dabei fächerten die Orchestermusiker (bestehend aus Schlagwerk, Harfe, Klavier, drei Flöten, drei Klarinetten, Baßklarinette und Streicher) schon dieses Eingangsstück auf eine differenzierte Weise auf, die seinesgleichen sucht. Doch der Großteil des Publikums wollte sich auf die unterschiedliche Klangerzeugung und durch die Instrumente wechselnde Einzeltöne, die jedoch stets zusammenhängende übergeordnete Teile sowie Melodien bildeten, nicht einlassen.

Gespannte Erwartung, Ruhe und Aufmerksamkeit dann beim c-moll Klavierkonzert von Rachmaninow. Die russische Pianistin Lilya Zilberstein kennt sich mit dem Rachmaninow-Konzert bestens aus, hat es schon 1991 in einer beeindruckenden Aufnahme mit Claudio Abbado und den Berliner Philharmonikern eingespielt (DG 439930-2). Auch wenn diese Aufnahme gleichfalls ein Live-Mitschnitt der Berliner Konzerte war, so wußte die Pianistin gemeinsam mit dem Tschaikowsky-Sinfonie-Orchester Moskau an diesem Abend in Köln nochmals eine interpretatorische Steigerung anzubieten. Daß die Konzertpianisten die technischen Schwierigkeiten dieses Konzertes beherrschen, ist eine Selbstverständlichkeit im heutigen Konzertbetrieb. Die Kopmposition in einer durchdachten, eingenständigen Art zu gestalten, findet sich schon seltener. Daß diese Gestaltung dann noch vom Orchester und dem Dirigenten mitgetragen und phänomenal umgesetzt wird, war der Glücksfall dieses Abends. Selten hat man vergleichbar organische Übergänge gehört, gingen Solistin und Orchestermusiker (vor allem die Bläser) selbstverständlich aufeinander ein. Die Form und der Spannungskurvenverlauf der drei Sätze ergaben sich so für den Hörer fast von selbst. Erfreulich gegen die 'eingebürgerten' Interpretationsstandards, nur die pathetischen, lyrisch-elegischen Stellen 'filmmusikartig' aneinanderzureihen, entwickelten Zilberstein und Fedossejew die breit angelegte Partitur. Überzogen oder gewollt erschien somit keine einzige der bekannten Satzhöhepunkte. Die Schlußsteigerung des letzten Satzes erwies sich als Ziel des Weges, Intensität langsam aber kontinuierlich herzustellen. Der leicht verzögerte Einsatz des Orchestertutti unterstützte den sukzessiv entwickelten Spannungsaufbau. Standing Ovations für die Solistin waren die zwangsläufige und berechtigte Folge.

Nach der Pause folgte dann nicht ein einfacher, weihnachtlicher Abgesang mit Tschaikowskys Nußknacker-Musik. Die 2. Suite aus dem Ballett erklang in einer vom Dirigenten Vladimir Fedossejew eingerichteten Fassung. Die verschiedenen Charaktere der 9 Bilder wurden treffend und mit einer ungeheuren Spielfreude ausgestaltet. Insbesonder die drei Tänze (Trepak, der Kaffee, der Tee) wurden mitreißend vorgeführt. Der Blumenwalzer, von Fedossejew schon an zweiter Stelle plaziert, bekam den erwarteten Extrabeifall des Publikums. Im abschließenden Adagio bekam man dann Lust, in den CD Geschäften nach Aufnahmen der Tschaikowsky Sinfonien dieses Orchesters und seines Dirigenten zu suchen. Begeisterung pur, ob des Gesamtklang des Orchesters. Fedossejew und das Orchester geizten nicht mit Zugaben.



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