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Sonntag, 10.01.1999, 11.00 Uhr, Stadthalle Wuppertal
Orgelpunkt (3)

Improvisationen:
"Suite francaise" im französischen Barockstil
Zwei Choralbearbeitungen in memoriam J.S. Bach bzw. J. Brahms
Phantasie und Fuge im deutsch-romantischen Stil in memoriam M. Reger

Pause

Symphonie pur Grand Orgue in memoriam M. Dupré und P. Cochereau

Wolfgang Seifen, Orgel



Improvisation

Wolfgang Seifen versetzte Publikum in Staunen

Von Oliver Kautny - Wuppertal, 11.01.1999

Nach Noten spielen kann jeder - so hört man immer wieder unter Musikliebhabern. Das bloße Re-produzieren hat keinen guten Ruf.
Zumindest im Vergleich zur musikalischen Improvisiation. Wer aus dem Stehgreif eigene Musik erfinden kann, dem ist die Bewunderung von Laien und Fachleuten sicher - die Romantik (Genieästhetik) hat uns also immer noch fest im Griff.

Beim dritten Orgelpunktkonzert in der historischen Stadthalle war ein Organist eingeladen, der als einer der herausragenden Experten der Orgel-Improvisation gilt. Man durfte also gespannt sein.

Wolfgang Seifen präsentierte ein Programm ohne eigentliche 'Werke'. Feststanden lediglich stilistische und formale Vorgaben, durch die man sein freies Spiel nachvollziehen konnte.

Hätte ich nicht gewußt, daß Seifen improvisiert, ich hätte es wohl kaum gemerkt. Oder besser: ich wußte es natürlich, konnte es aber nicht fassen. Mit welcher Sicherheit und Routine Seifen musikalische Ideen produzierte, sie zu komplexesten polyphonen oder klaviristisch-virtuosen Gebilden fügte, war schlicht und ergreifend unfassbar.

Der Gefahr, sich dabei in leeren Effekten zu verlieren, entging er meisterhaft. Seifen schien sich seiner Sache derart sicher, daß ihm ausreichend Spielraum für gute musikalische Gestaltung blieb.
In seiner französischen Suite bestach sein Spiel durch akzentuierte Phrasierung. Dem barocken Charakter entsprach sein federleichtes und bisweilen tänzerisches Nonlegato.
Die Reminiszensen an Bach und Brahms überzeugten durchweg. Seifen dürfte aber kaum der Häresie verdächtigt werden: In der Einführung zum Konzert wurde deutlich gemacht, daß Bachs Werk unerreicht, unantastbar sei - Seifen könne Bach unmöglich improvisatorisch überbieten. Das mag in der Sache vielleicht stimmen, der Ton aber, in denen Bach hier an die Grenze des Halbgöttlichen gerückt wird, provoziert in mir die Frage, wer eigentlich nervtötender ist: die unverbesserlichen Bachianer oder die ebenso hartnäckigen Stockhausen-Jünger.

In diesem Konzert jedenfalls unerreicht blieben - in meinen Ohren - die 'Reger'-Phantasie und die französische Symphonie.
'Im Gedenken' an Reger spielte Seifen mit allen Mitteln des Kontrasts. Klangfarben und extreme Dynamikunterschiede wurden hart gegeneinander gesetzt. Gleichzeitig brillierte Seifen, indem er die Breite des Klangspektrums der Orgel nutzte und für kontinuierliche Farbübergänge sorgte. Aus vollem Spiel bediente er die drei Manuale und die dutzende Register gleichzeitig. Die dabei erzeugten Klangfarbenkontinui hätten sogar die Kollegen der elektronischen Musik in Staunen versetzt.
Aus der Symphonie pour Grand Orgue möchte ich vor allem das traumschöne 'Adagio' hervorheben. Hier verweilte Seifen für einen Moment und verließ einen Augenblick lang die furiose Betriebsamkeit vom 'Scherzo' und 'Final'.



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