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Konzert des Symphonischen Chores Wuppertal am Samstag, 19. September 1998

Hector Berlioz: Te Deum op. 22
Modest Mussorgsky: Bilder einer Ausstellung (Orchesterfassung von M. Ravel)

Andreas Wagner, Tenor
Lars Hallin, Orgel
Symphonischer Chor Wuppertal
Oratorien-Chor Hilden
Kammerchor Düsseldorf-Urdenbach
Rumänische Staatsphilarmonie Tirgu Mures
Franz Lamprecht, Leitung


Musik hat nicht die Aufgabe, schön zu sein...

Anschauungsunterricht in Sachen romantischer Musik in der Immanuelskirche

Von Tobias Burgsmüller

Modest Mussorgsky wird das Zitat zugeschrieben, Musik habe "nicht die Aufgabe, schön zu sein, sondern in Wahrheit mit den Menschen zu reden". Nun beschreibt der Begriff "Schönheit" sicherlich ein nur schwer definierbares und kaum objektiv fassbares Attribut (und somit muß der Rezensent den geneigten Leser vorwarnen, daß alles Folgende sich einer gewissen Subjektivität nicht wird entziehen können), doch trotzdem können wir feststellen, daß ein Konzertpublikum wohl nur selten auf derart krasse Weise die Möglichkeit zur Verifikation der Mussorgskyschen Aussage bekommt wie an diesem Abend in der Immanuelskirche.

Mit dem "Te Deum" von Hector Berlioz hatten sich Franz Lamprecht und seine Chöre an ein Werk herangewagt, daß, wenn überhaupt, überwiegend durch seine Monumentalität besticht. Mit ungeheurer Klangfülle, einem vorgeschriebenen Riesenaufgebot an Musikern und einer nach heutigem Empfinden kaum erträglichen Schwülstigkeit wälzt sich die Musik förmlich durch den Konzertsaal hindurch. An Militärmusik erinnernde Bläserfanfaren und Trommelwirbel im abschließenden "Judex crederis" mögen in der Zeit des 2. Französischen Kaiserreiches dem ästhetischen Geschmack des Publikums entsprochen haben, in einem Konzert des ausgehenden 20. Jahrhunderts sind sie aber wohl kaum mehr als ein Stück schwer verdauliches Zeitdokument. Doch es waren nicht nur die grundsätzlichen Vorbehalte gegen das Stück, die den ersten Teil des Konzertes aus Sicht des Rezensenten nicht gerade zu einem der herausragenden Auftritte des Symphonischen Chores und seiner Partnerchöre machte, die Aufführung des Werkes brachte auch offensichtlich die physischen Grenzen der Choristen und die Grenzen der Immanuelskirche als Konzertsaal zum Vorschein. Die sonst so häufig gelobte Transparenz, mit der Lamprecht in der Vergangenheit trotz mächtiger Chor- und Orchesterbesetzungen überzeugen konnte, mußte diesmal der Monstrosität des Werkes Tribut zollen. Über weite Teile des Stückes reichte das Stimmvolumen der Sänger nicht aus, um mit dem Orchester mitzuhalten, verständlicherweise schlichen sich gegen Ende der Aufführung dann auch Intonationsprobleme gerade in den Frauenstimmen ein. Stimmlich gut präsentierte sich wie erwartet Andreas Wagner in seinem kurzen Tenorsolo. Auch die Orchestermusiker aus Rumänien bestachen wieder einmal durch überragendes Zusammenspiel, so offenbarten beispielsweise die Pizzicati der Streicher im Wechselspiel mit der Orgel im "Dignare" ein Höchstmaß an Präzision. Fazit: Berlioz hat mit Sicherheit ein dem damaligen Zeitgeist entsprechend "schönes" Werk komponiert, an diesem Samstag hielt sich der Hörgenuß jedoch in Grenzen.

Ganz anders im zweiten Teil: Modest Mussorgskys "Bilder einer Ausstellung" wurden von Franz Lamprecht, so wir denn an oben genanntes Mussorgsky-Zitat denken, in überaus stringenter Weise interpretiert. Natürlich können sowohl das Werk an sich als auch Lamprechts Interpretation nach heutigem Musikgeschmack durchaus als "schön" bezeichnet werden, doch gelang es eindrucksvoll, die "Wahrheit" der Musik, an der Mussorgsky so viel lag, herauszuarbeiten. Als Beispiele seien hier das wunderbar drängende und doch gleichzeitig Schwerfälligkeit ausdrückende "Bydlo" und die fast schmerzhaft schlagende Akzentuiertheit der "Hütte der Baba Yaga" genannt. Leider wurde der Hörgenuß ein wenig durch Schwächen einzelner Musiker, insbesondere im Blech, geschmälert, nichts desto trotz können wir diese Aufführung als eine der schlüssigsten bezeichnen, die dieses oft gespielte Werk in den letzten Jahren in den Konzertsälen Wuppertals erfahren hat.

"Musik hat nicht die Aufgabe, schön zu sein...", das Herbstkonzert des Symphonischen Chores gibt Mussorgsky recht. Die schwülstige Monstrosität eines Berlioz hat sich über die Jahrhunderte offensichtlich überlebt, die "ehrliche" Musik Mussorgskys vermag nach wie vor zu begeistern, erst recht in einer derat schlüssigen Aufführung.

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