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Dienstag, 31.08.1999, 20:00 Uhr, Stadthalle Wuppertal
1. Sinfoniekonzert

Gustav Mahler: 5. Sinfonie

Sinfonieorchester Wuppertal
George Hanson, Leitung


Ein anspruchsvoller Start in die neue Saison

Von Michael Gutmann

Auch wenn es nicht das erste Konzert der Saison 1999/2000 gewesen ist, kommt dem ersten der Sinfoniekonzerte doch eine besondere Bedeutung zu, vor allem dadurch, daß es in der inhaltlichen Konzeption einen großen Bogen beginnt, der am Ende der Spielzeit mit Mahlers 8. Sinfonie endet.

Um es vorweg zu nehmen, es war ein Konzert auf hohem Niveau mit teilweise hervorragend eingestelltem Orchester, das dem Anspruch des Stückes über den gesamten Abend gerecht werden konnte. Hier die eine oder andere Instrumentengruppe hervorzuheben, erscheint mir eine unverdiente Benachteiligung der nicht genannten. Trotzdem seien die Bläser erwähnt, deren technische Brillianz und Ausdruckskraft in hohem Maß zum Gelingen des Abends beitrug.

Daß ich mich dennoch ein paar kritischer Worte nicht enthalten kann, liegt an der Bedeutung dieses initialen Konzerts. Nicht nur aufgrund der dem Werk inhärenten Bedeutung sondern auch durch die Beziehung, in die es zum jetzigen Jahrtausendwechsel gesetzt wird, erfordert es einen ausführlicheren Kommentar.

Die Musik Mahlers spiegelt in ihrer Zerissenheit die Wirren einer sich verändernden Welt dar. Gerade die 5. Sinfonie, die im Jahre 1902 vollendet wurde, zeigt in ihrem Verzicht auf thematische Deutungshilfen die nach neuen Deutungsmustern suchenden Gefühls- und Gedankenwelten eines Teilhabenden an einer tiefgreifenden gesellschaftlichen Umbruchsphase. Mahler verarbeitet Elemente aus den verschiedensten musikalischen Bereichen und webt sie in stürmische und besinnliche Tonmuster ein und erzeugt damit neue und unerwartete Werthorizonte. Die Haltlosigkeit einer Generation, die in der aufkommenden Moderne versucht, alte Werte und neue Individualität zu adaptieren, wird darin in genialer Weise deutlich. Während man z.B. bei der zweiten Sinfonie mit ihrem überfeierlich religiösen Gestus nie das Gefühl loswird, der Pathos diene eher dazu, die Religiosität zu ironisieren als zu bestätigen, bietet die 5. ein authentisches Bild innerer Zerissenheit.

Nun befinden wir uns zwar auch in einer vielbeschworenen Aufbruchsphase - der in die Informationsgesellschaft - deren Auswirkungen Sie allein dadurch bezeugen, daß Sie diese Kritik wahrnehmen. Die das geistige Gleichgewicht des Einzelnen beeinflussenden Gefahren sind jedoch in keiner Weise so dramatisch, wie es vor hundert Jahren ein Gustav Mahler empfunden haben wird. So wird dem Jahrtausendwechsel (über dessen eigentlichen Zeitpunkt ja weiterhin gestritten wird) eine größere Bedeutung zugeschrieben, als ihm vielleicht zusteht. Eine Rückbesinnung auf die unseren Großeltern und Urgroßeltern zugemuteten Veränderungen ist in diesem Zusammenhang eine ehrenwerte Aufgabe, die meine vollste Zustimmung erhält; und in gewisser Weise hat sich der Wuppertaler GMD George Hanson dieser Aufgabe mit der Aufführung dieses und des noch folgenden Werkes von Mahler angeschlossen.

Die Interpretation war jedoch zu rund, zu gefällig in manchen Teilen. Sie wurde eher der Realität des stattfindenden Umbruchs als des vergangenen gerecht. Das ist umso bedauerlicher, als die Ansätze zu einer lebendigen Darstellung Mahlers schöpferischen Chaos durchaus vorhanden waren, diese jedoch nicht in letzter Konsequenz ausgearbeitet wurden.

Zwei Beispiele möchte ich herausgreifen: die im 2. Satz mit morbidem Charme eingestreuten Themenschnipsel aus dem Kaffeehausmilieu gerieten zu fahrig und gingen daher im allgemeinen, musikalischen ":Chaos" unter. Das Wechselspiel zwischen den »turbulenten« und den »schmachtenden« Teilen - die ja teilweise nur wenige Takte dauerten - hätte bei besserer Differenzierung die dargestellte Zerissenheit viel eindrucksvoller vermittelt. Im dritten Satz hat eine zaghafte Ausnutzung der künstlerischen Möglichkeiten die Wechsel der Tempi nicht ausreichend glaubhaft machen können, wodurch ein wenig der Zusammenhang verlorenging.

Nun kann man Mahlers 5. nicht unbedingt als Unterhaltungsmusik bezeichnen. Ich hätte mir vielleicht ein etwas weniger komplexes Stück als Einstieg in die neue Saison gewünscht. Dem Orchester war anzumerken, daß es motiviert und frisch war. Es hat die gesamten gut 75 Minuten konzentriert und kraftvoll - wie man vor allem am hervorragend gelungenen Finale erleben konnte - gespielt. Leichte Unstimmigkeiten traten nur an den ruhigen Stellen auf. Mir ist dabei aufgefallen, daß die Stimmen in einigen Fällen besser waren als ihre Führer. Musikalische Ruhe ist jedoch nicht mit Diffusität gleichzusetzen: die hier fehlende Koordination innerhalb der Stimmen führe ich aber auf die junge Saison und nicht die Musiker zurück, ein weiterer Punkt, warum diese Sinfonie zu einem späteren Zeitpunkt vielleicht perfekter geworden wäre.

Alle die von mir aufgeworfenen Kritikpunkte sind aber Empfindungen eines (über?) sensiblen Ohrs, die die Leistung von Orchester und Dirigent in keinster Weise schmälern sollen. Im Gegenteil verspricht dieser Einstieg eine spannende Spielzeit. Vor allem blicke ich bereits jetzt mit großem Interesse auf das Abschlußkonzert mit Mahlers 8. Sinfonie. Ich wünsche daher dem GMD George Hanson und dem Orchester (und natürlich uns allen) eine erfolgreiche und anregende Saison 1999/2000.



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