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Dienstag, 27.10.1998, 20.00 Uhr, Stadthalle Wuppertal
Kleine Dienstagsreihe (1) - Benefizkonzert

Carl Maria von Weber:Ouvertüre zu Euryanthe
Frédéric Chopin: Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 e-moll op.11
Dimitri Schostakowitsch: Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 F-dur op.102
Peter I. Tschaikowski: Romeo und Julia - Fantasie-Ouvertüre nach Shakespeare

Elisabeth Leonskaja, Klavier
Sinfonieorchester Wuppertal
Leitung: Christoph König



pp

Leonskaja auf leisen Sohlen

Von Oliver Kautny

Wuppertal - 20.25 Uhr. Stille - Beifall setzt ein, schwillt an und brandet IHR entgegen. Der wogende Applaus ist Vertrauensvorschuß. So wird kein Niemand begrüßt, man weiß von IHR, wer SIE ist. So werden nur die Großen empfangen. Gewiß, Elisabeth Leonskaja gehört zu Ihnen, wenn auch der Papst (nicht der aus Rom) sie kaum zu den ganz Großen zählt.

Was ist groß?

Mein erster Eindruck war von ihrer Natürlichkeit geprägt. Ein Stern am Klavierhimmel ohne Allüren - fällt mir auf.
Fast bescheiden, wie sie sich gibt.
Noch erstaunlicher jedoch war ihre künstlerische Leistung an diesem Abend.
120 Sekunden Chopin legt das Sinfonieorchester geradlinig, zügig und dennoch spannend vor, dann kommt jener geniale Themeneinsatz vom Klavier. E-moll über drei Oktaven - die sie jedoch nicht gerade im FF in den Saal donnert. Aber wer macht das schon?
Endlich im Seitenthema, zeigt sie ihre stärkste Seite. Sie spielt die lyrischen Aspekte Chopins mit hinreißender Innigkeit, die trotz der anderthalb Tausend Menschen, die ihr zuhören, den Charme des Privaten ausstrahlen.
Ein paar Takte weiter platzt der große Traum vom schönen Abend. In den Arpeggien wird sie unsicher, verrennt sich, und wirkt verkrampft. Mir scheint, von hier an findet sie nicht mehr richtig in die Musik. Man muß fast sagen, daß sie von diesem Zeitpunkt an ganzen Passagen technisch und interpretatorisch nicht gerecht wird.
Keine Frage, ihr Chopin hat lichte Momente. Sensationell, wie sie in der Romance das Thema an das Orchester weiterreicht. Die Zeit ruht bewegt in sich, als sie hier über das herrlich obertonreiche Klangfarbenspiel meditiert, ehe das Orchester ihre musikalische Welt komplementiert.
Enttäuschend waren in meinen Ohren weniger die exponierten Patzer, sondern ihr schmales Klangspektrum im Fortebereich, das sie nur sehr flach und trocken entwickelte.
Ich glaube, daß man Leonskajas Pianissimo-Chopin gebührend würdigen sollte. Vielleicht ist es ja gerade origenell, sich z. B. von den russischen Machogebärden oder argentinischen Ekstaseanfällen ihrer Kollegen abzuheben. Dennoch läßt mich der Eindruck nicht los, daß sie sich auf leisen Sohlen einfach sicherer fühlte. Sobald etwa Oktaven großen Klang verlangten, wirkte sie unsouverän und fehlerhaft.

Gleiches gilt teilweise für ihren Schostakowitsch, der vor Unsicherheiten nur so wimmelte. Schwamm drüber, auch hier wieder geniale, leise Momente im Mittelsatz, die von hoher Musikalität zeugten.

Noch ein paar Takte zum Orchester. Der Verfasser sieht sich mit diesem A-Orchester einem griechischen Orakel gegenüber, das nicht leicht zu entschlüsseln ist. Daß hier das Potential erster Güte vorhanden ist, hat sich in den Spielzeiten immerwieder gezeigt (vgl.OMM-Kritik 160698) und war im ersten Stück (Weber) hinsichtlich der Klangentwicklung und des Zusammenspiels zu hören. Bis zum Chopin-Intro (s. o.) war die Leistung auch wirklich akzeptabel. Was war aber dann los? Spätestens im Schostakowitsch herrschte - wenn mich meine Werkkenntnis und meine Ohren nicht vollends im Stich gelassen haben - ziemliches Tohuwabohu, sprich: die Koordination war ganz schön im Eimer. Unterm Strich war die Leistung - mit Ausnahmen in allen Instrumentengruppen - ziemlicher Durchschnitt.

Ist der Anspruch zu hoch, mehr zu verlangen.

Gemessen am Potential nicht.



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