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Freitag, 25. September 1998, Stadthalle Wuppertal
1. Sonderkonzert

Portraits of BENNY GOODMAN

Benny Goodman und die klassische Musik:
Wolfgang Amadeus Mozart: Klarinettenquintett A-Dur KV 581

Benny Goodman als Klezmer-Musiker:
Claudio Puntin: Klezmer Suite

Benny Goodman, the King of Swing:
Von "Goody Goody" bis "Sing Sing Sing"
 
 
Rubin Quartett:  Irmgard Zavelberg, Violine
Tinta S. von Altenstadt, Violine
Sylvie Altenburger, Viola
Ulrike Zavelberg, Violoncello

Claudio Puntin, Klarinette
Anna Larsen, Vocal

King of Swing Orchestra, Int.
Peter Fleischhauer Leitung


Facetten eines Meisters der Klarinette

von Michael Gutmann

Das erste Sonderkonzert dieser Saison tanzte nicht nur auf Grund der Zusammenstellung der Stücke oder der Profession der Instrumentalisten, sondern auch durch den locker gestalteten Rahmen positiv aus der Reihe. Der Organisator des Abends, Peter Fleischhauer verband mit ausführlichen und interessant gehaltenen Einführungen über das Umfeld des eigentlichen Protagonisten des Abends die auf den ersten Blick lose nebeneinander stehenden Kompositionen zu einem lehrreichen Querschnitt durch die Musikgeschichte.

Es stellt sich dem "seriösen" Kritiker bei diesem Konzert natürlich zuerst die bange Frage, was denn die "E-Musik" (Mozart) zwischen der "Volks-Musik" (Klezmer) und der "Pop-Musik" (Swing) zu suchen hat, nur zusammengehalten durch die Tatsache, daß Benny Goodman alle drei Arten gerne gespielt hat. Und welche Bedeutung kann der "E-Musik" zukommen, wenn ein "U-Musiker" sie in sein Konzert integriert ?

Zuerst einmal täte man dem Rubin-Quartett und dem Klarinettisten Claudio Puntin großes Unrecht, wenn man ihnen die Seriosität absprechen würde. Die eigentliche Klammer des Konzertes war - wie auch die Erklärungen Fleischhauers zu Goodmans Intentionen belegten - die Freude am musizieren, die bei manchem Ernst-geschwängerten "E-Konzert" mehr als zu kurz kommt. Die Interpreten des Klarinettenquintetts erzeugten im "unverkrampften" Rahmen des Abends eine intime Stimmung, die eher in Hauskonzerten als im großen Saal der historischen Stadthalle zu finden ist. Die schlichte Virtuosität und unprätentiöse Begleitung, die nötige Mischung aus Ernst und Humor ließen im Zusammenspiel von vier Virtuosinnen und einem Virtuosen eine Interpretation des Stückes entstehen, die die Genialität des Komponisten und die Bedeutung des Werkes in höchstem Maß herausarbeiten konnte. Keiner der Interpreten versuchte, eine "Botschaft" zu übermitteln, im Gegenteil, der Zuhörer konnte das Gefühl bekommen, mit den Solisten zusammen am Ereignis "Klarinettenquintett" teilnehmen zu können. Vor allem die ersten beiden Sätze boten ein Bild höchster Perfektion gepaart mit solisitisch angenehmer Zurückhaltung. Daß im vierten Satz die Konzentration etwas nachließ und die Darbietung der Streicher etwas zu luftig geriet, ernüchterte nur durch das hohe Niveau der ersten Sätze.

Der Solist Claudio Puntin - die "Reinkarnation" Benny Goodmans dieses Abends - fügte sich mit angenehmer Zurückhaltung in das Quintett ein. Sein Spiel zeugte von einer Leichtigkeit in der Artikulation, daß man in der Anfangsphase des Konzertes das Gefühl bekam, die Töne entstünden im Raum, ohne daß man ihre Quelle hätte lokalisieren können. Die Instrumentenbedienung war so gut wie nicht zu hören, die Atmung kaum wahrzunehmen. Schnelle Läufe wirkten gleichmäßig und virtuos, scheinbar ohne Anstrengung gespielt. Doch diese Virtuosität wurde nicht zur Schau gestellt und wirkte vielleicht am stärksten durch die einfühlsame, unaufdringliche Darbietung.

Daß und wie Puntin sein Instrument beherrschte wurde dann im folgenden Stück, einer von ihm selbst verfassten - man müßte eher sagen zusammengestellten Klezmer-Suite deutlich. Die drei Teile des zum vorherigen charakterlich völlig unterschiedlichen Stückes, der melancholische Anfang, der darauf folgende klagende Mittelteil mit wechselnd schnellen und langsamen Partien und der furiose Abschluß bestanden hauptsächlich aus der improvisierten Verarbeitung der jeweiligen "volkstümlichen" Grundthemata. Die Flexibilität des Solisten wurde in der facettenreichen Nutzung der Ausdrucksfähigkeit des Instrumentes deutlich. Die Zurückhaltung im Klarinettenquintett wich einer sich auslebenden Darbietung mit leidenschaftlichen, Saxophon-ähnlichen Ausbrüchen und lautmalerischen Elementen. Hier war Puntin ganz Solist, der Mittelpunkt in einer Gruppe begleitender Musiker.

Nach der Pause wechselte das Bild noch einmal. Das "Konzert im Konzert" des King of Swing Orchesters - die Akteure boten in der zweite Hälfte mit anderthalb Stunden Spielzeit noch ein "vollständiges" Konzert - gliederte den Solisten wieder in eine Gruppe von Solisten ein. Hier trat dann ein weiterer roter Faden des Konzertes hervor, der die musikalische Klammer zeigte, die über den Themen des Abends lag. Die Teile des Swingkonzerts, die zwar als einzelne Stücke angekündigt wurden, boten den einzelnen Mitgliedern, die ausnahmslos ebenfalls virtuose Musiker mit Soloambitionen waren, neben der Aufgabe der Begleitung immer auch einzelne Solo- und Improvisationsauftritte. So verband sich die disziplinierte Stimmenaufteilung des klassischen Mozart mit der Freiheit des Klezmer zu einem rythmusbetonten, "kammer-orchestralen" Moment mit improvisatorischen Elementen.

Nun sei aber neben aller Begeisterung noch erwähnt, daß die zusätzlich anwesende Technik - von diesem Konzert wurde ein Life-Mitschnitt für eine CD gemacht - vor allem im zweiten Teil dem Konzert viel von seiner familiären Atmosphäre nahm. Gerade im zweiten Teil, der mit seiner Besetzung wirklich nicht "schwach auf der Brust" zu nennen war, wurden die Stücke zusätzlich durch Lautsprecher übertragen und ein Mißverständnis zwischen Puntin und dem Tontechniker sorgte dafür, daß der Klarinettist so gut wie nicht zu hören war. Auch der Solo-Auftritt von Anna Larsen litt ein wenig unter diesem Manko. Die einfühlsame Stimme der Sängerin vermochte sich kaum gegen Bläser und Schlagzeug durchzusetzen. So wurde die zweite Hälfte in Teilen unnötig laut und konnte nur durch die erstklassigen Solo-Einlagen gerettet werden, unter anderem auch durch ein hörens- und sehenswertes Schlagzeugsolo von Peter Fleischhauer, dem Gestalter und Organisator des Abends.

Doch trotz dieses Schönheitsfehlers bot dieser Abend ein exzellentes Konzert, das die Frage nach "U"- und "E"-Musik ad absurdum führte, wenn man sah wie "u" die "E"-Musik sein kann und wie "e" die "U"-Musik dargeboten wurde.



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