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Stadthalle am Johannisberg, Wuppertal, 20. 9. 1997

Kraftfeld Glaetzner

Neues Bachisches Collegium Musicum mit Begeisterung aufgenommen

2. Gastkonzert der Konzertgesellschaft Wuppertal

Neues Bachisches Collegium Musicum, Leipzig
Leitung und Oboe: Burkhard Glaetzner

Johann Sebastian Bach
Ouvertüre Nr.1 C-dur BWV 1066
Konzert für Violine, Oboe und Orchester c-moll BWV 1060
Wolfgang Amadeus Mozart
Oboenkonzert C-dur KV 314
Symphonie A-dur KV 201


Der erste Ton im Raum.
Warmer, voller Klang durchmißt förmlich die Dimensionen des Raums.
Der erste Bogenstrich schon kündet davon, daß hier musikalisch etwas geschieht, etwas, vor dem man ganz still werden muß: Musik von Bach, wie sie eindringlicher und glaubhafter nicht hätte sein können. Warum bloß gelang dem Ensemble derartige Musik, beseelt und ergreifend wie selten erlebt?

Ausgerechnet die Ouvertüre Nr. 1 C-dur war es, die neben den populären Konzertstücken eigentlich als Mauerblümchen des Programms hätte verblassen müssen, jedoch aus meiner Sicht zum herausragenden Ereignis des Abends wurde.
Meinen Eindruck davon könnte ich sicherlich leichter graphisch fixieren, denn wie das Orchester mit den Klangfarben zauberte, war hinreißend und ließ einen darüber fast die Zeit und die Gestaltung vergessen. Vom glasklaren und immer perfekten Streicherklang mit ausbalanciertem vollem Baß und Celli bis hin zur „Pastellzeichnung“ der Violinen und den übergezeichneten “Glasperlen“ des Cembalos.

Mit anderen Worten, die Art Bach zu musizieren erschien mir zutiefst beseelt, was möglicherweise in der begeisternden „Bühnenpräsenz“ der Musiker begründet war. Die Instrumentalisten, die im Stehen spielten, waren nicht nur „anwesend“, sondern mit Leib und Seele in der Musik präsent, was sich optisch an der körperlichen Anteilnahme, aber auch akustisch im Klangergebnis widerspiegelte.

Vielleicht jedoch hatte es mit dem etwas zu tun, was als das „Kraftfeld“ eines Dirigenten bezeichnet wird. Mir war es, als ob gleich zu Beginn mit dem präzisen und lebhaften Dirigat Glaetzners ein Ruck durch das Ensemble ging, der aus den knapp zwei Dutzend Musikern etwas wie eine Einheit schuf. Einfache Konformität wäre aber langweilig gewesen. Es war halt doch etwas Lebendiges in sich, um den Begriff der Seele nicht noch einmal zu strapazieren. Das Phänomen war, daß eben Glaetzners Bewegung in jedem der Musiker und Musikerinnen zu sein schien, was die Gestaltung im Wortsinn atemberaubend machte.

Gegenüber diesem musikalischen Hochgenuß mußten - für mich - alle nachfolgenden Stücke abfallen, so daß ich nun unweigerlich ungerecht werde.
Glaetzner als Oboist ist für mich ein zweischneidiges Schwert. Bei Bachs Konzert für Violine, Oboe und Orchester kamen die positiven Aspekte zum Tragen, die sich mir als Höchstmaß an musikalischer Sensibilität in Ausdruck und Tongestaltung vermittelten . Natürlich ist sein Bach keiner, der der Konvention entspricht. Die Dynamik ist fast arabesk und lotet alle Höhen und Tiefen aus. Sein körperliches Spiel überwindet die Grenzen von sogenannter E- und U-Musik: He`s got the blues!

Seine Vorstellung von Mozart brachte für mich allerdings unerfreuliche Tendenzen zum Vorschein. Bei ihm war Mozart immer “schön“. Das scheint sich zu widersprechen, tut es aber nicht. Mozart dem „Wohlklang“ zuzuorden, liegt nahe und ist legitim. Ich bin allerdings der Auffassung, daß - gerade bei der Symphonie - Mozarts Werk auch Ecken und Kanten hat, mitunter auch Abgründe. Hier waren diese jedoch durch die Priorität des schönen Klangs „behoben“.
Nichts desto trotz war das Publikum von der musikalischen Gesamtleistung der Ausführenden begeistert.


Von Oliver Kautny



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