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Stadthalle am Johannisberg Wuppertal

Auftakt der Konzertsaison mit dem Dallas Symphony Orchester am Freitag, 29. August 1997


Ein amerikanisches Konzert

Von Michael Gutmann

Mit dem Dallas Symphony Orchester bereitete ein anerkannt hochklassiges Orchester der Wuppertaler Konzertsaison einen fulminanten Auftakt. Ich habe selten einen so präzise agierenden Klangkörper wie diesen gehört, geschweige denn gesehen. Ein anspruchsvoller Tour-Plan führte das Orchester neben London, Amsterdam, Brüssel und noch vielen anderen Städten auch für einen Tag nach Wuppertal. Trotz eines Mammutprogramms von 13 Konzerten in 19 Tagen (mit wechselndem Programm !) absolvierten die Musikerinnen und Musiker über den ganzen Abend hochkonzentriert mit zwei Stücken von Gershwin (Ein Amerikaner in Paris und Rhapsody in Blue in der Fassung für Jazzorchester) und Tschaikowskys 5. Symphonie ein nicht unerhebliches Pensum.

Andrew Litton, der dem Orchester seit 1994 als musikalischer Direktor vorsteht, leitete mit großem Einsatz und Showtalent die Aufführung. Das Orchester reagierte mit bewundernswerter Einigkeit auf alle mit Taktstock, Armen und Körperbewegungen umgesetzten Wünsche des Dirigenten, der selbst bei der Rhapsody, die er persönlich am Klavier intonierte, immer Herr der Situation war. Man konnte den Eindruck bekommen, daß Litton neben dem Dirigieren auch noch »ein wenig Klavier spielte«. Sein Klavierspiel stand übrigens den Fähigkeiten des Orchesters in nichts nach, außer daß es - dem Stück etwas unangemessen - im Ausdruck zu maniriert und in der Technik übertrieben virtuos wirkte.

Insgesamt fehlte den beiden Stücken von Gershwin an vielen Stellen der »Drive«, der durch die jazz-ähnlichen Komponenten des Stückes entstehen muß, wenn diese nicht zu akademisch wirken sollen. Das strenge Dirigat von Andrew Litton ließ kaum Spielraum für das Quentchen Taktungenauigkeit, das diesen Kompositionen erst das Leben verleiht. Nur die solistisch agierenden Bläser waren in der Lage, sich durch etwas freiere Tempi aus der Umklammerung des Dirigenten zu befreien. Ohne diese »Ausrutscher« wäre die Interpretation zu europäisch, zu sehr die Sichtweise des weißen Amerika gewesen.

Wer den Tschaikowsky von sehr guten europäischen Orchestern kennt, den mußte es im zweiten Teil grausen: die Darstellung der 5. Symphonie war flach und leidenschaftslos. Die gesamte Interpretation machte den Eindruck übertriebener »Werktreue«, die an eine maschinelle Umsetzung der Partitur durch einen Computer in Midi-Daten für einen Synthesizer erinnerte. Und bei alledem verstärkte die technische Brillanz des Orchesters diesen Effekt in das Schmerzhafteste. Selten war die Bedeutung des Dirigenten als Mittler zwischen Anspruch und Gefühlswelt des Komponisten und Umsetzung in reale Musik so deutlich zu erkennen wie bei dieser Vorstellung. Und so laste ich mein Unbehagen auch nicht dem Orchester, sondern dem Dirigenten an. Mir hat die Seichtigkeit des zweiten Teils den Abend verleidet.

Aber ich muß auch zugeben, daß ich einer der wenigen gewesen zu sein scheine, den dieser Umstand störte. Dabei zeigten die beiden begeisternden Zugaben von William Shuman und noch einmal Gershwin, letztere mit einem hervorragenden Klarinetten-Solo, daß Dirigent und Orchester doch anders können. Und so schließe ich etwas ratlos mit dem Fazit, daß es sich doch gelohnt hat und daß sich diese Kritik auf ein Konzert knapp unterhalb der Perfektion bezieht, aber daß Perfektion nicht alles ist.



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