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Montag, 9.8.1999, 20.00 Uhr, Mühlheim

Arcadi Volodos, Klavier

Sensationell: Arkadi Volodos und sein umjubelter Mülheimer Klavierabend

Von Markus Bruderreck

Fünfundzwanzig Minuten frenetischer Beifall, Gebrülle, Geschrei, fünf Zugaben und eine ernst gemeinte "Standing Ovation": Gerechter Lohn für Arkadi Volodos, noch junger Stern am Pianistenhimmel, der aber umso heller strahlt. Wer das Konzert im Rahmen des Klavier-Festivals Ruhr am 9. August in Mülheim verpaßt hat, hat nicht nur das vielleicht bedeutendste Ereignis des Festivals versäumt, sondern auch einen sehr unterhaltsamen Abend. Denn Volodos kann einfach alles, und das macht ihn zur absoluten Ausnahmeerscheinung unter den großen Pianisten.

In der Künstlerpersönlichkeit von Arkadi Volodos vereinen sich Elemente, die bei minder guten Pianisten nur vereinzelt zu finden sind: Exeptionelle Musikalität und Innerlichkeit, die poetische Aussagen von hoher Individualität zuläßt, aber auch der Sinn für's Virtuose, für eine Brillianz, die genauso erheiternd und spielerisch ist wie atemberaubend und sensationell. Grundlage hierfür aber ist eine geschliffene Technik in äußerster Präzision, die feinste Nuancen zuläßt, aber niemals hohl wirkt oder zum Selbstzweck wird. Und wie um zu verhindern, daß man einen falschen Eindruck von ihm bekommt, setzt Volodos im "Hauptprogramm" seines Konzertes nicht auf zirzensische Virtuosität. Im ersten Teil steht die "Sonate G-Dur op. 78 D 894" von Franz Schubert auf dem Programm, ein anti-virtuoser Auftakt. Volodos nimmt sie verhalten-poetisch, innerlich und im Tempo sehr gemäßigt. Der letzte Satz, verspielter und virtuoser, profitiert von Volodos' müheloser Technik: Die Tonrepetitionen erscheinen leicht und klar, der Satz ist entkrampft und locker, ohne aber seine Schatten zu verlieren.

Nach der Konzertpause wechselt Volodos die Farbe und kommt zu Skrijabin, Rachmaninow und Liszt. Wer aber nun bereits virtuose Schaustücke erwartet, wird wieder enttäuscht. Sicher sind Skrijabins Werke, "Enigme op. 52 Nr. 2", "Caresse dansée op. 57 Nr. 2" und die "Sonate Nr. 10 op. 70" mit ihren fortwährenden Trillern spieltechnisch nicht zu unterschätzen. Klar entblättert hier Volodos die komplexen kontrapunktischen Verbindungen, obschon auch er nicht verhindern kann, daß die Skrijabin-Werke mit ihrer mäandernden Chromatik und ihrem Farbenreichtum recht anspruchsvoll zu hören sind, immer noch.

Mit vier Werken Rachmaninows wird es dann langsam auftrumpfender, donnernder, virtuoser. Die "Fragmente in As-Dur" aus dem Jahre 1917 sind zunächst noch wenig virtuos, eine Petitesse. Und auch nach dem "Prélude d-Moll op. posth." folgt zunächst noch die eher verhaltene "Étude-tableau c-Moll op. posth.". Wild-leidenschaftlich und virtuos dagegen geht es dann aber schließlich in der "Étude-tableau cis-Moll op. 33 Nr. 8" zu.

Den "offiziellen" Teil des Programms (so muß man es schon fast sagen) beendete Volodos mit zwei Liszt-Werken. Zunächst erklingt die Nr. 6 aus Liszts "Consolations", den "Trostgedanken". Vorsicht, dieser Name wie die Tempobezeichnung "Allegretto sempre cantabile" täuschen hier, es geht handfest-ekstatisch zu.

Schlußpunkt ist dann das erste wirklich wilde Stück des Abends, die "Ungarische Rhapsodie Nr. 15 a-Moll", der sogenannte "Rakoczy-Marsch". Hier endet das Konzert, hier beginnt aber auch der nächste Teil. Denn irgendwie scheint es, als sei eine weitere Tür von Volodos' Können geöffnet worden. Das Publikum und der Künstler weiß, daß jetzt der hochvirtuose Teil des Abends gekommen ist. Nach dem ersten Beifallssturm überrascht Volodos mit Horowitz' Version von Liszts "22 Variationen über Felix Mendellsohn-Bartholdys Hochzeitsmarsch".

Volodos ist mindestens seit seinem CD-Debüt 1997 dafür bekannt, daß er Bearbeitungen von Vladimir Horowitz einspielt, die für viele Pianisten spieltechnisch unerreichbar sind; auch dieses Liszt-Werk ist so eine "verkomplizierte" Transkription. Als dritte Zugabe spielt Volodos die "Carmen-Variationen", die er ebenfalls Horowitz abgelauscht hat, jedoch noch mit eigenen - horrend-schwierigen - Zutaten versehen hat.

Man mag zu solch zirzensischen Meisterstücken stehen, wie man will: Sie suchen ihresgleichen. Mit insgesamt noch zwei weiteren Zugaben hat Volodos dem Publikum gegeben, was es hören wollte, was er aber auch willig zu geben bereit war. Aber Virtuosität ist nur eine Facette von Arkadi Volodos, und das macht auf zukünftige Klavierabende mit diesem Ausnahmepianisten gespannt.




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