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222.07.1999, 20.00 Uhr, Bochum

Jean-Ives Thibaudet, Klavier

"A schöne Leich" oder: Jean-Ives Thibaudet in Bochum

Von Markus Bruderreck

Ein regnerisch-kühler Sommerabend. Der Eingangsbereich der etwas beengten Stadtpark-Gastronomie ist vollgestellt mit triefenden Regenschirmen. Ja, das will man sich nicht entgehen lassen und hat sich unverdrossen durch den Regen gekämpft: Ein Franzose spielt Musik seiner Landsleute, Werke von Debussy und Ravel. Man hofft, wie der Schreiber dieser Zeilen, auf einen anregenden Abend mit fesselnden neuen Einsichten. Der Pianist ist schließlich auch kein Unbekannter: Jean-Ives Thibaudet, gutaussehender Starpianist aus Lyon, mit einem Faible fürs Virtuose und gutem Marketing. Alles in Butter also, alles wird gut? Leider nein. Denn Monsieur Thibaudet hat anscheinend musikalisch nichts, aber auch gar nichts zu sagen.

Gewiß, Jean-Ives Thibaudets Klavierspiel ist erstaunlich: Bewundernswert ist die Klarheit in den Klangkaskaden des "Noctuelles", dem ersten "Miroir" aus Ravels Sammlung. Hier zeigt sich eine Durchsichtigkeit, eine filigrane Transparenz der Läufe, wie man sie selten hört. Dieses Gefühl für Exaktheit spürt man auch in "Alborada del garcioso" und in "Un barque sur l'océan". Keine Pfuscherei, hier herrscht absolute Virtuosität. Und Virtuosität ist es auch, die sein gesamtes Bochumer Programm bestimmt. In dieser Hinsicht nicht weniger anspruchsvoll als die "Miroirs" sind hier die "Valses nobles et sentimentales", ebenfalls im ersten Teil des Konzerts zu hören. Die Akustik des Saales hat sich zudem glücklicherweise verbessert: Dank einer weißen Schallwand hinter dem Flügel tönt es nun ausgewogener, nicht mehr so wattig wie im letzten Jahr, als noch wallende Vorhänge dem Klang zusetzten. Thibaudets klarem, transparentem, virtuosem Spiel kommt das zugute.

Das ist alles, was man hier an Positivem über diesen Abend sagen kann. Denn vielleicht wird man irgendwann während des Konzertes innerlich ausrufen, wie im Andersen-Märchen von des Kaisers neuen Kleidern: "Der Kaiser ist ja nackt!", oder österreichisch ausgedrückt: "A schöne Leich". Denn hinter der Virtuosität Thibaudets verbirgt sich musikalisch - nichts. Ravels Walzerfolge ist in präziser Agogik und in der Durchschnittlichkeit der Tempi erstarrt, die Lebendigkeit entwichen, wie übrigens auch allen anderen Stücken an diesem Abend Lebendigkeit im Allgemeinen entschieden abgeht. Die Tongirlanden der "Miroirs" wirken reizlos heruntergespult. Was sagt Thibaudet eigentlich die Musik von Ravel? Offensichtlich nichts. Virtusität und nichts weiter. Im zweiten Teil des Konzerts wird es nur schlimmer. An den Préludes Heft II von Debussy hat man bald schon jegliches Interesse verloren. Den heiter-grotesken Stücken wir "Général Lavine - eccentric" und der "Hommage à S. Pickwick Esq. P.P.M.P.C." fehlt jegliche Komik. Thibaudet liebt diese Musik nicht wirklich, er ist verliebt in ihre aufpolierte Oberfläche. Für die Dinge unter dieser Oberfläche interessiert er sich nicht.

Zuweilen sind ja Zugaben in einem Konzert besser als alles, was vorausgegangen ist. Bei Thibaudet ist auch dies nicht der Fall. Werbewirksam spielt er zunächst den "Jubilee Stomp" von Duke Ellington im Arrangement von Dick Hyman (schaut her, diese meine neue Ellington-CD liegt im Foyer für Euch zum Kaufen bereit!), dann ein Nocturne von Chopin. Beides hätte er sich schenken können.

Dem Publikum, das übrigens nur zu zwei Dritteln den Saal der Stadtpark-Gastronomie füllte, gefiels. Mir nicht.




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