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6. August 1999, 20.00 Uhr, Bottrop

Christiane Mathé, Klavier

Zwillingssonnen und gespensterhafte Gondoliere

Christiane Mathé spielt Crumb in Bottrop

Von Markus Bruderreck

Mit der Musik von George Henry Crumb, der vor beinahe siebzig Jahren in Charleston / West Virginia geboren wurde, kann man Schwierigkeiten haben. Seine Sujets sind oftmals spirituell-magischen Bereichen entnommen, seiner Musik ist stets ein ritueller, weltentrückter, ein esoterischer Ton eigen. Im Mittelpunkt von Crumbs Schaffen für Klavier steht der vierteilige "Makrokosmos"-Zyklus.

Die zwei ersten Bände dieses Zyklus hat die Freiburger Pianistin Christiane Mathé am 6. August im Kulturzentrum Bottrop gespielt. Das Klavier-Festival Ruhr ehrt mit diesem Konzert einen umstrittenen Komponisten, dem man vielleicht vorwerfen mag, sich zu sehr auf der Modewelle esoterischen Firlefanzes zu bewegen - was man ihm allerdings nicht vorwerfen kann ist, daß er farblose, uninteressante oder konventionelle Musik schreibt. Etwas farblos ist dagegen schon eher Christiane Mathés Klavierspiel. Sie hat in ihrem Konzert zu sehr auf die magischen Wirkungen von Crumbs Werk vertraut.

Die beiden ersten Bände von "Makrokosmos" mit dem Untertitel: "Zwölf Fantasiestücke über den Tierkreis für elektronisch verstärktes Klavier" komponierte Crumb 1972 und 1973. Jeder Band (Aufführungsdauer je etwa 40 Minuten) gliedert sich in 3 Teile, und jedem einzelnen Stück ist ein Sternzeichen zugeordnet. Jedes Stück trägt die Initalien einer Person, die unter diesem Sternzeichen geboren ist (das 5. Stück des ersten Bandes etwa trägt Crumbs Initialien und ist mit seinem Sternzeichen Skorpion verbunden). "Makrokosmos": Damit sind zunächst Sterne und Sternenbilder gemeint, aber auch konkrete kosmoslogische Erscheinungen wie "Zwillingssonnen" (Band 2, Nr. 4) oder "Spiral-Sternennebel" (Band 1, Nr. 12). Andere Sujets sind Mythen entlehnt, drehen sich um die Genesis, das versunkene Königreich Atlantis, den geheimnisvollen Wackersteinkreis Stonehenge oder Nostradamus. Die Titel klingen dabei etwas wie aus der Mottenkiste der Esoterikwelle gefischt, "Der Zauberkreis der Unenedlichkeit" etwa oder "Der Abgrund der Zeit".

Crumbs Musik klingt zuweilen so, als sei sie perfekt geeignet als Untermalung für Fernsehreportagen über abseitige Sekten. Er verstärkt das Klavier elektronisch, um dem Instrument eine neue Klanglichkeit und Aura zu verleihen - eine Vorgehensweise, die er häufiger in seinen Werken anwendet. Crumbs musikalische Mittel sind hauptsächlich die der Avantgarde: Das Klavier wird präpariert mit Papier, Glas und Ketten, es wird auf den Metallrahmen gehämmert und die Saiten des Flügels gestrichen, gezupft oder mit dem Jazzbesen traktiert. Über das Mikrofon wird Hall erzeugt, während Christiane Mathé zuweilen singt, pfeift oder geheimnisvolle Worte raunt.

Die Techniken der Avantgarde gehen bei Crumb nicht mit einem avantgardistischen Musikverständnis einher, sondern dienen eher einem konventionellen Ausdruckswillen. Die neue Klanglichkeit ist faßlich, man hat Möglichkeiten zur Assoziation, sie dient der Darstellung der Sujets. Das diese Plastizität zuweilen auch fraglich ist, ja platt oder peinlich wirken kann, zeigen solche Stücke wie "Der gespensterhafte Gondolier", in dem Mathé ein geheimnisvolles Heulen von sich geben muß. Man rettet sich in die Annahme, dieses alberne Raunen sei hoffentlich etwas ironisch gemeint - ein flaues Gefühl über die Platitüde bleibt jedoch. Hier soll nicht der Eindruck entstehen, als hätte Crumbs Musik nur solche vordergründigen Effekte zu bieten, als hätte sie keinen großen Charme. Ihre Greifbarkeit ist zuletzt auch ein großer Pluspunkt für ihre Rezeption, zuweilen kann sie sogar nostalgisch werden, wenn sie, wie in "Traumbilder (Liebestodmusik)" (Band 1, Nr. 11), Chopin zitiert. Am Schluß jedoch steht man etwas ratlos da und weiß nicht, was man davon halten soll - Fans und Gegner dieser Musik versteht man gleichermaßen.

Christiane Mathé gelingt es leider nicht durchgehend, die erforderliche magische Stimmung zu erzeugen. Auf der technischen Ebene gibt es für sie keine Probleme. Vieles aber scheint nicht von einem Ausdruckswillen durchsetzt, in der "Hirtenmusik" des 1. Bandes fehlt die Schärfe, die rechte Formung. Die Stimmung des Stonehenge-Stückes (Band 2, Nr. 5) ist nicht überzeugend, der "Zauberkreis der Unendlichkeit" (Band 1, Nr. 8) wird etwas zu lieblos und zu schnell heuntergespult. Neben dem vielen Herumkriechen im Flügel geht die musikalische Tiefe meist verloren - und die muß man einfordern können, trotz der spieltechnischen Schwierigkeiten und gerade weil Crumbs Musik so sehr auch auf der Tradition fußt, wie die Zitate von Chopin, Beethoven oder des "Dies Irae"-Chorals beweisen. Daß es musikalisch hier auch tiefgründiger zugehen kann, hat der Pianist Robert Groslot gezeigt. Er hat 1982 eine Einspielung des Zyklus' auf dem Label Fidelio vorgelegt, die musikalisch überzeugender als Mathés Spiel ist.




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