Online Klassik - Rezensionen
Homepage zurück e-mail Impressum



Lesen Sie hier die beiden Kritiken zu den Konzerte am 24. und 27.8.1999

Dienstag, 24.08.1999, 20.00 Uhr, Schloß Nordkirchen
Liederabend Europäisches Musikfestival Münsterland

Lesen Sie hierzu: OMM-Interview mit Onute Narbutaite


Franz Schubert: Lieder
Benjamin Britten: 4 Folk Songs
Onute Narbutaite: Sonnet à l'amour (UA)
Benjamin Britten: Songs from the Chinese op.58

Christoph Prégardien, Tenor
Reinbert Evers, Gitarre



Uraufführung von Narbutaites "Sonnet"

Umjubelter Liederabend mit Christoph Prégardien

Von Oliver Kautny

In diesem Jahr findet erstmals das Europäische Musikfestival Münsterland statt (14.8-29.8), für das man das westfälische 'Versaille' Schloß Nordkirchen bei Münster als festlichen Spielort ausgewählt hat.

15 Konzerte an 16 Tagen präsentieren ein Programm, das thematisch zu einer musikalischen Reise ins Baltikum einlädt. Im Mittelpunkt des Festivals stehen deshalb Interpreten und Komponisten aus den drei baltischen Staaten. Auf der Liste der renommierten Künstler stehen klingende Namen wie David Geringas (Vc, Lettland) oder Gideon Kremer (29.8), Arvo Pärt, Erkki Sven Tüür (beide Estland), Peteris Vasks (Lettland) oder - Onute Narbuteite, die man als führende litauische Komponistin mit einer Komposition beauftragt hatte.

Für die Uraufführung des Auftragswerks konnte man den lyrischen Startenor Christoph Prégardien gewinnen, der von dem versierten Gitarristen - und Festivalveranstalter - Prof. Reinbert Evers (Musikhochschule Münster) begleitet wurde. Die beiden Interpreten stellten für das Konzert ein ungewöhnliches Programm zusammen, das die UA mit Liedern von Schubert und Britten rahmte.

Ungewöhnlich auch die instrumentale Kombination: wann man bietet sich schon die Gelegenheit, Schubertlieder mit Gitarrenbegleitung zu erleben? Aber dennoch - die exotische Konstellation funktionierte, nicht zuletzt dank der hochsensiblen Gestaltung des Gitarrenparts, der Prégardiens meisterliche Darbietung mit adäquaten Klangfarben ergänzte.

Prégardien konnte mit Schubert begeistern - das Auditorium war bereits zu Pause hingerissen von den nuancierten 'Betrachtungen' des Notentextes, die dem Hörer Drama und Reflexion aus "Der Schiffer" D 536, "Nachstück" D 672 oder "Die schöne Mülllerin" D 795 nahezu 'bildlich' hörbar machten. Die Stärke des Tenor lag zweifelos im betörenden Schmelz zwischen mittlerer und hoher Lage und der perfekten Gestaltung großer Legatobögen.

Mit Spannung erwartete man die Uraufführung im zweiten Teil des Konzerts (Interview). Onute Narbutaite hatte sich für ihr neues Werk von Gedichten eines in Paris lebenden Litauers inspirieren lassen. Oscar V. de L. Milosz (1877-1939) Sonnette spiegeln dessen gegensätzliche Reflexionen, die sich zwischen patriotischen und privaten Themen bewegen. So auch das Liebesgedicht "Sonnet à l'amour".

Die Komposition ist dreiteilig und bewegt sich durchweg in freier Tonalität. Ein Umstand, der übrigens die Kombination mit Britten-Liedern als äußerts gelungen und einleuchtend erscheinen ließ. Der litauischen Komponistin ist mit "Sonnet" abermals ein Kunstwerk gelungen, das von hoher expressiver Intensität zeugt, das von der Spannung lyrischer Verinnerlichung und geladener Dramatik lebt. Dabei bezieht sich Narbutaite erklärtermaßen auch auf traditionelle Elemente, so daß zwischen freitonalen Klängen auch Assoziationen an gregorianische Melisma deutlich werden. Kohärenz erfährt das Stück u.a. durch motivische Arbeit. Immer wieder erklingt ein ostinates Rhytmusmotiv, das im Gitarrensolo perkussiv oder flageolliert variert wird.

Fasziniernd erschien insbesondere, wie Gitarre und Vokalpart sich symbiotisch gegenseitig durchdringen, dem Werk seine existentielle Vitalität verleihen. Beide stehen oftmals in eklantantem Widerspruch zueinander, wenn die Cantilenen den Bogen bis zum Zerreißen spannen, um sich in explosiver Dramatik durch virtuose Gitarrensoli apruppt zu entladen und - wieder zu angespannter Innerlichkeit zurückzukehren...

Zum Schluß: großer Applaus für alle Künstler, der in jeder Hinsicht verdient war. Ein großer Abend.



Freitag, 27.08.1999, 20.00 Uhr, Schloß Nordkirchen
Junge Generation III

Peteris Vasks: In Memoriam für zwei Klaviere
Erkki Sven Tüür: Drama (1991) für Flöte, Violine und Gitarre
Onute Narbutaite: Mozartsommer für Flöte, Violine, Viola und Cembalo
Erkki Sven Tüür: Sonatina für 2 Klaviere
Osvaldas Balakauskas: Kaip mari bangos prisilitimas (Wie die Berührung einer Meereswelle) für Violine und Klavier
Bronius Kutavicius: Die Uhren der Vergangenheit für Streichquartett und Gitarre

Sigrid Kuulmann, Violine
Rachel Elena Schettmann, Violine
Keelpliilkvartett
Tom Pauwels, Gitarre
Marion Hofmockel, Flöte
Claudia Krawietz, Cembalo
Irina Danschina und Inese Valiniece, Klavier
Gabrielius Alekna, Klavier
Winfried Fechner, Moderation



Neue baltische Kammermusik

Junge Künstler begeisterten in der Orangerie

Von Oliver Kautny

Junge Generation war für dieses Konzert in der Orangerie des Schlosses im doppelten Sinne wörtlich zu verstehen. Denn das Programm versprach nicht nur Neue Musik baltischer Zeitgenossen. Mit Erkki-Sven Tüür (*1959) und Onute Narbutaite (* 1956) standen zudem zwei Komponisten im Blickpunkt, die es - für Künstlerverhältnisse! - mit jungen Jahren zu Weltruhm gebracht haben.

Vor allem beeindruckten aber die Interpreten des Abends. Denn die meist aus dem Baltikum stammenden MusikerInnen waren nicht selten Jahrgang '78 oder noch jünger und stellten eindrücklich unter Beweis, wie frisch und neu gerade Neue Musik durch junge Künstler klingen kann.

Vasks Stück für 2 Klaviere eröffnete das Konzert mit erschütternden Klängen, die die Referenz an die Opfer des Holocausts auf ergreifende Weise spiegelten. Die immense Suggestion, die von dem Stück des sicher wichtigsten lettischen Komponisten ausging, verdankte sich der packenden Interpretation von Irina Danschina und Inese Valiniece, die die mitunter experimentellen Techniken souverän meisterten.

Zu den populärsten estnischen Komponisten darf man neben Arvo Pärt zweifelsohne Erkki-Sven Tüür rechnen. Ganz anders als Pärt zeichnet sich Tüürs Stil durch ein gewisse Non-Chalance aus, die auf seine Herkunft als Rockmusiker und Autodidakt zurückgehen mag. Außerdem ist sein Oeuvre viel stärker durch stilistische Pluralität geprägt und kann in ihrer Unbekümmertheit, sich auf dem "Steinbruck der Musikgeschichte" hemmungslos zu bedienen, durchaus als postmodern bezeichnet werden. Daß Tüür damit nicht nur eine breite Hörerschaft erschließt - was seine beiden jüngsten ECM-Platten beweisen - sondern auch von fachlicher Seite Anerkennung genießt, davon zeugt sicherlich der Auftrag der Oper Dortmund, in 2 bis 3 Jahren ein Stück für das Musiktheater zu schreiben.

Bei diesem Konzert war Tüür gleich zweimal vertreten. Das zuvor genannte Klavierduo konnte nach der Pause noch einmal mit dessen "Sonatina" glänzen. Zuvor hatten Marion Hofmockel (Flöte), Sigrid Kuulmann (Violine) und Tom Pauwels (Gitarre) das "Drama" dramaturgisch überzeugend in Szene gesetzt. Die exakte Intonation in den für Tüür so typischen Höhenlagen von Flöte und Streichersound war brillant.

Narbutaites Idee für ihre 1991 entstandene Komposition "Mozartsommer" ist in der Tat origenell. Nur Assoziationen und Erinnerungen an mozartähnliche Klänge werden fragmentarisiert und pointillistisch vorgeführt. Eine Aufgabe, die die jungen Interpreten hervorragend bewältigten.

Höhepunkt war nach der starken Aufführung von Balakauskas Komposition für Violine und Klavier (Kuulmann/Alekna) die "Uhren der Vergangenheit" von Kutavicius. Dem litauischen Meisterkomponist - übrigens Lehrer von Onute Narbutaite - ist vor allem im zweiten Satz ein kompositorischer Wurf gelungen. Zwar stehen die Passagen verspielter Perkussivität und andächtiger Meditation recht blockhaft gegeneinander - die Wirkung jedoch spricht für sich. Als überaus gelungen muß die Darbietung des Keelpliilkvarttet und dem souveränen Tom Pauwels gewürdigt werden.

Ein Konzert mit fantastischen Kompositionen und sehr guten jungen MusikerInnen, das ich jedem (!) renommierten Abonnement-Konzert vorziehen würde. Und daß trotz der - bis hierhin unerwähnten - Moderation.



impressum zurück e-mail Impressum
©1998 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de