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Freitag, 24.09.1999, 20.00 Uhr, Philharmonie Köln
Sinfoniekonzert


Arvo Pärt: Como anhela de cierva (EU)
Dimitri Schostakowitsch: 4. Sinfonie c-moll op. 43

Patricia Rozario, Sopran
WDR-Sinfonieorchester Köln
Semyon Bychkov, Leitung



Kehrtwende?

Arvo Pärts neuestes Werk erlebte in Köln seine deutsche Premiere

Von Oliver Kautny

Als ich das Sinfonieorchester des WDR am Mittwoch bei seiner letzten Hauptprobe erlebte, traute ich meinen Augen und Ohren nicht. Die Universal Edition hatte zwar schon im Frühjahr verraten, daß Pärts neues halbstündiges Werk für Orchester und Sopran "besonders" sei und teilweise fast "spanisch" klinge. An eine derartige Novität war aber beileibe nicht zudenken, zumal Pärt bei aller kompositorischen Progression bis dahin das Terrain meditativer Klänge nur äußerst selten mit dramatischeren Gefilden vertauscht hatte. Ausnahmen waren in geringen Maße vielleicht Litany (1994) oder Miserere (1989).

Pärts Vertonung des 42. und 43. Psalm erreicht hingegen eine seit fast 30 Jahren nicht mehr dagewesene Dramatik und Expressivität, die in ihrer Wirkung fast (!) nichts mehr mit seinen Werken im sonoren Dreiklangsstil zu tun haben. Von Kontemplation oder andächtiger Mystik kann jedenfalls kaum noch die Rede sein. Minimalistisch ist hingegen höchstens die Behandlung des Orchesterapparats, der punktuell und fragmentarisch für eine differenzierte und sparsame Begleitung sorgt. Doch wagt sich Pärt auch an gewaltige Tutti, die vor Dissonanzen nur so strotzen. Schärfer klingen nur noch seine avantgardistischen Orchesterwerke der Frühphase, von der er sich ja ausdrücklich losgesagt hatte.

Gewaltige Anfordeungen stellte der Gesangspart an die Sopranistin Patricia Rozario. Sie mußte Ihre Stimme durch alle Extreme führen. Besonders in den tiefen Lagen entwickelte sie dabei ein wunderbares sammtes Timbre, das ein wenig an das einer Berganza oder Los Angeles erinnerte. Im Diskant, der zuweilen durch seine statische Höhe schwer singbar war, wirkte die Solistin jedoch sehr angestrengt. In den Proben liefen diese Passagen naturgemäß entspannter.

Bychkov verfügte mit dem WDR-Orchester über ein hervorragenden Klangkörper. Bis zuletzt hatten sie mit dem Komponisten am Klang und am Notentext (!) gefeilt und konnten eine äußerst ansprechende Premiere präsentieren. Für die Kölner Erstaufführung hatte man sich für eine Mischung aus Sachlichkeit und Pathos entschieden, die keine agogische Spielchen zulies und dank einer pointierten Dynamik dennoch für Spannung sorgte. Pärts Kompositionen mit Schostakowitschs zu konfrontieren ist eigentlich gängige Praxis. Bei der 4. Sinfonie des Russen ist dies aber dennoch ein gewagtes Unterfangen, auch wenn Pärts neues Werk sich überraschend dramatisch darstellte.

So war die zweite Hälfte in gewisser Hinsicht ein großartiges, aber deplaziertes Musikereignis, daß in seinen Dimensionen Pärts Werk in jeder Hinisicht etwas in den Schatten stellte. Über 100 Musiker, eine Bombastik die in der Sinfonik des 20. Jahrhunderts ihresgleichen sucht und eine über 60 minütige Meisterleistung aller Beteiligten, die das Auditorium zu Begeisterungsstürmen, unzählige Bravos und standing ovation hinriß.



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