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Klassik-Rezensionen

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Logo: Triennale Dienstag, 06.06.2000, 20.00 Uhr
Rundfunkaufzeichnung am 30.06.2000, 20.05 Uhr, im Hörfunkprogramm WDR 3

Köln, Philharmonie

Im Rahmen der MusikTriennale Köln

György Ligeti (*1923): Atmosphères (1961), Lontano (1967)
Gustav Mahler (1860 - 1910): Des Knaben Wunderhorn (1905)
Originalfassung der Orchesterlieder nach der Kritischen Gesamtausgabe


Christiane Oelze, Sopran
Sara Fulgoni, Mezzosopran
Rudolf Schasching, Tenor
Håkan Hagegård, Bass
Königliches Concertgebouw Orchester

Ltg.: Riccardo Chailly



Urlicht mit Trübungen

Die Triennale nähert sich ihrem Ende. Nach fast sechs Wochen, in denen sich die Spitzenorchester die Klinke förmlich in die Hand gaben, sind Ermüdungserscheinungen nicht mehr zu übersehen: Beim Konzert des Amsterdamer Concertgebouw Orchesters blieben etliche Plätze leer, und einen Teil des Publikums schien es auch eher zufällig in die Philharmonie verschlagen zu haben - der Geräuschpegel war deutlich höher als sonst in Köln üblich.

Dabei standen zwei der faszinierendsten Werke der neueren Musik auf dem Programm: Ligetis Atmosphères von 1961, deren sich ständig wandelnde Klangfläche jede Erinnerung an Tonalität außer Kraft setzt und bis heute nichts von ihrer radikalen Wirkung verloren hat, und Lontano (1967). Mit diesem Werk bezieht sich Ligeti in mehrerer Hinsicht auf Gustav Mahler, der gerade in den frühen Werken eine ähnlich assoziationsreiche Musik geschrieben hat, und der mit der Erschließung der räumlichen Dimension (Fernorchester, das Posthorn in der dritten Symphonie) einige von Ligetis Ideen vorweg genommen hat. Daher ist die Gegenüberstellung von Lontano (aber auch der Atmosphères) mit den Wunderhorn-Liedern von einiger Spannung.

Frappierend ist die unterschiedliche Auffächerung des Klanges in den drei Werken des Abends: Die fahlen Clustern der Atmosphères und die (mit immenser Spannung musizierten) Farbwechsel von Lontano schärfen das Ohr für das (unter dem Dirigat von Riccardo Chailly entschlackte, mit kammermusikalischer Klarheit dargebotene) Klangbild der Mahler-Lieder. Insbesondere die Holzbläser des Concertgebouw Orchesters verfügen über eine imponierende Palette an Ausdrucksmöglichkeiten. Dabei vermeidet Chailly die grellen Effekte, nimmt den Tutti-Klang sehr zurück und setzt auf die solistischen Passagen. Es hätte ein großer Abend werden können.

So exzellent das Orchester bei den bewegteren Lieder wie der "Fischpredigt" auftrumpft und den Scherzando-Tonfall hervorragend trifft, so störend sind viele Unaufmerksamkeiten und Unarten, die in den lyrischeren Stellen (und auch zuvor bei den Atmosphères) auftreten. Viele Einsätze sind unpräzise und nicht so recht zusammen, dazu oft zu "knallig". Gelegentlich brechen lang gehaltene Töne zu früh weg, und oft immer wieder ist die Intonation nur mäßig rein (das können die Musiker zwar blitzschnell korrigieren, aber die Störung ist jedes Mal wieder da). Besonders das "Urlicht", der zentrale Ruhepunkt des Liederzyklus', wackelte erheblich.

So recht glücklich wurde man auch mit den Solisten nicht. Håkan Hagegård, der mit sieben Liedern allein die Hälfte des vokalen Programms bestritt, hat zwar eine schöne und sehr kultivierte Stimme, eine ordentliche Technik und singt durchaus intelligent, aber vom Gestus her ist er zu sehr der neutrale Erzähler: Ihm fehlt im Ausdruck etwas von der Zerrissenheit der Musik. Die besitzt auch Christiane Oelze nicht, aber ihre weiche Stimme kam immerhin den lyrischen Liedern entgegen. Leider übertreibt sie nicht nur ihre Mimik maßlos, sondern auch die Affekte der Musik: Mahlers Hintergründigkeit konnte sie mit Effekthascherei nicht erschließen. Das gelang dafür Rudolf Schasching in der furios vorgetragenen "Revelge" recht gut, allerdings kann sich Schasching nur im Fortissimo richtig frei singen, ansonsten klingt die Stimme etwas belegt. In allen Belangen überzeugen konnte nur Sara Fulgoni: Ihre vor allem in der tiefen Lage sehr volle Stimme hat ein aufregendes Vibrato, das dieser Musik sehr entgegenkommt. Das "Urlicht" hätte der absolute Höhepunkt werden können, wäre die Begleitung ähnlich konzentriert gewesen wie die Solistin.

Von Stefan Schmöe



Da capo al Fine

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