Im Rahmen der MusikTriennale Köln
Leonard Bernstein (1918 - 1990): "Mass". Konzertante Aufführung in englischer Sprache
Besetzung:
John Cashmore, Celebrant
Eda Zari, Blues-Solistin
Anke Held, Rock-Solistin
Alexander Gelhausen, Blues-Solist
Alexandre Zindel, Rock-Solist
Sarah Schlüter, Sopran
Stefanie Kunschke, Sopran
Carl Kaiser, Bass
Andreas Martin Winkler, Prediger
Knaben des Kölner Domchores
Domkapellmeister Eberhard Metternich, Einstudierung
Dresdner Kapellknaben
Matthias Liebich, Einstudierung
Solistenensemble der Hochschule für Musik Köln
Thomas Wise, Einstudierung
WDR Rundfunkorchester Köln
Helmuth Froschauer, Dirigent
Beschnittene Flower-Power-Blüte
A Theatre Piece for Singers, Players and Dancers - so lautet der Untertitel zu
Leonard Bernsteins Mass, die 1971 entstanden ist. Er bezeichnet ziemlich genau das,
was die Aufführung dieser Sumpfblüte der Flower-Power-Zeit im Konzert der Kölner Triennale
alles nicht gewesen ist. Gewiss: Man hat sich für die Kölner Philharmonie zwangsläufig auf
eine konzertante Version des Werks einigen müssen. In ihr aber fehlen neben in der szenischen
Version wichtigen Teilen ausgerechnet die berühmten Three Meditations, die drei
Meditationen, die für sich genommen beliebte Konzertstücke für Cellisten sind. Die Frage, ob
diese konzentrierte Konzertversion nun von Bernstein abgesegnet oder sogar eingerichtet worden
ist oder nicht, sei zunächst dahingestellt. Tatsache ist: Das Werk wirkt bei weitem nicht so provokant und blasphemisch wie als Theaterstück (in dem der "Celebrant" immerhin mit den heiligen Sakramenten um sich wirft und einen "Tabledance" auf dem Altar vollführt).
Schwer ist es, ein Orchester zu finden für diese Musik, die alles ist, zwölftönig, rockig,
polytonal, jazzig, avantgardistisch, blueslastig und zudem Anleihen nimmt bei Pop, Gospel und
traditionellem Kirchenchoral. Das WDR Rundfunkorchester Köln kann das wie wohl kein zweites
im Umkreis von einigen hundert Kilometern. Es scheitert ebenso wenig an der komplexen Rhythmik und den
vielen Taktwechseln wie am angemessen jazzigen Sound. Bewundernswert auch Helmuth
Froschauer, der Bernsteins Werk nüchtern und souverän auswendig dirigiert. Mit dem englischen Musicalsänger John Cashmore hat Froschauer sich für die Rolle des "Celebrant" zudem den rechten Interpreten mit Kraft und Leichtigkeit in der Stimme ausgesucht. Damit ist der Abend, der bei Bernstein-Werken oft und gerne in die Hose geht, schon einmal gerettet.
Negatives allerdings gibt es auch zu berichten: Über die leider zu verkrampften männlichen
Solisten der Hochschule für Musik in Köln etwa, die nicht so überzeugen wie die Damen. Zu
steif, zu dünn oder zu unbeweglich sind ihre Stimmen, zudem stoßen sie zu oft noch an
stimmliche Grenzen. Hier wäre ein besseres Casting (Einstudierung: Thomas Wise) vonnöten
gewesen. Sind die "Quadrophonic Tapes" Bernsteins, die aus den Lautsprechern an den Seiten der
Bühne klingen, absichtlich in so bemitleidenswerter Qualität produziert worden, oder war dies
sogar Absicht? Kann sich die Philharmonie vielleicht keine adäquaten Boxen leisten? Wir hoffen
hier Ersteres.
Am Ende des Konzerts werden Solisten, Dirigent und Orchester gefeiert. Fazit des Abends
jedoch bleibt: Es geht provokanter, bunter, agressiver, theatralischer - jedoch nur, wenn man
auf die Bühnenversion der Mass zurückgreift.
Von Markus Bruderreck