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Klassik-Rezensionen

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Montag, 10.01.2000, 20.00 Uhr, Philharmonie Köln
6. Abo-Konzert - Gürzenich-Orchester Kölner Philharmoniker


Sergej Prokofjew: Marsch B-Dur 99 für Orchester op. 99
Jean Sibelius: Konzert für Violine und Orchester d-moll op. 47
Arvo Pärt: Sinfonien Nr.1-3

Unsere Tip: David Pinkertons Arvo Pärt-Hompage

Sarah Chang, Violine

Gürzenich-Orchester Kölner Philharmoniker
James Conlon, Leitung



Kinder an die Macht!

Tumult im Orchestergraben

Von Oliver Kautny

Die Voraussetzungen waren eigentlich ideal. Die Programmauswahl für die erste Hälfte war gefällig, und als Solistin hatte man mit Sarah Chang eine Geigenvirtosin ersten Ranges gewinnen können. Die erst 18jährige Koreanerin kann bereits auf eine Bilderbuchkarriere zurückblicken. In ihrer Vita fehlt wohl kein Name von Rang aus der Klassischen Musikszene. Umso erfreulicher, daß sie jetzt mit dem Gürzenich-Orchester ein begeistert aufgenommenes Debüt in Köln geben konnte.

Sprechen die Referenzen, die zahlreichen Auszeichnungen und Preise auch für sich, mag Sarah Chang auch über eine blitzsaubere Technik verfügen, sei auch ihr künstlerisches Verve unbestritten - leise Zweifel melden sich doch.

Um es vorweg deutlich zu machen: Auch wenn sie über ein künstlerisch hohes Potential verfügt, so erschien Sarah Chang an diesem Abend als technisch hochversierte, aber in einigen Zügen noch unausgereifte Interpretin. Ihr Spiel hinterließ bei aller Fertigkeit einen mitunter oberflächlichen Eindruck. Man wurde das Gefühl nicht los, daß hier eine Menge Routine mit im Spiel war, daß Sibelius Hexenwerk ihr zu mühe- und reibungslos von der Hand ging.

Ich hoffe, diese ästhetische Wertung geht nicht vermeintlichen cross cultural misunderstandings auf den Leim. Letztlich blieb jedenfalls der Eindruck einer noch nicht - wenn wundert's bei 18 Jahren - voll integrierten Künstlerpersönlichkeit. Zwischen der relaxten Virtuosin und der jungen Wilden gilt es wohl noch zu vermitteln. Hoffentlich bleibt ihr - die ja schon die Meriten eines Superstars erntet und entsprechende Erwartungen weckt - noch genug Zeit und Ruhe, um musikalisch weiterzureifen. Zu wünschen wäre es dieser sympathischen Geigerin.

Musikalisch spannend wurde es dann im zweiten Teil des Programms. Das sah ein Teil des Abopublikums leider nicht so und quittierte die drei Symphonien aus Arvo Pärts Frühwerk mit äußerer oder innerer Emigration. Dabei hört man Pärts Symphonien viel zu selten, zumal sie sich in einer für viele völlig unerwarteten und entdeckenswerten Klangsphäre bewegen. Viele wissen nämlich nicht, daß Arvo Pärt in den 60er Jahren zur absoluten Elite der sowjetischen Avantgarde gehörte und für damalige Verhältnisse ultramodern komponierte. Seine Zwölftöner waren die ersten in der UdSSR. James Conlon machte seine Sache gut. Seinem Verdienst einer mutigen Programmgestaltung kam eine mehr als respektable Darbietung dieser schwierigen musikalischen Materie hinzu.

Geriet die Eröffnung der ersten Sinfonie noch etwas fade und schwach, so wurden die Kölner Philharmoniker von Takt zu Takt überzeugender. Man hätte sich für die erste Sinfonie dann letztlich doch ein etwas stärkeres dynamisches Profil und etwas mehr Präzision vorstellen können. Konzert und Referenzaufnahme (Neeme Järvi, BIS) miteinander zu vergleichen ist aber natürlich immer ungerecht.

Umso packender die zweite Sinfonie: Die Startschwierigkeiten waren rasch behoben, als sich aus der Symphonie mehr und mehr ein Stück Musiktheater entwickelte. Das war der reinste Kinderspaß. Da gab es an jedem Pult Quietschentchen, die den "bierernsten" Verlauf mit ihrem Geschnatter störten. Die Männer am Schlagwerk packten auch noch Pergamentpapier aus und knäulten und knisterten, das es eine Freude war - zum Ergötzen der Kinder und Musikkritiker.

Daß übrigens ein derart krasses Stück in der UdSSR überhaupt aufgeführt werden durfte, ist für uns heute noch ein Rätsel. Hier herrscht wilde Anarchie, Chaos und Improvisation. "Musik die brüllt", wie ein englischer Rezensent einmal schrieb. Furioser Höhepunkt war schließlich der Tumult, der plötzlich unter der Musikern ausbrach. Das Orchester springt von den Stühlen auf, beschimpft sich - ob dieses ausgemachten musikalischen "Blödsinns" - und geht schließlich aufeinander los. Zur Krönung läßt Pärt dieses Collagenwerk mit einem Zitat aus Tschaikowskys Album für die Jugend beschließen.

In alledem nur Pärts Verzweiflung an der Avantgarde abzulesen, halte ich für problematisch. Da gibt es schließlich auch jenen Spaßvogel Pärt, der sich zum Telefonieren eine Banane ins Ohr steckt, der 1979 vor dem Komponistenverband eine Rede mit Barockperücke gehalten hat und für seinen feinen Humor gelobt wird. Ob diese humoristische Musik letztlich nur eine Abechnung mit der Moderne ist, sei dahingestellt. Möglicherweise wurde Pärt tatsächlich bereits 1966 deutlich, daß sein Weg zum Einfachen statt zum Komplexen führen wird. Nach einem Programmheft des ORF (1981) soll er zur 2. Sinfonie gesagt haben: "Während der Arbeit an meiner Symphonie leitete mich das evangelische Wort 'Wer immer das Königreich Gottes nicht wie Kind aufnimmt, wird bestimmt nicht in das selbe gehen (Luk.18.17)'".

Die hervorragend inszenierte 3. Symphonie gibt in ihrem mittelalterlichem Duktus beredt Zeugnis von Pärts Weg zur kleinen Zahl. Wie Klaus Geitel treffend formulierte "Vorwärts Kameraden, wir müssen zurück". Und das Publikum dankte es mit (größtenteils) heftigen Applaus.

P.S.: Übrigens ein würdiges musikalisches Geburtstagsgeschenk für Pärt, der dieses Jahr 65 wird!



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