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Klavierabend Joanna MacGregor

Von Markus Bruderreck

Wie hinlänglich bekannt ist, bildet anspruchsvolle zeitgenössische Musik im Musikleben des ausgehenden 20. Jahrhunderts eher eine Randerscheinung. Auch das Programm des Klavier-Festivals Ruhr war bislang keine Ausnahme. Immerhin jedoch gab und gibt es hier auch dieses Jahr wieder verwachsene Pfade abseits der plattgetretenen Repertoire-Wege, die es sich lohnt zu beschreiten. Etwa Wege in die absolute musikalische Individualität, wie sie das Projektwochenende mit Musik von Wilhelm Killmayer und Moritz Eggert präsentierte, das am 11. Juli in Witten zuende ging. Und am 12. Juli dann gab die britische Pianistin Joanna MacGregor in Schloß Herten einen gefeierten Klavierabend, der wieder das alte Vorurteil ad absurdum führte, Zeitgenössisches hätte kein Publikum, sei ein Schrecken für den distinguierten Klaviermusik-Fan oder sei nicht dazu angetan, Säle zu füllen. Mac Gregors Konzert war ausverkauft, und das Publikum ließ sie nicht ohne drei Zugaben gehen.

MacGregors Erfolg mag im wesentlichen drei Gründe haben: ihre freundliche, aber genauso energische Persönlichkeit, die Art und Weise ihrers Spiels sowie das intelligent ausgewählte Programm mit größtenteils kraftvoll-virtuoser Musik. Für den ersten Teil des Konzerts wählt sie ein Programm aus, das französisch geprägt ist: man könnte es "Debussy und seine musikalischen Erben" überschreiben. Sie beginnt mit drei Stücken aus den "Douze Études" von Claude Debussy, "Por le cinq doigts", "Pour les arpèges composés" und "Pour les Octaves". Sie verleiht diesen Stücken Farbigkeit und Klarheit, die nur von Olivier Messiaens "Le baiser de l'Enfant-Jésus" (aus seinen "Vingt regards sur l'Enfant Jésus") übertroffen wird: Was Joanna MacGregor hier zaubert, ist zum ersten Mal atemberaubend in seiner Brillianz und Härte, den schillernden Klangfarben, zugleich aber auch in der Poesie, die sie Messiaens Stück verleiht. Toru Takemitsus zurückhaltend-schlichtes Werk "Uninterrupted Rests" (1952-59) nimmt sich dagegen wie ein meditatives Intermezzo aus. Wie auch schon bei den diesjährigen Wittener Tagen für neue Kammermusik zu beobachten war, kommt vom IRCAM in Paris Musik der größten innovatorischen Kraft. In Herten stellt Joanna MacGregor Jonathan Harveys "Tombeau de Messiaen" (1992) vor, ein Werk, in dem die Pianistin in Interaktion mit einem verstimmten "Tape piano" tritt, das von Band zugespielt wird. Dieser "Tombeau" ist nicht etwa ein ruhiges, meditatives Werk, sondern entwickelt auf der Basis Messiaenscher Modi und Harmonien extrem lautstarke Klangballungen mit dem besonderen Reiz des "Verstimmtseins". Eine aufregende Musik mit ganz eigener Klanglichkeit, vielleicht das Highlight des Abends.

Der zweite Teil des Programms stellt zunächst extrem einfache extrem komplexer Musik gegenüber. Der "Trois Gnossiennes" von Erik Satie folgen zwei Stücke aus Harrison Birtwistles "Harrison's Clocks". Die "Gnossiennes" nimmt MacGregor zwar in der gebotenen poetischen Verhaltenheit, hält sich aber auch nicht zu lange bei ihnen auf. Der Komplexität von Birtwistles Komposition ist beim ersten Hören kaum zu folgen. "Birtwistles Stücke zu spielen", bemerkt MacGregor in ihren vorzüglichen Notizen im Programmheft, "erfordert eine Art von intellektuellem und muskulärem Athletentum, das den Interpreten in Schwung hält, auch wenn er versucht, die unmöglichsten Takteinteilungen aufzulösen." Joanna MacGregor bringt dieses Athletentum zweilfellos auf. Zum Ende des Konzerts dann hat die Pianistin Jazz aufs Programm gesetzt. Die orginalen Melodie-Vorlagen von "It's only a Paper Moon" und "June is bustin' out all over" verschwinden in Django Bates' Arrangements fast vollständig hinter einer Wand von virtuoser Ornamentik und wildester (Jazz-)Harmonik. Die ganze pianistische Kraft ist schließlich in Frederic Rzewskis "Winnisboro' Cotton Mill Blues" gefragt: es gilt, Maschinengeräusche zu imitieren, größte Lautstärke zu entwicklen; Blues kommt hier nur am Rande vor. Joanna MacGregors Kraft, ihre Virtuosität, ihr Können ist auch hier wieder bewundernswert. Fazit: Ein sehr interessanter Abend mit neuen musikalischen Eindrücken abseits der ausgetretenen Pfade.




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