Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Klassik - Konzerte
Zur Homepage Klassik-Rezensionen e-mail Impressum



Freitag, 14.01.2000, 20.00 Uhr, Alte Oper Frankfurt

"The Spanish Gypsies"

The Harp Consort

Hille Perl - Viola da Gamba und Barockgitarre
Steven Player - Tanz und Barockgitarre
Andrew Lawrence-King - Barockharfe und Leitung


Alte Musik in neuen Dimensionen

Das "Harp Consort" in Frankfurt a. M.

Von Ingo Negwer

Liebe Leserinnen und Leser, mit Beginn des neuen Jahrtausends hat das Online Musik Magazin seine "Fühler" auch nach Hessen ausgestreckt. Den Auftakt unserer künftigen Aktivitäten im Frankfurter Raum bildet der folgende Bericht über ein Konzert des "Harp Consorts", das am Freitag, dem 14. Januar, im Mozart-Saal der Alten Oper vom Publikum begeistert gefeiert wurde.

Der Harfenist Andrew Lawrence-King, der zur Zeit wohl bedeutendste Interpret Alter Musik auf seinem Instrument, gründete "The Harp Consort" im Jahre 1994. Er knüpfte damit an die Tradition der gleichnamigen Ensembles am Hofe des englischen Königs Charles I. im 17. Jahrhundert an. Seinem Wesen nach ein Generalbaßensemble, ist "The Harp Consort" insbesondere dem Prinzip der Improvisation verpflichtet. Die  Kombinationen verschiedener Zupf-, Streich- und Schlaginstrumente - stets um den dominierenden Harfenklang Lawrence-Kings gruppiert - ermöglichen ein dynamisch sensibel gestaffeltes und an Klangfarben reiches, ausdrucksvolles Musizieren.

In der Alten Oper Frankfurt präsentierte "The Harp Consort" nun das Programm seiner jüngsten CD mit dem Titel "The Spanish Gypsies". Sind bei "Luz y Norte" - der Produktion, mit der das Ensemble vor nunmehr fünf Jahren erstmals internationales Aufsehen erregte - noch acht Musiker mit  über einem Dutzend verschiedenen Instrumenten mit von der Partie, so ist die Besetzung für "The Spanish Gypsies" auf ein Trio reduziert. Andrew Lawrence-King (Harfe), Steve Player (Tanz, Gitarre) und Hille Perl (Viola da Gamba, Gitarre) machten jedoch auch in dieser Formation ihre Live-Darbietung sowohl musikalisch wie darstellerisch zu einem Ereignis. Erstaunlich ist einmal mehr der - angesichts des sensiblen Klangapparats - enorme rhythmische Elan, den die Musiker auf ihren Instrumenten zu erzeugen wissen.

Unter dem Motto "The Spanish Gypsies" hat das Ensemble ein Programm mit englischen und französischen Werken zusammengestellt, in denen  Stilelemente aus  der Musik der Sinti und Roma ihren Niederschlag gefunden haben. Es handelt sich also nicht um quasi barocke "Zigeunermusik", sondern um eine Kunstmusik, die aus der Synthese des jeweiligen landestypischen Stils und einem als ungewöhnlich und fremdartig empfundenen Idiom besteht. Auf diese Weise kommt es zu reizvollen Kombinationen z. B. spanischer und keltischer Elemente, wie in John Playfords "The Spanish Jepsies". Das Spektrum der Komponisten, die in ihren Werken diesem Exotismus huldigten und folglich im Programm des "Harp Consort" vertreten waren, reicht einerseits von Anthony Holborne (ca. 1584 -1602) über Henry Purcell (1659 - 1695) bis zu dem irischen Harfenisten Turlough O'Carolan (1670 -1738) und andererseits von Louis Couperin (ca. 1626 - 1661) über den Monsieur de Sainte-Colombe bis hin zu dessen Schüler Marin Marais (166 -1728).

Jedoch war der gemeinsame "rote Faden" des Konzerts - den informativen Zwischenkommentaren Lawrence-Kings zum Trotz - nicht immer nachvollziehbar. In letzter Konsequenz mangelt es "The Spanish Gypsies" an der schlüssigen Homogenität etwa von "Luz y Norte". Es  dürfte beispielsweise auch nach mehrmaligem Hören (z.B. der CD) unklar bleiben, was  John Dowlands "The Earl of Essex' Galliard" (ursprünglich eine Version für Laute von dessen eigenem Lied "Can she excuse my wrongs?") oder Louis Couperins "Les Carillons de Paris" (Die Glocken von Paris) mit der Musik der Sinti und Roma verbindet.

Den (wenngleich loseren) Zusammenhang stiftet hier  das Prinzip der Variation als ein ursprünglich folkoristisches Element, das darüber hinaus reichliche Gelegenheiten zu weiterführenden Improvisationen bietet. Und darin ist das "Harp Consort" wieder ganz in seinem Element. Es ist gerade der stilsichere, virtuose Umgang mit den Mitteln der barocken Musizierpraxis, der es diesen Musikern ermöglicht, sich im Rahmen freier Improvisationen von den historischen Quellen zu lösen, ohne den Anspruch authentischen Musizierens aufgeben zu müssen. Gepaart mit musikantischem Spielwitz, Tanz und humorvollen darstellerischen Elementen nach Art der Commedia dell'Arte läßt "The Harp Consort" Musik vergangener Zeiten in der Tat lebendig werden. Auf diese Weise dargeboten, gelangt die historische Aufführungspraxis in neue Dimensionen.



Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Klassik Rezensionen e-mail Impressum

© 2000 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de

- Fine -