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Sonntag, 20.09.1998, 19.00 Uhr, Bochumer Universität, Audimax
Festkonzert zur Orgeleinweihung

Johann Sebastian Bach:Praeludium und Fuge Es-dur, BWV 552
Zoltan Kodály:Laudes Organi-Fantasie für Chor und Orgel
Theo Brandmüller:Appellation de profundis für Orgel, UA
Julius Reubke:Psalm 94-Große Sonate c-moll für Orgel
Felix A. Guilmant:Sinfonie Nr.1, d-moll für Orgel und Orchester

Bernhard Buttmann, Orgel
Bochumer Symphoniker
Stadtkantorei Bochum
Collegium vocale Bochum
Mitglieder des Universitätschores Bochum
Leitung: UMD Hans Jaskulsky



Audi chorum organicum

Bochumer Uni weiht Orgel der Superlative ein. Auftakt zur Orgelreihe 'Klangwelten'.

Von Oliver Kautny

Ein kleiner, schmächtiger, aber aristokratisch wirkender Mann geht durch den dunklen Saal hinauf zur strahlend erleuchteten Orgel. Am Spieltisch wirkt er fast zwergenhaft inmitten der gewaltigen Architektur. Er setzt sich und beginnt unmittelbar. In einem atemberaubenden Tempo zelebriert er Bach und spielt erregt, wie einer, den es nicht mehr hält, sich endlich mit diesem Instrument Gehör zu verschaffen.
Zurecht, denn der Organist des Abends hatte an der Disposition der erst vergangenen Donnerstag fertiggestellten Klaisorgel maßgeblichen Anteil.

Wirklich eine Orgel der Superlative: 4 Manuale mit 82 Registern, über 6100 Orgelpfeifen, eine Höhe von 14 Metern. Übrigens sah die Konzeption des Audimax schon immer eine Orgel vor. Allerdings hatten sich erst jetzt die nötigen Mäzene gefunden, die das kostspielige Projekt (2,7 Millionen) finanziell tragen konnten. Architektonisch erinnert das Instrument übrigens an seine Vorgänger in Köln (Philharmonie 1986) und Oberhausen-Lirich (1983, St. Katharina). Auch hier hatte Klais mit hellem Holz gebaut und die Orgelpfeifen z. T. auf runde (hier genauer: 8-eckige) Holz-Fassungen gebracht. Die Bochumer Orgel sprengt natürlich die Dimensionen dieser beiden Schwesterorgeln.
Für Orgelfans ist übrigens interessant, daß der erhöhte Spieltisch voll einsehbar ist. Der Organist spielt ohne Rückendeckung, man sieht also alles.

Wer aber gehofft hatte, daß diese Monsterorgel ein musikalisches Erdbeben á la Jericho hervorbrachte, wurde zunächst durch die barocke Registratur Bernhard Buttmanns gründlich desillusioniert.
Wer Bach nur aus der Kirche kennt, war vielleicht überrascht und dachte im Stillen, das opulente Präludium schon lauter gehört zu haben. Freilich ist die Akustik im Bochumer Audimax trocken. Buttmanns Registrant sprach mir gegenüber von ca. 3 Sekunden Nachhall. Und wenn dann noch 1600 Menschen auf ihren Stühlen sitzen, dann fängt es quasi an zu stauben - von Hall kann da keine Rede mehr sein. Aber etwas Positives hat das ja auch, wenn man bei so verhaltenen aber glasklaren Klangverhältnissen endlich einmal hört, was da polyphonisch so alles passiert.

Kodálys Lob der Orgel zeigte wiederum ganz andere Facetten der Orgel, die klangfarbenverspielt mit dem Chor um die Wette dialogisierte. Ein fabelhaftes Stück für eine Orgelweihe, da es unter der Instruktion des Chores buchstäblich die Orgel zum Klingen bringt. Man sollte nämlich den Text des Werkes beim Wort nehmen: "Audi chorum organicum...Hört dem Chor der Pfeifen zu...".

Für mich markierte die Uraufführung von Theo Brandmüllers Appellation de Profundis den musikalischen Höhepunkt des Abends. Das eigens für diesen Anlaß komponierte Werk wurde durch seine musikalische Struktur zum Hörkrimi. Der ungeheure Reiz ging von der Gegensätzlichkeit zweier musikalischer Prinzipien aus, die Brandmüller kunstvoll ineinander fügt: Klanglinien und -flächen stellt er gegen perkussive (appellative?!) Elemente. Plötzlich schafft er meditative Räume für psalmodierende Flötenregister, um sie jäh durch pochende Cluster zu stören. Grandios ist der Schluß, in dem die polare Struktur sich im Diskant vollendet: hier bleiben nur noch zwei Töne: ein ruhender und ein pochender.

Das romantische Finale des Konzertes zog wörtlich alle Register. Da ließ das satte Klangvolumen doch manchen Skeptiker seine Einwände, ob "das denn sein mußte, so viel Geld für eine Orgel, ausgerechnet in diesen Zeiten", für einen Augenblick vergessen. Die Orgel ist also nicht nur groß, sondern auch wirklich laut!
Aber im Ernst: Buttmann präsentierte sich als Virtuose Lisztscher Manier und entzauberte die technisch sehr anspruchsvolle Reubkesonate im Handstreich.
Auch die Guilmantsinfonie mit Orchester gelang ansprechend und löste im Auditorium Begeisterung aus.

Ein Lob zum Schluß für die ausgezeichnete Programmgestaltung, die für die nachfolgende Orgelreihe 'Klangwelten' (4.10., 8.11., 20.12 1998, 10.1., 14.2., 14.3. und 15.4.1999) einiges erwarten läßt.



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