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Sonntag, 05.09.1999, Jahrhunderthalle Bochum
Sonderkonzert

Heiner Goebbels:Surrogate Cities (1993/94)

Jocelyn B. Smith, Mezzosopran
David Moss, Stimme
Jonathan Eaton, Regie
Wolfgang Zoubek, Licht
Bochumer Symphoniker
Steven Sloane, Leitung



Fortsetzung des Konzertzyklus "Durch alle Zeit..."

"JahrhundertKlänge" 2: Texte wie Straßenzüge, Musik wie Wolkenkratzer

Von Markus Bruderreck

Wie zeichnet man als Komponist ein musikalisches Portrait einer Stadt, oder der Stadt an sich? Reicht der subjektive, der wertende Blick hier aus, kann man mit althergebrachten Formschemata arbeiten? Heiner Goebbels jedenfalls versucht einen distanzierten und objektiven Blick auf die Stadt, ohne jedoch seine kompositorische Aufgabe an collagierte O-Ton-Klanglichkeit abzugeben. Ungewöhnlich und einleuchtend ist sein kompositorisches Konzept, und im gefeierten Bochumer Konzert in der Jahrhunderthalle wurde es musikalisch beispielhaft umgesetzt.

Sei es nun absichtlich oder unbeabsichtigt: Die in der Jahrunderthalle Bochum präsentierte Musik paßt zum Ambiente des umfunktionierten riesigen Industriedenkmals. Schon das Konzert unter der Leitung von John Adams zwei Tage zuvor brachte mit seinen massiven Klangmassen und der Wiederholungstendenz der von Minimal-Music geprägten Werke Geräusche wie von Maschinen und Betriebsamkeit in das Langschiff der Industriekathedrale zurück. Diesmal paßte wiederum die Monumentalität der Musik zur Monumentalität des Ortes.
Heiner Goebbels' Werk also, eine Auftragskomposition der Frankfurt Feste, setzt sich aus mehreren Einzelwerken, aus einzelnen Blöcken zusammen. Als Material verwendet er Texte von Paul Auster, Heiner Müller und Hugo Hamilton, reagiert auf Texte von Franz Kafka und Italo Calvino; und das scheint hier wichtig: Die Texte sind für Goebbels vornehmlich Material mit einer Struktur, die er sichtbar machen will. Es wird hier nicht interpretiert, ausgedeutet und subjektiviert, sondern nur nebeneinandergestellt und Umrisse nachgezeichnet. Diese Herangehensweise prägt auch die Einzelblöcke der Musik: Wie Wolkenkratzer, wie höchst verschiedene Bauten einer Stadt stehen nicht nur die Texte, sondern auch die Musiken nebeneinander und vervollständigen das Bild zum Portrait einer Stadt. Dazu kommt Goebbels blockhaftes Komponieren: Schon in "D & C", dem ersten instrumentalen Teil von "Surrogate Cities", wiederholen sich monolithisch die Strukturen, es gibt wenig Kontrapunktisches, viel kraftvoll gezeichnetes Unisono. Zur Struktur dieses Teils äußert sich Goebbels wie folgt: "D & C für großes Orchester sind akustische Bauten, kein illustrativ belebtes Städtebild, sondern deren strukturelles Rückenmark: Ecken, Pfeiler, Wände, Schwellen, Fassaden."

Der nächste Teil: "In the Country of Last Things", gesprochen von David Moss in schwindelnder Höhe auf dem Vorbau eines Krans. Der Wechsel der Einzelwerke wird angezeigt durch Farbwechsel in der Beleuchtung, er betont aber auch die Beziehungslosigkeit der Einzelteile, evoziert vielleicht den Gedanken an die Beleuchtung von Wolkenkratzern. Einige Meter über der Bühne: Ein stählerner Laufsteg, der später David Moss und einigen Schlagzeugern der Bochumer Symphoniker als Bühne dient. Die Fenster hinter dem Orchesterpodium werden zudem von hinten mit Scheinwerfern in verschiedenen Mustern und Farben angestrahlt. David Moss, der inzwischen international bekannte Performancekünstler, erhält natürlich reichlich Gelegenheit, zu improvisieren, sein Können zu beweisen, etwa im folgenden Teil "Die Faust im Wappen" auf einen Text von Kafka, bei dem es um den Turmbau zu Babel geht. Es folgt die zehnsätzige "Suite für Sampler und Orchester": Städtische O-Töne und Klänge vermischen sich mit genuin Komponiertem. Insgesamt orientiert sich dieser Teil an der Satzfolge der barocken Suite. In der "Allemande" erscheint ein Scarlatti-Zitat (Untertitel des Stückes: Les Ruines!), die "Chaconne" präsentiert gesampelten Gesang jüdischer Kantoren, süßlich, fast kitschig wirkend. In der abschließenden "Air" verbindet Goebbels seine Musik mit Kompressionsgeräuschen.

Heiner Goebbels hat keine Berührungsängste, was U-Musik betrifft: Schlagzeuggruppen im Orchester beweisen es, und bekannte repetitive Muster tauchen auf. Tonal oder nicht tonal: Das ist für ihn keine Frage mehr. In den folgenden "Drei Horatier-Songs", nach einem Text von Heiner Müller (und im übrigen wie alle Texte englisch gesungen), wird seine Musik "musicallike" und "songhaft". Hier schlägt die Stunde von Jocelyn B. Smith, der New Yorker Soul- und Jazzinterpretin, deren Auftritt mit einem Extraapplaus bedacht wird. Für den folgenden Teil "Die Städte und die Toten 4/Argia", inspiriert durch einen Text von Calvino über die unterirdische Stadt Argia, verläßt eine Blechbläsergruppe das Orchester und formiert sich hinter dem Publikum: Ein dumpfes Ostinato entfaltet sich, die bizarre Bedrohlichkeit, die aus dem Text spricht, wird kongenial umgesetzt. Schluß von "Surrogate Cities" ist Hugo Hamiltons Text "Surrogate", vorgetragen und improvisiert von David Moss: Die flackernde Hektik des Textes wird - fast in einer Disco - von hektischem Beleuchtungswechsel illustriert.
Man weiß es immer nicht: Sind "Standing Ovations" am Ende eines Konzertes ernstgemeinte Huldigungen, oder steht das Publikum auf, weil es nicht mehr sitzten kann? Auch am Ende von "Surrogate Cities" muß diese Frage offen bleiben. Die Bestuhlung jedenfalls war hart und die Sitzflächen der Klappstühle schmal. Verdient hat das Bochumer Orchester unter Steven Sloane, das diesmal komplett elektronisch verstärkt sich mit den Samplerklängen mischte, eine solche Huldigung allemal. Wieder also ein außergewöhnliches musikalisches Ereignis, das sich in die Folge der denkwürdigen Konzertereignisse in Bochum einreihen kann.




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