Online Klassik - Rezensionen
Homepage zurück e-mail Impressum



Freitag, 7.5.1999, 20.00 Uhr, Auditorium Maximum, Universität Bochum

Mauricio Kagel:
Szenario für Streichorchester und Tonband
Ein Brief - Konzertszene für Mezzosopran und Orchester
Les Idées fixes - Rondo für Orchester
Opus 1.991

Kagel dirigiert Kagel: Konzert der Bochumer Symphoniker

von Markus Bruderreck

Der 1931 in Buenos Aires geborene Mauricio Kagel ist ohne Zweifel einer der angesehensten und bekanntesten zeitgenössischen Komponisten unserer Zeit. Um so mehr verwundert es, wenn eine solche Größe vor vielen leeren Plätzen dirigieren muß, wie es am Abend des 7. Mai im Auditorium Maximum der Ruhr-Universität in Bochum der Fall war; eine nicht unwesentliche Mitschuld an hieran hatte wohl die milde Witterung. Die Bochumer Symphoniker veranstalteten unter dem Titel "Ein Abend mit Mauricio Kagel" ein Konzert mit Orchesterwerken, das einen Querschnitt aus Kagels Schaffen der achtziger Jahre präsentierte.

Kagels Musik ist wesentlich geprägt durch den Willen zur Kommunikation mit dem Zuhörer und der Auseinandersetzung mit der musikalischen Tradition - beide Elemente machen seine Musik greifbar, plastisch und nachvollziehbar. Hierzu kommt zumeist Doppelbödigkeit und Sinn für Humor: Ein Augenzwinkern, daß in der neuen Musik höchst selten zu finden ist.
1981/82 hat Kagel für den surrealistischen Film "Le chien andalou" (1928) von Luis Bunuel und Salvador Dalí Musik komponiert und unter dem Titel "Szenario für Streichorchester und Tonband" konzerttauglich gemacht. Ein Lautsprecher wird in der Mitte der Streicher plaziert und an bestimmten Stellen werden Hundelaute eingespielt: Heulen, Hecheln, Winseln, Bellen und Knurren. Über dem Stück schwebt eine geheimnisvoll-bedrohliche Stimmung, in der aber auch beständig Ironie mitschwingt. Zudem werden die Streicher auch "artfremd" eingesetzt, indem die Musiker oftmals mehr auf ihren Instrumenten klopfen als streichen.

Von ähnlicher Prägnanz und Dichte ist ein Werk Kagels aus den Jahren 1985/86: "Ein Brief - Konzertszene für Mezzosopran und Orchester". Hier kommt ein weiteres Element in Spiel, für das Kagel bekannt ist: das Szenische. Auf einem Roten Sessel neben dem Dirigenten sitzt die Mezzosopranistin - an diesem Abend ist es Klara Csordas-Witt - und liest einen Brief, den sie soeben erhalten hat. Kagel läßt sie jedoch nur zwei Worte sprechen: "Meine Liebe...". Der übrige, wohl unangenehme, wenn nicht gar tragische Inhalt wird zum einen durch Musik, zum anderen durch Gesten und Körperhaltungen der Solistin dargestellt, die fortan nur noch Vokalisen zu singen hat. Klara Csordas-Witt hat zwar die stimmlichen Qualitäten für diesen Part, ihre schauspielischen Qualitäten jedoch bleibt sie weitestgehend schuldig. Erheiternd sind Kagels ironische Effekte in diesem Werk, wie beispielsweise das langsame Zerreißen von Papier oder der berühmte Holzhammer, der in Gustav Mahlers 6. Sinfonie den Schicksalsschlag bedeutete und hier ironisch auf den Briefinhalt bezogen ist.

Vielleicht ist Kagel in seinen großen Orchesterwerken am angreifbarsten. Wer bei dem Titel "Les Idées fixes - Rondo für Orchester", 1988/89 entstanden, an Berlioz' "Symphonie fantastique" denkt, liegt richtig. Grundlage des Werkes ist tatsächlich zum einen ein Thema, das wie bei Berlioz variiert wird und immer wieder auftaucht, zum anderen ist es die klassische Rondoform. "Opus 1.991" (1990), im Untertitel "Konzertstück" genannt, versteht sich - laut Programmhefttext von Stefan Drees - als "bissiger Kommentar zur Kommunikationslosigkeit unserer Zeit". Konzertieren meine hier "leeres Gerede ohne Sinn", "Streit und Rechthaberei". Nachvollziehbar ist ein solcher kritischer Ansatz hier allerdings weniger: Im polyphonen Stimmengewebe und im luziden, üppigen Orchestersatz geht Kagels Bissigkeit etwas verloren. Die Akustik im Audi-Max tut dabei leider ihr übriges, um den Klang zu verwischen, ihn in einen halligen Brei zu verwandeln.

Komponisten müssen nicht immer auch gute Interpreten ihrer eigenen Musik sein. Kagel wirkt beim Dirigieren etwas steif, und die Symphoniker spielen seine Musik oftmals mehr vor sich hin als daß ihnen wirklich klar wäre, was sie gerade tun. Die Musik hat hier offensichtlich noch nicht die Ebene der Technik verlassen. Die Bochumer Symphoniker schlagen sich zwar wacker, können der Komplexität der Werke jedoch nicht immer Herr werden.




impressum zurück e-mail Impressum
©1999 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de