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Bayreuther Festspiele 2021

Immer noch Loge

Oper von Gordon Kampe
nach einen Text von Paulus Hochgatterer
Auftragswerk der Bayreuther Festspiele
im Rahmen von Diskurs Bayreuth: Ring 20.21


in deutscher Sprache

Uraufführung am 29. Juli 2021, Park des Festspielhauses in Bayreuth


Aufführungsdauer: ca. 1h (keine Pause)


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Bayreuther Festspiele
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Immer ist Undank Loges Lohn

Von Roberto Becker, Fotos: © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath


Katharina Wagner dürfte froh gewesen sein, dass sie ihre Reihe "Diskurs Bayreuth" etabliert hat. Die bot nämlich einen hinreichend flexiblen Rahmen, um den coronabedingt von 2020 auf 2022 verschobenen neuen Ring sozusagen an einem Tag dem Publikum in Erinnerung zu bringen. Als clevere Kombination aus vier Teilen unterschiedlichster Art. Unter der Überschrift "Ring 20.21" erlebte zunächst um 11.00 Uhr die eigens in Auftrag gegebene Oper Immer noch Loge von Gordon Kampe ihre Uraufführung am abgegrenzten Teich unten im Park vor dem Festspielhaus.

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Immer noch Loge (Fotos © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath)

Auf der anderen Seite der wie in den letzen Jahren auch schon für PKWs gesperrten Zufahrt zum Festspielhaus vertrat die Installation von Chiharu Shiota The Thread of Fate gleichsam mit den Schicksalsfäden nun die Götterdämmerung. Wenn man den Zeitraum vom 29. Juli bis 25. August, in dem sie dort besichtigt werden kann, mal als Aufführungsdauer nimmt, dann kann diese genauso gut im Vorübergehen zu absolvierende thematische Großskulptur sowohl als die kürzeste als auch längste Götterdämmerung der Geschichte gelten, die es je gab. Kurz vor 16.00 Uhr riefen die Bläser vom Balkon dann zur Walküre, die parallel zu einer Malaktion des Wiener Aktionisten Altmeisters Hermann Nitsch so gut wie konzertant im Festspielhaus gegeben wurde. In der ersten und zweiten Pause und nach der Vorstellung konnte man dann nach vorheriger Anmeldung der Aufforderung "Sei Siegfried" folgen und an einem Stehpult mit 3D-Brille im Festspielhaus mit einem fiktiven Schwert in der Hand einen Drachen wie aus dem Märchenbuch erlegen. Was natürlich nicht wirklich interaktiv war - das Monster verröchelte im Abgrund des Hauses in jedem Falle. Jay Scheib gab mit diesem siebenminütigen Spektakel einen Vorgeschmack auf das, was 2023 in seiner Parsifal- Inszenierung die Bühne ergänzen soll.


Vergrößerung in neuem Fenster Immer noch Loge (Fotos © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath)

Die Idee zu diesem Ring20.21-Tag war gut und funktionierte, da das Wetter mitspielte. Er begann am Vormittag mit einem Prozess, der gegen Loge angestrengt wird. Die 200 zugelassenen Zuschauer sind auf Klappstühlen (und auch im Freien mit FFP2-Maske - wir sind in Bayern!) mit dem Rücken zum Festspielhaus am Teich verteilt. Auf der stadtseitigen Seite des Teiches sind die sieben Musiker postiert - die Lautsprecher-Anlage daneben macht schon rein optisch einiges her. Die drei singenden Protagonisten, die Sopranistin Daniela Köhler, Altistin Stephanie Houtzeel und Bariton Günter Haumer, stehen in Konzertrobe zunächst links von den Musikern. (Die beiden Damen sind dann als Waltraute und als Helmwige auch bei der Walküre mit von der Partie.) Puppenführer Nikolaus Habjan und seine gewaltige Klappmaul-Erda im Rollstuhl sind zunächst am oberen Ende eines Steges auszumachen und werden sich später, samt der ihre Stimme leihenden Stephanie Houtzeel, bis ans Wasser heranwagen. Dort ist Loge zunächst unsichtbar in einer Art Sarg gefangen, der mit einer Wagnerfahne bedeckt ist.

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Immer noch Loge (Fotos © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath)

Im Wasser befinden sich zwei lebende Rheintöchter-Double, die die Dritte als Puppe im Schlepptau haben, wenn sie durch die nicht sehr frisch wirkende Brühe waten. Es ist ein Effekt der besonderen Art, wenn Daniela Köhler mit ihrer langen schwarzen Abendrobe da hinein steigt, um ihrem Puppendouble nah zu sein. Auch Loge hat kein Problem, in seinem schwarzen Konzertsaalzwirn ins Wasser zu gehen. Als Regiezutaten brauchen Habjan und sein Ausstatter Julius Theodor Semmelmann nur noch etwas wabernden Nebel und einen Es-Brummton, der von Ferne an den Rheingold-Beginn erinnert; und ein merkwürdiger Prozess nimmt seinen Lauf.


Vergrößerung in neuem Fenster Immer noch Loge (Fotos © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath)

Wir befinden uns in der Zeit nach dem großen Weltenbrand. Die Löscharbeiten sind fast abgeschlossen. Überlebt haben offensichtlich nur die drei Rheintöchter, Erda und eben jener Feuergott, dem die Urmutter nun den Prozess macht. Was sich der Österreicher Paulus Hochgatterer da ausgedacht hat, ist schon ziemlich schräg. Die Anklage folgt hier dem Motto, dass man die Kleinen hängt, während die Großen sich davon gemacht haben. Auf dieser imaginären Anklagebank müssten ja eigentlich auch die Götter, ihre nächtlichen Gegenspieler und irgendwie auch Brünnhilde Platz nehmen. Die sind aber zu Asche geworden, also muss Loge ran. Dass er am Ende mittels Sprengstoffgürtel in Flammen aufgehen soll, ist, wenn man seine flammende Natur bedenkt, eher eine Fluchtmöglichkeit für ihn als die ultimative Bestrafung für etwas, bei dem er nur ein Helfershelfer war. Die drei Sänger haben allerhand Text zu bewältigen - manchmal gibt es für den eingeweihten Hörer hübsche Aha-Effekte.

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Virtueller Drache im Festspielhaus: Sei Siegfried (Foto © Bayreuther Festspiele / Sunhi Mang /Chiharu Shiota / VG Bildkunst, Bonn)

"Götterburgengrößenwahn. Gemeiner Frauenverkauf. Insolvenzverschleppung, die nur durch Betrug und Raub erzielt werden kann. .. Anstiftung zu Diebstahl, Erpressung, Totschlag." Was Erda hier aufzählt, trifft einen Teil des Rings, aber trifft es auch Loge? Am Ende sagt die zweite Rheintochter mit Blick auf Erda "Sie lächelt. Seht ihr sie lächeln?" Klingt nach Isolde - aber ein postapokalyptischer Liebestod? Und ein Lächeln im Angesicht des Nichts? Wer weiß. Wirklich allwissend, war Erda ja nie.


Vergrößerung in neuem Fenster Der Schicksalsfaden aus Götterdämmerung: The Thread of Fate (Foto © Bayreuther Festspiele / Jay Scheib)

Die Musik zu diesem Kreisen der Gedanken über den Trümmern der Welt ist weit genug von Wagner entfernt, um nicht in platte Vergleichsnähe zu geraten. Die hier immer mal aufblitzenden Zitate machen Spaß. Die Musik zwischen begleitendem Parlando und großer Geste hat ihren Reiz, vermag zu unterhalten. Dass der Puppenbauer und -spieler Habjan ein Meister seines Faches ist, wusste man schon. Er hat die Szenen am Teich im Griff. Und dem besonderen Ring-Tag einen aparten Auftakt verschafft.


FAZIT

Diese Open-Air-Novität vor dem Festspielhaus passte zu diesem sehr speziellen Ring 20.21. Ob er auch in einem anderen Kontext überlebensfähig ist, müsste man ausprobieren.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Gordon Kampe

Regie
Nikolaus Habjan

Bühne und Kostüme
Julius Theodor Semmelmann

Puppenbau
Nikolaus Habjan
Marianne Meinl

Instrumentalensemble:
Christoph Spehr (Violoncello)
Thomas Strey (Kontrabass)
Ege Banaz (Klarinette / Bassklarinette)
Norbert Pförtsch-Eckels (Horn)
Matthias Müller (Trompete)
Jonathan Nuss (Posaune)
Francisco Manuel Rodriguez (Schlagzeug)


Solisten

Rheintochter 1
Daniela Köhler

Erda / Rheintochter 2
Stephanie Houtzeel

Loge / Rheintochter 3
Günter Haumer

Puppenspiel
Nikolaus Habjan
Clara Rybaczek
Stefan Q. Eberhard





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