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Tiroler Festspiele Erl Sommer

05.07.2018 - 29.07.2018


Ermione

Azione tragica in zwei Akten
Libretto von Andrea Leone Tottola nach Jean Racines Andromaque
Musik von Gioacchino Rossini

In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2 h 50' (eine Pause)

Premiere im Festspielhaus am 6. Juli 2018

 

 

 

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Fragwürdiges Spiel mit Puppen

Von Thomas Molke / Fotos: Xiomara Bender (TFE Presse)

Auch wenn Rossini seine Oper Ermione als seinen "kleinen Guillaume Tell auf Italienisch" bezeichnet haben soll, gehört dieses Werk zu den unbekanntesten Stücken des Schwans von Pesaro und ist auch heute noch eine absolute Rarität, die so gut wie nie auf dem Spielplan steht. Die Uraufführung am 27. März 1819 im Teatro San Carlo in Neapel war einer der größten Misserfolge in Rossinis Schaffen, obwohl dies keineswegs an der Qualität der Komposition lag. Rossini verabschiedete sich in diesem Werk auf weiten Strecken von der gängigen Struktur der Belcanto-Oper, fügte zahlreiche deklamierende Passagen ein, mit denen beispielsweise auch die Arien unterbrochen wurden, und zeigte sich mit den zahlreichen düsteren Passagen als Vorbote eines tragischen Stils, für den das damalige Publikum einfach noch nicht bereit war. Musikalisch klingt hier bereits an, was er später im Guillaume Tell perfektionieren sollte, und er behielt Recht mit der von ihm geäußerten Vermutung, dass das Werk bis zu seinem Tod nicht noch einmal aufgeführt werde. 168 Jahre sollte es dauern, bis die Oper erstmals nach der Uraufführung beim Rossini Opera Festival in Pesaro wieder gespielt wurde. Am Dirigentenpult stand damals Gustav Kuhn. So verwundert es nicht, dass Kuhn als künstlerischer Leiter der Tiroler Festspiele Erl nach mehreren Beschäftigungen mit Rossinis Opernschaffen dieses Werk nun auch in Erl präsentiert.

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Pirro (Ferdinand von Bothmer) weist Ermione (Maria Radoeva) zurück.

Das Libretto basiert auf Jean Racines Tragödie Andromaque und behandelt eine mythologische Episode aus dem Sagenkreis um den Trojanischen Krieg. In der Oper ist Troja bereits gefallen, und Pirro (Pyrrhus), der Sohn des griechischen Helden Achill, hat Hektors Ehefrau Andromaca (Andromache) mit ihrem Sohn Astianatte (Astyanax) als Kriegsbeute mit nach Buthrote in Epirus gebracht. Dabei hat er sich in Andromaca verliebt und möchte sie heiraten, obwohl er bereits Ermione, der Tochter des Menelaos und der schönen Helena, die Ehe versprochen hat. Diese ist wild entschlossen, Pirros Liebe zurückzugewinnen. Dafür instrumentalisiert sie unter anderem Oreste (Orest), den Sohn des Agamemnon, der einerseits unsterblich in sie verliebt ist und andererseits überwachen soll, das Hektors Sohn in Buthrote geopfert wird. Als sich Andromaca zum Schein bereit erklärt, Pirros Frau zu werden, um dadurch ihren Sohn vor dem Opfertod zu bewahren, stachelt Ermione Oreste an, Pirro zu erdolchen. Nachdem Oreste aufgebrochen ist, um ihren Auftrag umzusetzen, bereut sie allerdings ihren Plan, kann die Ausführung allerdings nicht mehr verhindern. Folglich beschimpft sie Oreste als Mörder, als dieser ihr von Pirros Tod berichtet. Oreste erkennt, dass Ermione ihn nie geliebt und lediglich benutzt hat. Ermione ihrerseits will mit ihren Schuldgefühlen nicht weiterleben. So bleibt für beide nur der Tod als Ausweg.

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Andromaca (Svetlana Kotina) mit Astianatte als Puppe, die übrigen Puppen auf dem Boden bleiben ein Rätsel.

Für die Inszenierung zeichnet wie im Vorjahr bei Rossinis Semiramide die Künstlergruppe "Furore di Montegral" verantwortlich, hinter der sich in diesem Jahr Peter Hans Felzmann (Bühnenbild) und Karin Waltenberger (Kostüme) verbergen. Was die Gruppe mit ihrem Regie-Ansatz aber bezweckt, wird nur bedingt verständlich. Zu Beginn der Oper betritt Andromaca mit mehreren relativ abstrakt gehaltenen weißen Stoffpuppen die Bühne, die mit einigen antik anmutenden Säulenköpfen einen Bezug zur mythologischen Handlung andeutet. Nachdem Andromaca die Puppen abgelegt hat, wählt sie eine davon aus, die sie im folgenden permanent in einer Tasche bei sich trägt. Man kann vermuten, dass es sich dabei um ihren Sohn Astianatte handelt, um den ihre sämtlichen Entscheidungen kreisen. Wieso alle anderen Darsteller jedoch ebenfalls mit einer Puppe und einer Umhängetasche auftreten, in der sie die Puppe aufbewahren, wenn sie sie nicht gerade ansingen oder zur Kommunikation mit den anderen Figuren des Stückes verwenden, erschließt sich nicht. Sollen die Puppen ein Alter Ego der jeweiligen Figur darstellen, weil sie sich farblich den Kostümen des sie tragenden Charakters annähern? Soll damit zum Ausdruck gebracht werden, dass die Figuren heftigen Stimmungswechseln unterliegen und nicht ihrer eigenen Ratio folgen? Das würde nur auf Ermione und Pirro zutreffen, die ständig ihre getroffenen Entscheidungen revidieren. Stellt es das Spiel um Astianatte dar, der ja in gewisser Weise nicht nur Andromacas Aktionen motiviert, sondern auch die anderen Figuren beeinflusst? Wirklich schlüssig ist das alles nicht.

Der von Olga Yanum einstudierte Chor tritt wie in einer antiken Tragödie kommentierend in Erscheinung. Während der Ouvertüre kommen die Herren des Chors aus dem Orchestergraben und beklagen Trojas Fall. Auch die Damen des Chors treten in der zweiten Szene des ersten Aktes als Ermiones Amazonengefolge aus dem Orchestergraben auf. Dabei führen sie alle ein abstraktes weißes Geweih mit sich, was sie wohl als Dienerin der Göttin Diana (Artemis) auszeichnen soll. Die Kostüme von Karin Waltenberger sind aufwendig gestaltet, dabei aber recht abstrakt gehalten. Erwähnenswert ist Ermiones feuerroter Rock, in den sie sich im zweiten Akt in einer Art Blutrausch einhüllt, wenn sie Oreste mit der Ermordung Pirros beauftragt hat, und den sie wie eine lange Schleppe hinter sich herzieht. Andromaca hebt sich hingegen durch unschuldiges Weiß von der rachsüchtigen Titelfigur ab.

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Ermione (Maria Radoeva) rast vor Wut und will sich an Pirro rächen.

Musikalisch weist die Oper einige durchaus charakteristische Merkmale für Rossinis Stil aus, wirkt aber wesentlich düsterer als Rossinis restliche Seria-Opern dieser Zeit, was vielleicht erklärt, wieso das Werk bei der Uraufführung floppte. Aus heutiger Sicht kann man es durchaus als ein Meisterwerk bezeichnen, das wesentlich mehr Aufmerksamkeit verdient, als dem Stück zuteil wird. Für die Figuren hält es anspruchsvolle Arien bereit, die deutlich von dem dreiteiligen Schema der damaligen Zeit abweichen und damit Rossini von einer ganz anderen Seite zeigen, als man ihn aus seinem Barbiere oder seiner Cenerentola kennt. Wie im Vorjahr bei Semiramide begeistert auch in diesem Jahr Maria Radoeva mit stimmlichen Höchstleistungen in der Titelpartie. Hervorzuheben ist vor allem ihre große Szene im zweiten Akt, wenn Ermione mit dem Mordauftrag immer mehr die Kontrolle über ihre eigenen Gefühle verliert. Zunächst ist sie so verletzt über Pirros Verhalten, dass sie relativ kaltblütig seine Ermordung anordnet, dabei Oreste gegenüber absolut herzlos auftritt. Mit gestochen scharfen Koloraturen und großartiger Dramatik arbeitet Radoeva diese Wut glaubhaft heraus. Wenn sie dann das Ausmaß ihres Befehls erkennt, schlägt sie sehr verzweifelte und gebrochene Töne an. Diese ganze Bandbreite der Gefühle wird von Radoeva mit intensivem Spiel und glänzendem Sopran herausgearbeitet. Svetlana Kotina stellt mit ihrem samtigen Mezzo als Andromaca einen großartigen Gegenpart dar. Mit warmer Mittellage bringt sie ihre Muttergefühle wunderbar zum Ausdruck, findet für die verzweifelten Momente sehr leise Töne, kann aber auch mit dramatischen Höhen auftrumpfen.

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Andromaca (Svetlana Kotina, links) willigt zum Schein ein, Pirro (Ferdinand von Bothmer, vorne Mitte) zu heiraten, um ihren Sohn Astianatte (Puppe) zu retten (auf der linken Seite: Pilade (Hui Jin) und Oreste (Iurie Ciobanu), auf der rechten Seite von links: Fenicio (Giovanni Battista Parodi), Ermione (Maria Radoeva) und Attalo (Giorgio Valenta), im Hintergrund der Chor).

Mit gleich drei anspruchsvollen Tenorrollen dürfte klar sein, dass das Werk für kleinere Häuser nicht leicht zu besetzen ist. Jurie Ciobanu verfügt als Oreste über große Strahlkraft in den Höhen und zeigt sich in den halsbrecherischen Läufen sehr beweglich. Den Mord an Pirro vollzieht er anders als im Libretto auf der Bühne und ersticht sich dort nach Ermiones Selbstmord ebenfalls. Hui Jin glänzt als Orestes Freund Pilade nicht nur mit leuchtendem Tenor, sondern lässt vermuten, dass er eine gleichrangige Alternativbesetzung für die Partie des Oreste ist. Ferdinand von Bothmer hat als Pirro in den extremen Höhen leichte Probleme und zeigt sich auch in den schnellen Läufen nicht ganz so beweglich. Dennoch überzeugt er in der anspruchsvollen Partie mit intensivem Spiel und kräftigem Tenor. Auch die kleineren Partien sind mit Giovanni Battista Parodi als Pirros Erzieher und Vertrauter Fenicio, Giorgio Valenta als Pirros Diener Attalo, Maria Novella Malfatti als Ermiones Vertraute Cleone und Alena Sautier als Andromacas Dienerin Cefisa gut besetzt. Die Chorakademie der Tiroler Festspiele Erl präsentiert sich stimmgewaltig, und Gustav Kuhn arbeitet mit dem Orchester der Tiroler Festspiele Erl die zahlreichen Schattierungen der Partitur differenziert heraus, so dass es für alle Beteiligten am Ende großen Applaus gibt. Nur beim Regie-Team wird der Applaus ein wenig verhaltener, da hier nicht jeder Ansatz überzeugen kann.

FAZIT

Rossinis Ermione wird auch heute noch zu Unrecht vernachlässigt. Es bleibt zu hoffen, dass diese Aufführung dazu beiträgt, dem Werk etwas mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Gustav Kuhn

Regie und Licht
Furore di Montegral

Bühnenbild
Peter Hans Felzmann

Kostüme
Karin Waltenberger

Chor
Olga Yanum

 

Orchester und Chorakademie der
Tiroler Festspiele Erl


Solisten

*Premierenbesetzung

Ermione
*Maria Radoeva /
Filomena Fittibaldi /
Sabine Revault d'Allonnes

Andromaca
*Svetlana Kotina /
Alena Sautier

Pirro
*Ferdinand von Bothmer /
György Hanczar

Oreste
*Jurie Ciobanu /
Hui Jin

Pilade
*Hui Jin /
Biao Li

Fenicio
*Giovanni Battista Parodi /
Nicola Ziccardi

Cleone
*Maria Novella Malfatti /
Filomena Fittibaldi

Cefisa
*Alena Sautier /
Sabine Revault d'Alonnes

Attalo
Giorgio Valenta

 


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