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Musikfestspiele
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Internationale Händel-Festspiele Göttingen
05.05.2016 - 16.05.2016

Berenice

Dramma per musica in drei Akten (HWV 38)
Libretto nach Antonio Salvi
Musik von Georg Friedrich Händel

In italienischer Sprache

Aufführungsdauer: ca. 3 h 15' (zwei Pausen)

Konzertante Aufführung in der Stadthalle Göttingen am 7. Mai 2016

 

 

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Liebe gegen Staatsräson

Von Thomas Molke / Fotos: © Peter Heller

Die Uraufführung von Händels Berenice, Regina d'Egitto am 18. Mai 1737 in Covent Garden stand unter keinem guten Stern. Zum einen schien der drohende finanzielle Ruin unausweichlich, da es nicht nur mit der "Opera of the Nobility" seit drei Jahren ein Konkurrenzunternehmen gab, das mit Händel um die Gunst des Publikums buhlte, sondern auch das Interesse an der Opera seria immer mehr nachließ. Zum anderen konnte Händel aus gesundheitlichen Gründen die Premiere nicht selbst dirigieren, da er sich noch nicht ausreichend von seinem Schlaganfall im April erholt hatte. Hinzu kam eine absolut verworrene und schwer nachvollziehbare Handlung, so dass das Werk nach nur vier Vorstellungen vom Spielplan verschwand. Auch eine Wiederaufnahme in Deutschland konnte sechs Jahre später nicht verhindern, dass das Werk in Vergessenheit geriet, obwohl es einige großartige musikalische Nummern enthält. Dies mag der Grund dafür sein, dass man sich bei den diesjährigen Internationalen Händel-Festspielen in Göttingen entschieden hat, diese Oper konzertant in der Stadthalle zu präsentieren. Die Begeisterung des Publikums bei dieser Aufführung spricht dafür, dass dieses Werk durchaus mehr Aufmerksamkeit verdienen würde.

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David Bates und das Ensemble La Nuova Musica

Das Stück basiert auf einem Libretto von Antonio Salvi, welches bereits 1709 von Giacomo Antonio Perti in Florenz vertont worden war und das sich wahrscheinlich seit Händels Zeit in Italien in dessen Bücherschrank befunden hat. Bei der Umarbeitung nahm Händel allerdings so drastische Striche vor, dass die Handlung noch verworrener wurde. Ausgangssituation ist das Jahr 80 v. Chr. Die ägyptische Königin Berenice soll auf Wunsch von Rom den Prinzen Alessandro heiraten, um eine sichere Allianz mit Rom gegen den feindlichen König Mitridate zu bilden. Doch Berenice liebt Demetrio, der wiederum in Berenices Schwester Selene verliebt ist. Da Selene Demetrios Gefühle erwidert, will Berenice ihre Schwester mit dem Prinzen Arsace verheiraten. Dabei lässt sie Selene in dem Glauben, der versprochene Prinz sein Demetrio, weshalb Selene einer Verbindung zustimmt. Demetrio fühlt sich daraufhin von Selene betrogen. Da er es immer noch ablehnt, Berenice zu heiraten, lässt sie ihn in den Kerker werfen. Alessandro wird mittlerweile von den Römern bedrängt, Berenice zur Frau zu nehmen, will diesem Ansinnen allerdings nur nachgeben, wenn Berenice ihn selbst erwählt. Bis das passiert, gibt es noch zahlreiche Verwirrungen und Verwicklungen. Am Ende erkennt Berenice, dass sie als Königin der Pflicht und nicht der Liebe folgen sollte, und gibt Demetrio für Selene frei. Nur Arsace geht leer aus und tröstet sich mit dem Glück Selenes. So gibt es am Ende zwei Paare und der Frieden mit Rom ist - zunächst einmal - gesichert.

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Mireille Asselin als Berenice mit David Bates und Musikern des Ensembles La Nuova Musica

Lassen sich die dramaturgischen Schwächen des Librettos auch nicht wegdiskutieren, unterstreichen die Solisten des Abends, dass es sich musikalisch bei diesem Stück um ein absolutes Meisterwerk Händels handelt. David Bates, der neben der musikalischen Leitung auch die Rezitative am Cembalo begleitet, fasziniert mit dem Ensemble La Nuova Musica durch einen transparenten Klang und arbeitet die Vielschichtigkeit der Partitur emotional und ausdrucksstark heraus. Dabei gelingt den Streichern ein subtiler Klang, der die Stimmungen der Charaktere differenziert aufdeckt. Mireille Asselin zeichnet die Titelpartie mit strahlendem Sopran in einer enormen Bandbreite. Ihre Auftrittsarie im ersten Akt, "No, ché servire altrui", in der sie sich der römischen Weisung, Alessandro zu heiraten, widersetzt, strotzt mit klaren Höhen vor Stolz und Selbstbewusstsein einer Herrscherin. Einen weiteren Höhepunkt stellt ihre kontrastreiche Arie "Sempre dolci ed amorose" dar, in der sie ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Zärtlichkeit und Raserei fordert und diese beiden Gefühle mit großartiger Variation der Stimme ausschmückt. Wenn sie Demetrio dann im weiteren Verlauf als Verräter beschimpft, "Traditore, traditore", wird sie vollends zur Furie, was Asselin mit scharfen Koloraturen untermalt. Von einer ganz anderen Seite präsentiert sie sich dann im dritten Akt, wenn sie im Dialog mit der Oboe melancholisch in weichen Bögen die Launen der Götter beklagt. Am Ende zeigt sie sich dann in dem Largo "Avvertite, mi pupille" endgültig besiegt und ist bereit, der Staatsräson zu dienen und ihr Herz Alessandro zu schenken.

Anat Edri begeistert als Alessandro mit leuchtenden Höhen, die vor allem im strahlenden Schlussduett mit Asselin deutlich machen, dass Berenice und Alessandro zumindest musikalisch als Paar zusammengehören. Edris und Asselins Stimmen verschmelzen bei diesem Duett zu einer Einigkeit, die vom Publikum mit großem Applaus belohnt wird. Doch auch in ihrer großen Arie im ersten Akt, "Che sarà quando amante accarezza", wenn Alessandro von Berenices Liebe träumt, punktet Edri mit beweglichen Koloraturen in exorbitanten Höhen. Einen weiteren Höhepunkt stellt im zweiten Akt die Arie "Quell' oggetto che è caro" dar, in der Edri mit weichen Bögen erklärt, dass sie aus reiner Liebe bereit ist, auf Berenice zu verzichten, wenn diese einem anderen den Vorzug gibt. Ganz so einfach ist das natürlich nicht, da Demetrio (Michael Czerniawski) leider Selene liebt. Czerniawskis Countertenor verfügt über eine enorme Bandbreite von einer warm-timbrierten Mittellage bis zu strahlenden Höhen. So bildet sein Duett mit Asselin am Ende des ersten Aktes, in dem sie beide mit unterschiedlichen Vorstellungen die Rache besingen, einen großartigen Abschluss des ersten Aktes. Während Czerniawski den Demetrio im ersten Akt eher leidend zeichnet, dreht er im zweiten Akt dann auf, wenn er in der furiosen Arie "Su, Megera, Tisifone, Aletto" die Götter der Unterwelt heraufbeschwört, damit sie ihm seine Gefühle für die vermeintlich untreue Selene aus dem Herzen reizen. Hier begeistert Czerniawski mit stupenden Koloraturen, die dazu führen, dass das Publikum in seiner Begeisterung das Ende der Arie nicht mehr abwarten kann, bevor es in frenetischen Applaus ausbricht. Großartig legt er auch Demetrios Opferbereitschaft am Ende des zweiten Aktes an, wenn er im A-Teil mit zahlreichen Variationen auf dem Wort "risplenderà" aufwartet.

Giuseppina Bridelli verfügt als Selene über einen warmen, dunkel eingefärbten Mezzosopran, der wunderbar mit Czerniawskis Counter korrespondiert. Dabei entfaltet sie in ihrer ersten Arie "Gelo, avvampo, considero e sento" eine dunkle Dramatik, die ihre Angst wunderbar zum Ausdruck bringt. Aufhorchen lässt auch ihre Schlussarie im zweiten Akt, in der sie Arsace zurückweist. Hier entfalten sich ihre Rachegefühle in einem furiosen B-Teil, in dem Bridelli die Flexibilität ihrer Stimme in halsbrecherischen Läufen präsentiert, während der A-Teil eher sanft gehalten ist. Raffaele Pe hätte als Arsace stimmlich mit seinem Countertenor ebenfalls sehr gut zu Selene gepasst, so dass man schon fast ein wenig Mitleid haben kann, dass er am Ende leer ausgeht. Pe begeistert mit einer dunkel eingefärbten Stimme, die in den Koloraturen ebenfalls große Beweglichkeit besitzt. Einen Höhepunkt stellt seine Arie "Amore contro Amor" im zweiten Akt dar, in der er sich zwischen der Liebe zu Selene und dem Wunsch nach Ruhm entscheiden muss. Hier punktet Pe erneut mit flexibler Stimmführung. Großartig gelingt ihm auch das Duett mit Edri im dritten Akt, in dem er Alessandro bei seinem Werben um Berenice unterstützen will.

Aufhorchen lässt auch der Tenor Christopher Turner als römischer Gesandter Fabio mit zwei wundervollen Arien. Die erste steht direkt am Anfang und vergleicht die Motivation der Menschen mit den Bienen, die sich auf den Blumen niederlassen, die den meisten Nektar bieten. Turner punktet hier mit kräftigen Höhen und beweglicher Stimmführung, während die Streicher den Flug der Bienen lautmalerisch einfangen. Großartig gelingt Turner auch das kurze Arioso "Guerra e pace" im zweiten Akt, in dem er allmählich etwas ungeduldig wird, da Berenice nicht bereit ist, dem Ansinnen Roms zu folgen. Hier glänzt Turner mit sauber ausgesungenen Koloraturen. Timothy Dickinson rundet als Aristobolo das Ensemble mit solidem Bass ab, wobei seine Tiefen noch etwas ausbaufähig sind. So gibt es nicht nur am Ende jubelnden Beifall für alle Beteiligten. Auch während des Stückes hält sich das Publikum mit Applaus nicht zurück. Bedauerlich ist nur, dass es dabei nicht immer den letzten Takt der Musik abwarten kann, was zum einen für das Orchester bedauerlich ist, zum anderen auch Probleme für eine Einspielung auf CD bereiten könnte.

FAZIT

Auch wenn sich die Handlung dieser abstrusen Oper kaum nachvollziehen lässt, erlebt man in der Stadthalle musikalisch einen absoluten Hochgenuss, der hoffen lässt, dass diese Aufführung auf CD eingespielt wird. Wer sich davon selbst ein Bild machen will, hat am 12. Juni 2016 um 22.00 Uhr die Gelegenheit, wenn die Aufführung im NDR Kultur übertragen wird.

Weitere Rezensionen zu den Internationalen Händel-Festspielen Göttingen 2016

 

Produktionsteam

Musikalische Leitung
David Bates

La Nuova Musica

 

Solisten

Berenice
Mireille Asselin

Selene
Giuseppina Bridelli

Alessandro
Anat Edri

Demetrio
Michal Czerniawski

Arsace
Raffaele Pe

Fabio
Christopher Turner

Aristobolo
Timothy Dickinson

 

Weitere
Informationen

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Händel-Festspiele Göttingen
(Homepage)



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