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Berliner Festspiele
Musikfest Berlin 02.09.2014 - 22.09.2014

Late Night

Patricia Kopatchinskaja, Violine
Markus Hinterhäuser, Klavier
Laurence Dreyfus, Gambe

12. September 2014 in der Philharmonie    


Berliner Festspiele
Musikfest Berlin

(Homepage)  

Extreme Kontraste

Von Christoph Wurzel

Die russische Komponistin Galina Ustwolskaja ist immer noch eine große Unbekannte in der Musik des 20. Jahrhunderts. Geboren 1919 in Petrograd lebte sie bis zu ihrem Tod 2006 nahezu ununterbrochen in ihrer Heimatstadt, die dann schon wieder St. Petersburg hieß und zwischendurch, als sie bei Dimitri Schostakowitsch Komposition studierte, Leningrad. Noch in weit größerem Maße als dieser muss Ustwolskaja auf ihrer künstlerischen Eigenständigkeit beharrt haben, denn zur Sowjetzeit waren ihre Kompositionen nach der kurzen Tauwetterperiode Mitte der fünfziger Jahre noch weniger gelitten als die ihres Lehrers. Und in den Westen drangen sie umso weniger vor. So ist diese Komponistin erst nach dem Zusammenbruch des „Eisernen Vorhangs“ auch bei uns, wenn auch nur zögernd,  wahrgenommen geworden. Verdienstvoll ist allein schon aus diesen Gründen, dass Patricia Kopatchinskaja zusammen mit Markus Hinterhäuser und dem Klarinettisten Reto Bieri jüngst eine CD mit drei Kammermusikstücken von Ustwolskaja vorgelegt hat. Zwei Werke für Violine und Klavier spielte sie nun mit Markus Hinterhäuser in ihren Late Night Konzert anlässlich des Musikfestes 2014 im gut gefüllten großen Saal der Philharmonie.

Möglicherweise weil auch Musik des Mittelalters und der Frührenaissance angekündigt war, hatte sich ein für diese Abendstunden ungewöhnlich zahlreiches Publikum eingefunden. Nicht wenige aber verließen nach den rund siebzig Minuten einigermaßen verstört den Saal. Mit Ustwolskajas Musik, vor allem dem zuletzt gespielten Duett für Violine und Klavier hatten ihnen die beiden Künstler nämlich viel zugemutet. Denn tatsächlich bekam man alles andere als angepasste Musik zu hören, sondern Klänge, die den Hörer emotional geradezu attackieren, eine Musik, die stellenweise buchstäblich auch physisch weh tut. Ein Ausdruck von Verletzung, Schmerz und Trauer dominiert in dieser Musik, insofern mag sie auch in besonderem Maße seelischer Spiegel eines Unterdrückungssystems wie der Sowjetunion sein, in dem sie entstand. Zugleich aber geht auch eine existenziell berührende Kraft von ihr aus, die das Spiel der beiden Künstler auf dem Konzertpodium eindrücklich vermittelte, auch weil sie sich dieser Musik mit außergewöhnlicher Präsenz annahmen.

Das Duett (aus dem Jahr 1964) ist noch in weit höherem Maße als die zu Beginn gespielte Sonate für Violine und Klavier von einer kompromisslos konkreten  Klangsprache geprägt, die der Geige weit über ihr eigentliches Repertoire hinaus reichende Techniken der  Klangerzeugung abverlangt wie hartes col-legno-Schlagen, Kratzen, Pfeifen, Schleifen und andere extreme dynamische Effekte. Diese Mittel stehen im Dienste einer maximalen Expressivität, die sich durch die Musik unvermittelt einstellt und das Publikum entweder packt oder vielleicht auch abstößt. Indifferenz dieser Musik gegenüber jedenfalls ist kaum denkbar. Auch die früher (1952) entstandene Sonate spricht diese schneidend scharfe Sprache, geht aber in ihren Mitteln nicht derart extreme Wege wie das Duett. Packend wirkt sie durch ihren ostinaten staccato-Rhythmus und das immer wieder markant wiederholte fünfteilige Zweitonmotiv, das sich wie energische Hammerschläge als eine Folterer ins Gedächtnis gräbt. Strawinsky soll darüber gesagt haben, dass er nach dem Hören dieser Sonate begriffen habe, was der „Eiserne Vorhang“ bedeute. Einer so expressiv spielenden Geigerin wie sie Patricia Kopatchinskaja ist, kommt derart explizite Emotionalität und schroffe Dramatik natürlich entgegen und so stellte sie diese in allen Facetten und Nuancen in ihrem Spiel auch heraus - eine Identifikation mit dieser Musik, die einschränkungslos war und dies auch im Einklang mit dem pianistischen Begleiter Markus Hinterhäuser.

Zwischen den diesen beiden schroffen Werken Galina Ustwolskajas erklang Musik, die unseren Hörgewohnheiten weit mehr entgegen kam, gleichwohl aber auch ihren Fremdheitscharakter nicht ganz verleugnete. Patricia Kopatchinskaja wechselte auf eine Barockgeige und spielte zusammen mit dem Gambisten Laurence Dreyfus Beispiele frühester Polyphonie aus dem Winchester Topar, einer Musikhandschrift des 11. Jahrhunderts, Lied-Balladen von Guillaume de Machaut, aus denen auch Schmerz und Wehmut sprach sowie zwei Fantasien des englischen Renaissance-Komponisten Orlando Gibbons. Allein schon durch den getragenen Duktus und die milde Harmonie wirkten dieser kleinen Preziosen alter Musik wie eine Insel zur Erholung der Seele.

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Das Programm

Galina Ustwolskaja
Sonate für Violine und Klavier (1952)

Duett für Violine und Klavier (1964)

Zweistimmige Musik des Mittelalters
und der Frührenaissance
eingerichtet für Violine und Diskantgambe


 

 

Patricia Kopatchinskaja, Violine

Markus Hinterhäuser, Klavier

Laurence Dreyfus, Diskant-Gambe

 





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Da capo al Fine

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