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Musikfest Berlin 2013

Berliner Philharmoniker
Tschechischer Philharmonischer Chor Brno

Luba Orgonásova, Sopran
Mihoko Fujimura, Mezzosopran
Stuart Skelton, Tenor
Christian Gerhaher, Bariton
Christian Schmitt, Orgel
Simon Rattle, Leitung


Musik von Lutosławski, Mahler und Janáček

7. (auch 8.) September 2013 in der Philharmonie Berlin
    

Berliner Festspiele
Musikfest Berlin

(Homepage)  

Naturlaut und Mathematik

Von Christoph Wurzel / Foto: Kai Bienert

Welches an diesem Abend das Hauptwerk sein würde, war vorher nicht so recht auszumachen: Lutosławskis Zweite Sinfonie oder die Glagolitische Messe von Leo¨ Janáček, beides ausgesprochene Raritäten im Konzertbetrieb hierzulande. Von diesen zwei groß besetzten Orchesterwerken umrahmt standen in der Mitte Mahlers Gesellenlieder. Wie es die Entwicklung so mit sich brachte, wurden sie zwischen den beiden anderen ein wenig in den Schatten gedrängt. Wenigstens war entgegen der Vorankündigung die große Fassung von Gustav Mahler selbst gewählt worden und nicht die für Kammerensemble von Arnold Schönberg. Aber leider ließ Simon Rattle Mahlers melancholische Liebesschmerzlieder etwas zu routiniert und zu wenig inspiriert spielen, wenigstens, was den Orchesterpart betraf. Christian Gerhaher dagegen, einer der Seriösesten seines Fachs,  enttäuschte nicht, ließ den vier Liedern all seine Gestaltungskunst zukommen, war ein an der Liebesverweigerung Leidender ohne jede Larmoyanz, ein subtiler Gestalter von Mahlers stark biografisch durchsetzter musikalischer Trauerarbeit. Der Orchesterapparat dagegen ließ stellenweise trotz  klanglichen Feinsinns (die Naturlaute der Holzbläser!) vor allem die philharmonische Präzision vermissen – jedenfalls am ersten der beiden Konzertabende. Am zweiten, vom Haussender Digital Hall direkt in Netz übertragen (und im Archiv immer noch greifbaren), ließen sich derart Unachtsamkeiten nicht mehr erkennen.

Bild zum Vergrößern

Große ihres Fachs: Simon Rattle, Christian Gerhaher und Mitglieder der Berliner Philharmoniker

Die beiden Eck-Werke des Abends waren also wieder zwei Komponisten gewidmet, die im System der Achsen zwischen den „Wegen in die Moderne“ zu verorten sind, allerdings an ziemlich entgegen gesetzten Enden, obwohl (abgesehen vom zeitlichen Abstand) ihre Herkunft geografisch gar nicht so weit auseinander liegt. Der Pole Witold Lutosławski komponierte quasi streng abstrakt. Dass er studierter Mathematiker war, ist beim Hören seiner Musik nicht schwer zu erraten, allein schon der Begriff für sein bevorzugtes Kompositionsprinzip, die „begrenzte Aleatorik“, entstammt dieser Disziplin. Der Tscheche Leo¨ Janáček dagegen huldigte beim Komponieren intensiv seiner Naturliebe. Klavierstücke mit dem Titel Im Nebel oder Auf verwachsenem Pfade und natürlich seine Füchslein-Oper zeugen davon. Und selbst in seiner Glagolitischen Messe frönt Janáček eher seiner pantheistischen Weltsicht als einem frommen Gottesglauben. Diese Vertonung des altslawischen Mess-Textes eines immerhin schon 73-Jährigen ist nicht von frommer Altersweisheit durchweht, sondern nach eigenem Bekunden ein ausgesprochen fröhliches, lebensbejahend jubelndes Werk. Und so erklang es auch beim Musikfest, wo die Philharmoniker mit überbordender Spielfreude zu Werke gingen, ihr strahlendes Blech schmetterten und auch sonst alle klangliche Pracht entfalteten. Ein Sonderlob dem fulminanten Orgelsolo von Christian Schmitt! Auch das Sängerensemble reihte sich weitgehend in diese Stimmung ein: meistbeschäftigt dabei Luba Orgonásova (Sopran), die zuverlässige Mihoko Fujimura (Mezzosopran) und der hier in nur wenigen Takten wieder großartig artikulierende Christian Gerhaher (Bariton). Allein Stuart Skelton (Tenor) drohte an einigen Stellen im orchestralen Getümmel unterzugehen.

Lutosławskis Zweite Sinfonie ist sein erstes größeres Werk, in welchem er seinen persönlichen Stil endgültig anwandte. In zwei Sätzen variierte er seine aleatorische Kompositionsweise. Im ersten Satz (Hésitant: zögernd) durchläuft eine musikalische Phrase die verschiedenen Instrumentengruppen und entfaltet sich variierend und tastend, während im zweiten Satz (Direct) die Klangereignisse sich in dramatisch entfachten Wellen durch das Orchester ziehen. In diesem Satz ist mehrfach auch orchestrales Getümmel zu vernehmen, wobei dieses hier als temporäres Chaos erscheint, zumindest dann, wenn es sich um eine Passage der begrenzten Aleatorik handelt. Dann darf nämlich eine festgelegte Gruppe von Instrumentalisten vorgeschriebene Phrasen innerhalb eines bestimmten Zeitraums selbstständig ausführen, wobei Notenwerte und Rhythmus nicht vorgeschrieben sind, sondern der Dirigent nur den Anfang und das Ende dieser Passage und in bestimmten Intervallen den „Teiler“ schlägt, bis sich alle wieder auf einem gemeinsamen Nenner zusammenfinden. Dieses demokratische Prinzip zu musizieren gefiel den Philharmonikern hörbar gut und sie nutzten ihre Freiheit mitunter hemdsärmelig und beherzt. In einer Aufnahme unter der Leitung des Komponisten selbst klingen diese aleatorischen Stellen etwas differenzierter. Aber sei’s drum: Der Spielfreude freien Lauf zu lassen, ist keine schlechte musikalische Tugend. Auch durchdirigierte Passagen sieht natürlich der Komponist vor und in diesen muss sich ein Orchester allerhöchstem spieltechnischem Standard zeigen. Dabei ließen die Philharmoniker keinerlei Wünsche offen.

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Das Programm

Witold Lutosławski
Symphonie Nr. 2

Gustav Mahler
Lieder eines fahrenden Gesellen

Leo
š Janáček
Glagolitische Messe für Soli,
gemischten Chor, Orgel und Orchester

 

 

Tschechischer Philharmonischer
Chor Brno

Einstudierung: Petr Fiala

Berliner Philharmoniker

Leitung: Sir Simon Rattle

 





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